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Das jüdische Echo · 1920-05-14 · 20 (14.5.1920) · p. Seite 224

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
20 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
Seite 224 (sequence 4)
Language
German
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224 Das Jüdische Echo Nr. 20 nach Palästina zu lenken. Deutschland wird es bei seiner verzweifelten Armut schon jetzt schwer, die bisher vereinzeilt herübergekommenen Ostjuden zu beherbergen. Eine größere Einwanderung würde abgesehen von den fast unüberwind- 'liichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten den Antisemitismus in gefährlichster Weise stärken. Darunter würden nicht nur die Juden, sondern vor allem das gesamte deutsche Volk, dem innerer Friede beträchtlich nottut, leiden. Die Ostjuden bedürfen auch körperlich, moralisch und kulturell der Auffrischung, die ihnen zionistische Arbeit in Palästina verschafft, dringend. Kommt die kleine Völkerwanderung der Ostjuden hier in Palästina zur Ruhe, so wird ein zahlreicher Stamm Ihres Volkes der Kultur zurückgegeben und Deutschland wird von einem der schwierigsten und augenblicklich aufregendsten Probleme befreit. Auf diese Weise kann Palästina auch zum Ausgleich von Gegensätzen führen, die unter den Juden selbst herrschen. Palästina kann bei planmäßiger Kleinbesiedelung 2.5 Millionen Juden ohne Schwierigkeit aufnehmen. Damit wäre, wenn auch nicht die Not aller Juden der Welt, aber doch die sehr vieler beseitigt. Jedenfalls ist die neue Freiheit Palästinas eine Frage, die jeden deutschen Politiker mit Rücksicht auf die oben erwähnten Motive des Antisemitismus auf das ernstlichste beschäftigen sollte. Der Landfondstag des Jüdischen Nationalfonds Von Dr. Georg W o'!) 1 s t e i n - B e r 1 i n. Es ist die gewaltige Tragik des jüdischen Volkes, daß die fürchterlichste Katastrophe, die je über eine Gruppe von Menschen hereingebrochen ist, daß die jüdische Katastrophe zeitlich zusammengefallen ist mit der ungeheueren Weltkatastrophe. Die Pogrome von Kischenew und Homeln, die Beilisaffäre und sonstigen Schikanen des zaristischen Rußland lösten zu ihrer Zeit in der gesamten Kulturwelt Stürme der Entrüstung und Aktionen zur Abstellung oder Linderung des Unheils aus. Sie beschäftigten tage-, wochen- und monatelang die öffentliche Meinung aller Länder. Man fühlte, daß hier ein Schandfleck der europäischen Kultur vorhanden war, der beseitigt werden mußte. Heute, wo die Welt nach einem fast fünfjährigen Kriege nicht zur Ruhe kommen kann, empört man sich nicht mehr über das Grauenhafte, was noch tagtäglich geschieht. Die Welt ist abgestumpft gegen Leiden und Elend. Judenpogrome und Metzeleien, Boykott und Entrechtung werden überhaupt nicht mehr registriert, wenn nicht Hunderte oder Tausende davon betroffen werden. „Wir haben andere, näher liegende Sorgen.“ Das ist die Antwort, die man immer wieder erhält. Und doch ist die Judennot auf das Höchste, fast möchte man glauben, bis an den Rand des Erträglichen gestiegen. Wie es im Sowjetrußland aussieht, weiß kein Mensch genau zu sagen. Als sicher aber muß angenommen werden, daß bei der sozialen Struktur des jüdischen Volkes in Rußland der Bolschewismus, der zwar bisher nur vereinzelt Pogrome veranstaltet hat, den wirtschaftlichen Ruin Zehntausender herbeigeführt hat. Und in den früher russischen Provinzen, in den Gegenden, die Kriegsschauplatz gewesen sind, haben Krieg, furchtbare Pogrome, Boykottbewegung und Judenverfolgungen einer vertierten Soldateska die Juden zu einem Proletariervolk gemacht, von dessen Standard of life man sich hier auch nicht im entferntesten eine Vorstellung machen kann. Und selbst wenn sich dies alles noch in der Hoffnung auf einstige Besserung ertragen ließe: Unerträglich sind die seelischen Martern, die durch die Schikanen der Regierungen und Behörden ausgelöst werden. Unerträglich sind die Verfolgungen, Entrechtung und Unterdrückung, die dem zum Staatsbürger zehnter Klasse Degradierten täglich widerfahren. So hat das jüdische Volk wieder, wie schon so oft, keine andere Möglichkeit, als zu wandern. Es wandert nicht aus Übermut, nicht um besser oder gut, sondern um menschenwürdig leben zu können, nicht um genießen, sondern um atmen zu dürfen. Seit zweitausend Jahren wandert das jüdische Volk. Fast nirgends, wohin es kam, wurde es gern gesehen. Aber immer wenigstens fand sich ein Land, das den Ärmsten der Armen, den ewig Verfolgten, den Eintritt nicht versagte. Und das ist die fürchterliche Tragik dieser Tage, daß heute, wo sich jüdische Massen in Bewegung setzen in einer Zahl, wie die Welt noch niemals eine Wanderung gesehen, sich alle Länder der Welt gegen jüdische Einwanderung abschließen. Und selbst wenn es Einzelnen gelingt, alle Schwierigkeiten zu überwinden und nach Deutschland, Deutsch-Österreich, Schweiz, Holland, Frankreich oder Amerika zu gelangen: ihres Bleibens und Geduldetwerdens ist nirgends lange. Die Ausweisungen aus Bayern haben es gerade in der letzten Zeit wieder deutlich gezeigt. Allüberall wehrt man sich gegen die Einwanderung. Alle Länder schließen ihre Tore. Und ob man es Fremdengesetz oder Grenzschutz oder alien bill oder Fernhaltung lästiger Ausländer nennt: die Maßnahmen richten sich gegen oder treffen doch in der weitaus überwiegenden Mehrzahl die wandernden Ostjuden. Ein Land gibt es heute noch, das Juden in größerer Zahl aufnehmen kann und will: Palästina. Und dieses Land — das muß immer wieder hinausgeschrieen werden, bis alle Juden sich der Schwere der Verantwortung dieser Schicksalsstunde bewußt sind — dieses Land ist nicht, noch nicht in der Lage, große Massen aufzunehmen, w,eil es nicht vorbereitet ist, weil es bisher immer noch an dem Verständnis gefehlt hat, das allein die Mittel schaffen kann. Wir Zionisten haben seit 25 Jahren unablässig gerufen und gewarnt. Wir haben mit den Pfennigen der Armen und Ärmsten gearbeitet und bedeutende Anfänge in Erez Israel geschaffen. Man hat uns als Schädlinge verfolgt und geschmäht, bestenfalls als Utopisten belächelt und nicht ernst genommen. Heute, wo der Zionismus in den Bereich der Realpolitik gerückt ist, wo zugleich die jüdische Not einen kaum mehr überschreitbaren Höhepunkt erreicht hat, wenden wir uns wiederum an alle Juden, auch an alle Juden in Deutschland, ob Zionisten, P h i 1 o z i o n i s t e n oder noch nicht Zionisten, und fordern sie auf, das Gebot der Stunde zu erkennen. Die jüdische Not zu erkennen, und um sie zu lindern, am Aufbau Palästinas mitzuarbeiten und mitzuhelfen, ist kein Zionismus. Zionismus ist die Erkenntnis, daß man selbst tiefinnerst mit dem Schicksal des jüdischen Volkes verbunden ist,

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