Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 19 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Das Jüdische Echo Nr. 1» dienste Jabotinskis für die britische Sache werden aufgezählt und er wird zum Schluß beschrieben als „ein unentwegter Zionist, ein Mann von unbeugsamem Willen, und als ein glänzender Redner und Schriftsteller in mehreren Sprachen, der auf jeden, mit dem er in Berührung kam, Eindruck machte“. * * * Hinsichtlich der Urteilsprüche über Jabotinski und die anderen sagt ein Reuter-Telegramm (datiert von Jerusalem, 20. April): „Der Oberkommandierende der 3. Lahore- Division hat die folgenden Urteilssprüche, die vom Kriegsgericht verkündet worden sind, bestätigt: Zwei Araber wurden wegen Plünderung und Brandstiftung zu fünfzehn Jahren Kerker verurteilt; 19 Juden wurden zu drei Jahren Kerker verurteilt, weil man sie im Besitz von Waffen und Regierungseigentum betroffen hatte; ein Jude wurde zu 15 Jahren verurteilt, weil man bei ihm Feuerwaffen und Munition fand.“ Das Urteil wird zweifellos aufgehoben werden. Das ganze jüdische Volk fühlt sich mit seinen verurteilten Helden eins. — Die Beschlüsse von San Remo haben eine solche Änderung der Lage notwendig im Gefolge, daß sich auch die lokale Beamtenschaft dem wird anpassen müssen. Der kommende Tag Über das Elend des deutschen Judentums ist fast zu viel gesprochen worden, zuviel fast über den Jammer und die Erniedrigung von Menschen, die, seit Jahrhunderten, nicht Zurückschlagen durften, wenn ein Schlag ihr Gesicht traf, die, seit zwei, drei Generationen eine trügerische Gleichberechtigung mit der Aufgabe ihres Selbst bezahlen. Das Schlimmste aber in all dem Schlimmen war wohl, daß sogar die jüdische Jugend das Spiel der Resignation und des Gehenlassens mitspielte, wie es die Väter vormachten — daß von Wenigen abgesehen, die jüdischen jungen Menschen dem Kampf für und um das Judentum fernstanden. Nicht daß es an Begeisterungsfähigkeit, an Opfermut, an Jugendlichkeit mangelte. In allen politischen und geistigen Bewegungen stand jüdische Jugend oben an und zeugte mit Zorn und Eifer, mit Blut und Freiheit für das als Recht Erkannte. Der jüdischen Bewegung stand man fern — sei es, daß man glaubte durch sie und in ihr einseitig zu werden und damit den Blick für die großen Gegenstände der Menschheit zu verlieren, sei es, daß man Judentum und Juden verachtete und ohne den Entschluß zu klarer Scheidung in deutscher Umgebung und Kultur sich wohler zu fühlen, innerlich und äußerlich weiter zu kommen vermeinte. Über die Folgen dieser Stellungnahme braucht nicht geschrieben zu werden. Das Judentum verdorrte. Die Tätigen und Aufopferungsfähigen stellt immer und überall die Jugend: dem Judentume fehlen sie. Fand man sich schon unter dem Deckmantel der Neutralität in jüdischen Dingen oder der Abwehr gegen den Judenhaß in Jugendorganisationen zusammen, die „jüdisch“ waren, weil sie aus Juden bestanden, denen die deutsche Jugend keine Möglichkeit der Mitarbeit, noch weniger aber des Mitlebens gegeben, und die schließlich bewußt oder unbewußt jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl verbunden hatte — lebensfähig waren solche Gebilde nie und jugendlich noch weniger. Denn diese Menschen, die ohne geistiges Band ohne leitenden Gedanken, ohne jenes Gemeinschaftsbewußtsein, das jüdische Menschen aus Liebe zum jüdischen Menschen zusammenführt, Mitglieder desselben Vereines waren, wußten schließlich nichts mit einander anzufangen. Man hielt, oder ließ sich halten, innerlich zusammenhanglose Vorträge, denen man ohne Anteilnahme folgte, man feierte Purim-, Pessach-» Chanukkahfeste mit immer demselben jüdischen Programm, man tanzte, las, diskutierte miteinander, ohne eigentlich zu wissen weshalb und blieb fort, wenn man die ganze Sache satt hatte. Die Organisationen der jüdischen Jugend waren Produkte des Bürgertums, des „juste milieu“, des Beharrungsvermögens. Sie stürmten und drängten nicht, und der Geist der Makkabäer war ihnen so fern wie der flammende Mut jener Vertreter der Urburschenschaft, die in den Jahren der Reaktion den Freiheitswillen des deutschen Volkes aufrecht erhielten, wie das revolutionäre Ungestüm der russischen Jugend, die seit Beginn des Jahrhunderts trotz Sibirien, Knute und Galgen auf den Barrikaden gegen Unterdrückung und Knechtung stand, wie der Opfermut jener Bilu, jener Schomrin und Chaluzim, die als Pioniere der jüdischen Heimstätte in Palästina Leib und Leben einsetzten. Jetzt scheint sich allmählich eine Wandlung anzubahnen. In allen Kreisen der jüdischen Jugend macht sich der Drang, in jüdischen Dingen sich zu entscheiden, Partei zu nehmen, bemerkbar. Ganz gleich, auf welche Seite man sich zu stellen gedenkt: die Schlaffheit, die Indifferenz scheint ihr Ende zu finden. Man will wissen, was den Juden zum Juden treibt, man will mit Teilhaben an der Gestaltung der jüdischen Zukunft. Scharf scheiden sich da die Geister. Zwischen den nationaldeutschen „Kameraden“ und denjenigen Jugendgemeinschaften, die nach dem Buberschen Wort den „Primat des Judentums“ anerkennen, liegt vielerlei scheinbar Unüberbrückbares. Ein Ringen um die Seelen wird beginnen,, zäh, unnachgiebig, oft erbittert. Aber aus solchem Kampf kann dem Judentum neues Leben werden, — wenn ihn nur überall junge Menschen reinen Herzens führen und wenn sie es verstehen» sich die ewig Alten, die Taktiker und Partei- Politiker fernzuhalten. — In Nürnberg hat der Verein zur Wahrung der Interessen des liberalen Judentums in einer Versammlung zu den „Zionisten und Ostjuden“ Stellung genommen. Besonders die Ostjuden wurden von dem Referenten des Abends mit jener gehässigen Schärfe angegriffen, die man ja seit langem gewohnt ist, die aber jüdischen Empfindens keine Spur zeigte. Es war die jüdische Jugend aller Richtungen» die dagegen aufstand, die unter Wahrung ihrer Eigenart in aller Klarheit den Standpunkt des Judentums vertrat. Die jüdische Jugend aller Richtungen ist es, die über die Köpfe der Notabein und der nicht von ihr gewählten Führer aus der älteren Generation hinweg die Möglichkeit zu geistigem Kampf und zur Entscheidung sucht. An Stelle jüdischer Organisationen wird eine jüdische Jugendbewegung treten, in der heut sich viele Strömungen kreuzen mögen, die aber schließlich dem Gesetze der den Dingen immanenten Gerechtigkeit folgend, die Richtung einschlagen wird, in der Kraft, Leben und Wahrheit liegt. Die Entwicklung scheint, künstliche Hemmungen übersteigend, endlich ihren natürlichen Weg gehen zu wollen. Die Zeiten jener Verständigungsgemeinschaft vor zwei Jahren, bei der Sechzig-