Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 18 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- Seite 201 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102977-9140659--03474-9076299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 18 Das Jüdische Echo 201 man das schreckliche Bild: Sara Czizik, Munter und einer der Legionäre, Scharf, waren völlig in Stücke zerrissen durch eine Handgranate. Debora Drechsler war getötet durch drei Herzschüsse, Kenjewski, Mitglied des Hechaluz, lag beinahe wie tot. Nachdem er zum Bewußtsein gebracht war, erzählte er, daß Sarah, Munter und Scharf, während sie am Fenster standen, durch eine von einem Offizier durch die Tür geworfene Handgranate getötet wurden. Debora wurde vom Kemal Effendi mit dem Revolver erschossen. Der Arzt Geri aus Kfar-Giladi erteilte den Verwundeten die erste Hilfe. Trumpeldor fand er in hoffnungsloser Lage. Die Genossen beschlossen darauf, Tel Chaj zu verlassen und nach Kfar- Giladi, welches sich in einer besseren strategischen Lage befindet, zu ziehen. Der Rückzug dauerte von 8 Uhr abends bis 2 Uhr nachts. Unterwegs, um halb neun Uhr, starb Trumpeldor in den Armen seiner Freunde. Vor seinem letzten Atemzuge sagte er: „Schön ist es, für unser Land zu sterben.“ Während des Tages versuchten die Araber sich Kfar-Giladi zu nähern. Gegen Abend ließ der Bey des befreundeten Metwalenstammes den Leuten in Kfar-Giladi mitteilen, daß die Räuber einen zweiten starken Angriff vorbereiten und gab den Rat, sich von Kfar-Giladi zurückzuziehen. In der Umgebung bemerkte man die Anzeichen, die gewöhnlich einem Angriff auf die Franzosen vorangingen. Aus Banjas hörte man Geschützfeuer. Um 8 Uhr morgens bestrich das erste Geschützfeuer Kfar-Giladi. Schneersohn kommandierte Rückzug. Kazlowski mit zwei Reitern des Beys benachrichtigte Metulla, daß auch die Leute von dort den Ort verlassen und zusammen mit diesen Begleitern zogen sie über das Gebirge der Metwalen und am Donnerstag morgens kamen alle nach Ajeleth-Heschachar. (Die Metwalen sind arabische Schiiten, welche im südlichen Libanon und im nordwestlichen Palästina wohnen.)“ Auf diesen Bericht folgen noch weitere Schilderungen der Kämpfe der palästinensischen Arbeiter und der politischen und gesellschaftlichen Vorgänge im Lande. Die Situation ist eine äußerst gefährdete, nicht nur in Obergaliläa, sondern auch schon in Untergaliläa und auch im Innern des Landes ist die Lage ernst. Wir brauchen neue Menschen und neue Kräfte. 3. Eine Kolonie ging verloren. Jüdisches Blut ist geflossen in einem Kampfe, der eigentlich mehr aus Versehen gegen die Juden geführt wurde, der in Wahrheit den Franzosen galt. Es sind nicht die ersten Gefallenen im Lande der Väter und es werden nicht die letzten sein. Wir haben Gräber da drüben. Wir erwerben durch unsere Toten nochmals geheiligtes heiliges Land. Das Fünfzehnmillionen-Volk der Juden flieht über die Erde. Nirgends ist Boden, der ihm dauernde Ruhe gewährt, nirgends ein Land, das zu verlassen im schlimmer als Tod ist. Ein paar tausend jüdische Arbeiter aber klammern sich an die palästinensische Scholle, decken sie mit ihren Leibern, sterben für sie und wissen, daß an die Stelle der Toten andere treten werden. Kein Wort von Flucht: „Die Lage im Lande ist ernst, wir brauchen neue Menschen und neue Kräfte.“ Wir lesen die Nachricht aus Tel Chaj anders als die Berichte über Pogrome. Pogrom? Das ist hoffnungslos, niederschmetternd, entwürdigt uns mit. Judien gehetzt wie Wild, zusammengetrieben, erschlagen wie Ungeziefer! Tel Chaj verloren? Wir wissen, daß wir es wieder haben werden. Wir verloren ein paar Häuser, ein paar Acker wurden verwüstet — aber wir gewannen jüdische Helden. Man klagt darüber, daß es nichts gäbe, was man jüdischer Jugend von jüdischen Menschen erzählen könne. Das gewiß heldenhafte Märtyrertum, das unsere Geschichte beherrscht, ist nicht geeignet, junge Menschen zu begeistern. Die Jugend will Vorbilder, will männliche Männer. Man erzähle ihr von den Toten von Tel Chaj, man berichte ihr, wie wir eine Kolonie verloren. G—. Wer sind die Schuldigen? Unter dieser Überschrift brinst „Haolam“. das hebräische Zentralorgan der Zionistischen Weltorganisation, einen längeren Artikel über die letzten Vorgänge in Jerusalem, dem wir folgendes entnehmen: Es ist kein Pogrom, den die Araber gemacht haben, sondern ein Pogrom, welcher unter Benützung der Araber in bestimmter Absicht veranstaltet wurde. Es ist das gewöhnliche Mittel, dessen sich die hohen Beamten bedienen, um ihre Tendenzen zu stützen, um auf die Zentralregierung manchmal selbst gegen die Anschauung der Letzteren Einfluß zu nehmen. Alle Beamten im Lande mit wenigen Ausnahmen sind Antizionisten, nicht aus hochpolitischen Gründen, sondern aus einer gewissen Denkfaulheit, weil sie eine ungewöhnliche und komplizierte Sache nicht verstehen, die von ihnen eine besondere Einstellung verlangt. Wenn der Beamte mit Indern, Hottentotten oder arabischen Fellachen zu tun hat, dann geht alles nach Wunsch, sind irgendwo Unruhen ausgebrochen, schickt er einige Soldaten und alles ist in Ordnung. Und so wäre auch die Sache in Palästina gewesen, wenn nicht die jüdischen Einwohner und die Zionisten -wären, welche den Beamten nicht unbeschränkten Herrn sein lassen, welche Forderungen und Beschwerden haben, weiche Lärm schlagen und Weisungen bei der Zentralregierung durchsetzen. Man zwingt ihnen eine Politik auf, welche von ihnen besondere Aufmerksamkeit und Verständnis verlangt. Beinahe das ganze Okkupationsjahr verging mit Reibungen zwischen den Zionisten und den palästinensischen Beamten, die Letzteren geben Befehle und die Zionisten bemühen sich bei der Zentralregierung erfolgreich darum, daß sie aufgehoben werden. Selbstverständlich sind die Beamten den Zionisten nicht wohlgesinnt. Der Verband bayerischer Israelitischer Gemeinden Am 20. und 21. April versammelten sich in Nürnberg unter dem Vorsitz von Herrn Justizrat Dr. Held die Delegierten und die Rabbiner der bayerischen jüdischen Gemeinden sowie Vertreter des Verbandes der bayerischen jüdischen Lehrer, des Zionistischen Gruppenverbandes für Bayern und Württemberg, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Verbandes der Deutschen Juden und des Zentralvereins zur Bildung eines Verbandes bayerischer Israelitischer Gemeinden und zur Beratung des im Jüd. Echo (Nr. 14 und 15) bereits veröffentlichten Neumeyerschen Verfassungsentwurfes. Die außerordentlich gut besuchte Versammlung war von einem ent-