Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1920-04-23 · 17 (23.4.1920) · p. Seite 193

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
17 (23.4.1920)
Date
1920-04-23
Page
Seite 193 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9072829-9102977-9140658--03465-9076290
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17 Das Jüdische Echo 19 J Belagerungszustand und Maschinengewehre sind gewiß ein höchst betrüblicher Anfang. Doch niemand von uns war sich seit der Anerkennung des Zionismus durch die Mächte darüber im Unklaren, daß die eigentliche praktische, und nicht nur kolonisatorische, sondern auch politische Arbeit erst jetzt beginnen werde. Im Rahmen der ungeheueren geistigen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzung, in der die ganze Welt heute lebt, sind die Ereignisse in Palästina nicht mehr als ein Symptom der Zeit. Um Genaueres sagen zu können, müssen wir erst einmal ausführlichere Nachrichten abwarten. Erfahrungsgemäß erscheinen Unruhen aus der Entfernung bedeutsamer, als sie tatsächlich; sind. Aber nehmen wir einmal an. unsere schlimmsten Befürchtungen würden noch übertroffen, so würde diese Tatsache jeden Zionisten erst recht vor die Aufgabe stellen, nunmehr mit allen seinen Kräften zur Verwirklichung unseres Zieles, in dem wir die einzige Lösung des gesamten Komplexes der Judenfrage erblicken, beizutragen. Wer seine Ideale und Ziele entsprechend den äußeren Geschehnissen regelt, ist ein Opportunist. Kein Zionist wird sich durch den auf jeden Fall äußerst betrüblichen Rückschlag in seinem Streben wankend machen lassen. Ein Blick auf die Geschichte anderer Völker zeigt, da'ß derartige Krisen von historischer Gesetzmäßigkeit sind. Das jüdische Volk wird beweisen, daß es die Tradition seiner Väter aufrecht erhält und sich durch kein äußeres Unglück von der Treue zu seinem Volke abbringen lassen wird. Bilder aus den Jerusalemer Kindergärten von Di na Clemence Mayer, Jerusalem.*) Da ich nun um die Mittagszeit in den Gan (Kindergärten) komme, ist alles still Die Kleinen schlafen auf ihren Strohmatten, nachdem sie ihr einfaches Mittagsmahl einen Teller Suppe mit Brot, genossen haben. Um zwei Uhr klingelt es. Dann sitzen die Kinder wieder in ihren Klassenzimmern, die bunt und lustig anzusehen sind. Von Wand' zu Wand ziehen sich) selbstgemachte Papierketten, dazwischen flattern Schmetterlinge aus Päpier. Mit unglaublichem Stolz sehen die Kleinen zu ihren selbstgefertigten Kunstwerken auf. An den Wänden hängt hie und da ein hübscher Kunstdruck, der über Länder und Meere den Weg hierher gefunden hat. Ganz einzig in seiner Art aber ist der Ausblick, den man von den Fenstern dieses *) Anfang siehe Nr. 14 des „Jüd. Echo“. Kindergartens hat. Da sieht man über das Gewirr der Kuppeldächer hinweg direkt auf den Tempelplatz mit der berühmten Omar-Moschee. Greifbar nahe sieht man die Fayaftcen und Mosaike dieses wunderbaren Bauwerks leuchten. Man sieht die uralten Cypressen, die als Wächter am Brunnen Salomons stehem Dahinter erhebt sich der ölberg; jeder Pfad, man möchte sagen jeder Stein ist deutlich zu erkennen in der wunderbar klaren Luft. Man kann sich kaum losreißen von dem Anblick. Jetzt aber wollen wir uns in der Klasse umschauen. Es ist gerade „Sinnesübung“, Erkennung von Geräuschen aus verschiedener Entfernung, in Form eines Spieles. Daran schließen sich Tastübungen bei verbundenen Augen an. Eine andere Gruppe hat Freizeichnen, eine dritte reiht Perlenketten und die Kleinsten spielen mit den Puppenzimmern, die ihnen die Größeren angefertigt haben. — Um 4 Uhr ordnen sich die Kleinen zum Heimweg. Unter Gesang und lebhaftem Abschied verlassen sie den Gan, tauchen unter im Gewimmel des Bazars und bald sind alle die kleinen Gestalten verschluckt von den finsteren Löchern und Toren, die zu ihren „Wohnungen“ führen. — II. Der Kindergarten der sephardischen Talmud-Thora Innerhalb der Stadtmauer, nahe beim Zionstor befindet sich die große Talmud-Thora der sephardischen (spaniolischen) Gemeinde. Es ist ein großes, altes, völlig unmodernes Gebäude, das wohl schon durch ein besseres ersetzt worden wäre, wenn — ja wenn die Mittel dazu vorhanden wären. Wer wissen will, was Armut bedeutet, der besuche diese Schule und den sich anschließenden Kindergarten. Hier sind die Kinder fast durchweg bettelarm, ja, manche von ihnen sind reguläre Bettelkinder, die man in allen Straßen der Stadt finden kann. Diese Ärmsten kommen in Lumpen zur Schule. Als ein Besucher des Kindergartens diesen trostlosen Zustand sah, stiftete er Schürzen für die armen Kleinen und seit dieser Zeit bietet der „Gan“ ein etwas besseres Bild. Sauber angezogen, gleichsam uniformiert, sitzen die Kinder nun auf ihren Bänkchen. Aber wieviel fehlt noch, um den Kindergarten in die Lage zu versetzen, seinen Zöglingen die notwendige körperliche Pflege und Fürsorge angedeihen zu lassen! Das wichtigste Erfordernis wäre eine Badeeinrichtung mit Douchen. Aber die innere Stadt ist besonders wasserarm und die Talmud-Thora hat in ihren Zisternen nicht einmal genügend Trinkwasser für \ßmt POBZGLLAN-NIEDESLAeS MÜNCHEN THEATINERSTRASSE »3 gegenüber der Feldhtmkall* GKÖSSTE AVNWAIl. IN «EUBAUCB8POBZELUI TiULICBE LAfiEBEBBAKZVXfi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.