Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 191 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Das Jüdische Echo 19! scheucht worden waren. Abends meldeten auch die Demokratenblätter (voran natürlich das „Berliner Tageblatt“, d. Red.), der Tatkraft weiser Regierer sei gelungen, Berlin von Hundierten bolschewistischer Hetzer und ostjüdischer Schieber zu säubern. Die Opfer dieser Tatkraft werden auf Lastautos, je 60 auf eins, verstaut; von der Münzstraße, durch grimmig und höhnisch gaffende Haufen, vor den Anhalter Güterbahnhof gerollt; den dort ihrer harrenden Kämpen aus Baltenland übergeben; in einen Personenzug (nicht in Viehwagen: sind wir human?) eingeladen. Na*ch Wünsdorf bei Zossen. Behagliche Fahrt. In jedem Abteil 5 Gefangene und 5 Soldaten in voller Kriegsrüstung. Bunte Reihe. Die Helden liegen ihre Handgranaten, je mindestens vier, auf die Bank, auf die Erde; stoßen mit dem Fuß oder Gewehrkolben linkwärts, rechtwärts: und nicht nur die verängstigten, totmüden, hungernden, durstenden Jüdchen zittern vor der Minute, wo „eine losgehen werde“. Tröstlich aber schwirrt gute Rede auf. „Na, Ihr dreckige Saubande, haben wir Euch endlich? Verfluchtes Judenpack! Verraten und verkauft habt Ihr Deutschland. An allem seid Ihr schuld. Auch an der Schweinerei, die jetzt im Ruhrgebiet ist. Geht alles von Euch stinkigen Mauschels aus. Jetzt wollt Ihr uns die letzte Brotkrume wegfressen. Höchste Zeit, daß wir der Judenregierung die Sache aus der Hand nehmen.“ Viel rüdere Worte, gröbere Zoten hageln. Schüchternes feinwandgestammel wird verlacht oder niedergeheult. In so reiner, manchmal von Naturböllern durchzuckter, durchwürzter Atmosphäre fließt die Reise munter fort. Fromme beten; eine junge Studentin starrt, allen Geräuschen taub, vor sich hin; eine fast Sechzigjährige hockt, grünlich bleich, zwischen 2 Handgranaten in Gefangenschaft. Granaten mußten sein. Zupacken! Die Knochen entzweischlagen. „Alles aussteigen!“ Langer Fußweg. Stacheldraht. Scheinwerfer. Das Lager. Das Lager der Gefangenen wird von dem der Truppen umringt. Doppelter Drahtverhau; gespickt mit Maschinengewehren. Überall WaffengekLirr. „Stillgestanden!“ Hauptmann Schmidt, Führer des Sturmbataillons, das seinen Namen trägt, begrüßt, sehr stattlich, fast majestätisch in Mantel und Pelzkragen, die Kömmlinge. „Leute, Ihr steht hier unter dem verschärften Belagerungzustand und habt Ordre zu parieren. Wer sich widersetzt, wird erschossen. Wer sich dem Stacheldraht nähert, wird erschossen. Wer einen Soldaten anspricht, wird erschossen. Wer nach 7 Uhr abends die Baracke verläßt, auch nur einen Schritt heraustut. wird erschossen.“ Er wiederholt es. „Habt Ihr verstanden?“ Noch einmal: „Wird erschossen!“ Zum zwölften Male. Zehnte Abendstunde. Fünfzehn Stunden zuvor wurden diese Menschen aus der Wohnung, dem Bett. Tempel, Laden geholt; standen bis 6 Uhr; Lastauto. Eisenbahn, Marsch; nicht einen Bissen, nicht einen Tropfen; Schreck, Angst, Todesandrohung; quälende Vorstellung der Strenggläubigen, am nahen Passahfeste der religiösen Vorschrift nicht genügen zu können. Totmüde wanken. Das Krampfgeschrei eines Herzkranken gellt durch die Nacht. „Übrigens kriegt Ihr zu essen; morgen auch Stroh usw.“ In die Baracken. Gewachsener Boden. Leere Bettgestelle. Kein Stuhl oder Schemel, keine Streu oder Decke. Draußen liegt, dicht vor der Tür, Holzwolle. Aber: „Wer auch nur einen Schritt heraustut, wird erschossen.“ Das Alflermenschlichste selbst muß also in der neuen Wohnung „abgemacht“ werden; vor dem Auge, der Nase des Mitgefangenen. Fast ein Glück, daß es stockdunkel ist. Wenn nicht gerade der Strahl des geschäftig die Runde absuchenden Scheinwerfers die Baracke trifft. In der glimmt nicht die elendeste Funzel. In die gelangt weder Speise noch Trank. „Morgen kriegt Ihr was.“ Fröstelnd, mit schwindligem Hirn, kauert Alt und Jung in der kalten Märznacht. Einem um den Herzkranken Besorgten hat ein Tressenträger geantwortet: „Lazarett? Gibts nicht. Wer hier krank wird, liegt, bis er verreckt.“ Unter den Aufgegriffenen sind viele Kranke aus Lungenheilstätten und „ambulanter Behandlung“ in der Universitätsklinik; zarte Mädchen und schwächliche Frauen. Ist halbwüchsiges, schlecht genährtes Volk. Die Stunden schleichen. Der Ziga'rettenvorrat, den Nächstenliebe längst „sozialisiert“ hat. geht zu Ende. Im ersten Morgengrauen wird es laut. Ein Feldwebel-Leutnant, der schwertrunken scheint, torkelt heran; hinter ihm 2 Mann. „Hier, Jude! Steh! Hab’ ich Dir Saujuden nicht gesagt, Du sollest gehen?“ Schwapp: eine Maulschelle, von der das Jüdchen, wie im Wind eine Binse, bebt. „Papiere her! Das sagt mir nischt!“ Immer den geladenen Revolver bis an die Kopfha'ut der Wehrlosen gestreckt. Im Halbdunkel; ein Trunkener. Schösse er: „Das koschere Schwein hat sich widersetzt.“ Kein Hahn würde danach krähen. Der Gewaltige reißt auch Witzchen „Bist kein Jude? Kennen wir! Heute: Nein, morgen: Ja; wies trefft. Echte Mauschelmischpoke.“ Jeder wird geduzt, mit dem Revolver geängstet; jeder muß, wie ein Hund vor dem bösen Herrn, auf barschen Anruf stehen und gehen. „Ich schieß Dich nieder, die ganze Aasbande...“ Um Zehn, Sonntag, endlich: „Kaffee holen!“ Im Gänsemarsch, an Plakaten mit rohester Judenbeschimpfung vorüber. Laue, graubraune Brühe. Einer stolpert und das edle Naß schwippt aus dem Blechgefäß. „Unseren feinen Kaffee gießt Ihr Luder weg?‘Wartet man: in vierzehn Tagen habt Ihr hohle Backen und seid selig, wenn Ihr was so Gutes kriegt.“ Vor dem Stacheldraht schaaren sich Verwandte und Freunde, die aüs Berlin den Gefangenen Nährmittel, Decken, Ausweispapiere, Zigaretten bringen. Stehen bis Mittag, bis Abend wird: „Keine Katze darf ’rein. Strenger Befehl.“ Je fünf Gefangene erhalten ein Kilo Brot für den Tag. Morgens und abends gibts einen Kübel „Kaffee“. Mittags sandige Graupenjauche; nach dem Urteil des Untersuchungs-Ausschusses „ekelhaftes Zeug“. Nichts weiter. Doch nun werden immerhin Schemel. Stroh, Decken, Säcke verteilt. Nicht alle Soldaten sind unfreundlich. Der Lagerinspektor spricht wie zu Menschen ein Mensch. Aus Morgen und Abend ist ein Tag geworden. Der zweite in Babylon. Am 30. März erlangt, nach vielen Mühen, das „Arbeiter-Fürsorge-Amt der jüdischen Organisationen Deutschlands“, dem andere Judenvereine sich gesellt haben, die Erlaubnis, eine Kommission nach Wünsdorf zu senden; ein Offizier, ein Rabbi, ein Polizeirat fahren mit. Am 1. April fährt die erweiterte Kommission wieder hinaus. Innerhalb zweier Tage sieht das Wehrminsterium sich genötigt, 245 Gefangene zu entlassen; von 36 der Bolschewikenpropaganda Verdächtigen 29; noch in derselben Woche alle übrigen. Auf den von keinerZivilstelle gebilligten * Befehl des Generals Seeckt sind also vollkommen unschuldige Menschen verhaftet, verschleppt. beschimpft, mißhandelt, gemartert worden. „Nicht einen Raubmörder dürfte man so behandeln. Immer wieder wurden die Leute in Todesangst versetzt.“ Ein Spitz e 1 des Sturmbataillons Schmidt schlief zwei