Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Das Jüdische Echo Nr. 17 6. W. D., cand. med., deutsch-österreichischer Staatsbürger, österreichischer Leutnant d. Reserv., vom ersten bis zum letzten Kriegstage im Heere, über 3 Jahre im Feld, besitzt hohe Auszeichnungen. Hatte Aufenthaltsbewilligung zum Studium, die zurückgenommen wurde, weilW.nichtdeutschst ä m m i g. Verheiratete sich nach der Aufenthaltsbewilligung mit A. geb. Sch., diese seit 1901 in München. Wohnt bei Schwiegereltern. Verlor durch den Kriegsdienst 8 Semester, würde bei Durchführung der Ausweisung weitere verlieren. Besitzt schriftliche Immatrikulationszusage der Münchener Universität. 5 Tage Frist. 7. M. E., lebt seit ihrem 2. Lebensjahr in München, hier aufgewachsen und Schule besucht. Ging mit ihrem Mann aus Berufsgründen 2J/s Jahre nach Gera-Reuß. Da in München und Augsburg ansässige Geschwister, kehrte sie nach dem Tode ihres Mannes nach München zurück. Unterhielt sich während des Krieges als Munitionsarbeiterin, lebt jetzt von Aufwarte- und: Näharbeiten, sowie von der Unterstützung der Verwandten. Im Falle eines Verlassens Bayerns würde jede Verbindung und Niederlassungsmöglichkeit fehlen. Somit wäre Internierung wahrscheinlich. Die ganze Familie, die das Ausland gar nicht kennt, ist ihrer ganzen Art nach deutsch. 8. B. S., 18 Jahre alt, und B. S., ebenfalls 18 Jahre allt, minderjährige Kinder des seit 1909 ununterbrochen ansässigen L. B. sind mit 14tägiger Frist ausgewiesen. S. B. ist Lehrmädchen in einem Putzgeschäft der Bruder ist fast taub und geistesschwach, beide leben vom Unterhalt des Vaters, sind ohne jede Erwerbsmöglichkeit und können anders, wie im Haushalt des Vaters, nicht existieren. Die Ausweisung wäre eine erzwungene Trennung der Kinder, die noch minderjährig, von ihrem Vater. Die Ostjudenrazzia in Berlin In Nr. 29 der „Zukunft“ vom 17.4.1920 bringt Maximilian Harden eine ausführliche Darstellung der unter den Schla'gworten: „Gegen Bolschewismus und Schiebertum“ vorgenommenen Ostjudenverfolgung durch General v. Seeckt, aus der wir hier einen Auszug folgen lassen. Die Redaktion hat dem nichts hinzuzufügen. Dem General v. Seeckt, den General Ludendorff „eine der durch Geistesschärfe und klare Gemessenheit am Stärksten hervortretenden Erscheinungen des Krieges“ nennt, wurde in der vorletzten Märzwoche gemeldet, in Berlin seien ungefähr 40 bolschewistische Agitatoren, frisch aus dem Moskauer Faß, angelangt und in die Grenadierstraße untergekrochen. Den von der löblichen Reichsregierung in den Rang des Oberbefehlshabers gehobenen General hinderten „Geistesschärfe und klare Gemessenheit“ nicht, der dem Kenner russischen Propagandabrauches und russodeutschen Verkehrszustandes unsinnig klingenden Meldung zu glauben. Diesem Glauben mag durch das langwierige Torengeschwätz von „Überschwemmung Deutschlands mit Hunderttausenden ostjüdischer Bolschewisten und Schieber“ der Boden bereitet worden sein. Während dös Krieges, insbesondere nach der russischen Revolution und der deutschen Niederlage, hatten fast alle von Ost her verschleppten Juden Deutschland verlassen. Seit einem Jahr erst hat die Rückflut und neue Einwanderung begonnen; und nach amtlicher Auskunft sind im Ganzen höchstens siebenzigtausend Ostiuden jetzt auf deutscher Erde. Daß in dem Schwarm Bolschewisten sind, ist höchst unwahrscheinliche Die konnten ruhig in Rußland bleiben, wo besonders die heute schon mögliche Ansiedlung im reichen Sibirien lockt. Die Propagatoren leniniscben Wollens treten nicht in Rudeln auf und sehen ganz anders aus als das armselige Gekribbel, das in der Grenadierstraße und ähnlichen Winkelh des Berliner Zentrums Schlupflöcher suchte und fand. Schieber? Die wohnen westlicher, stattlicher. Das Schieberchen, das ein paar Pfund Butter, Zucker, Mehl, ein Dutzend Kragen, Schuhwerk oder andere Bekleidungsstücke anbietet und von dem errungenen Mehrwert sich sättigt, ist nicht gefärlich. Im jüdischen Osteuropa wird die Straße zum Bazar. Rufe, auch wohl Handgriffe, zerren den Kunden herbei; Alles schreit, feilscht, schwört, kreischt, fuchtelt; Alles ist schmutzig und häßlich. So ists in der Grenadierstraße. Kluge Menschen, die sie gründlich durchforscht haben, berichten, daß dort viele redliche, chassidisch reine, nur eben nicht lieblich zu schauende Ostjuden, Handwerker, Kleinhändler, Bastler. Höker, hausen, von denen Deutschlands „Ruhe und Ordnung“ nicht das Allergeringste zu fürchten hat. Aber General Seeckt stand, extra dry. auf dem Glauben an die vierzig Bolschewiken und befahl, die ganze Ghettosippe nach Döberitz, unter die treue Hut bewährter Baltikum-Kämpfer, zu bringen. Der ohne Verständigung mit den Zivilbehörden ausgegebene Befehl vom 23. März widersprach dem Erlaß des Ministers Heine vom 1. November 1919 über die Behandlung der Flüchtlinge aus dem Osten. Die Gültigkeit des Befehles wurde, nicht nur deshalb, angezweifelt; und der Sozialdemokrat Richter im Präsidium der Berliner Polizei spöttelte, gar nicht schüchtern, über die Bolschewikenangst mancher Heerführer. Am 27. März. An einem Sonnabend. Zufall oder Absicht? Der oder die an diesem Tag Verhaftete fiel also in das verdächtige Gewimmel der „ohne ausreichenden Paß festgenommenen Ostjuden“. Der Seecktbefehl erlaubte, jeden ohne zulänglichen Ausweis gefundenen Fremdling zu verhaften. Schön und bequem; damit aber die „Judenpresse“ nicht von Angst knurrig wurde, mußte man ihr auch ein Bündel waschechter, bolschewistisch duftender Christen vor den Kneifer halten. Ein paar echte Russen, Renommierbalten, darunter ein leibhaftiger Graf aus dem nordwestlichen Tiergarten: durfte da Einer noch von schnöder Antisemiterei reden? Um dieselbe Morgenstunde wurden 'die von Ostjuden bewohnten Straßen durch Wehrmannschaft abgesperrt und aus Wohnungen und Hausfluren die Menschen herausgeholt. „Wie von rohen Treibern das liebe Vieh“: sagte mir Einer, ders sah. Wer aus der Synagoge kam oder mit jüdischer Fassade des Weges schritt, wurde mitgetrieben. Auch ein Rabbi aus der Grenadiergeineinde. „Keinen Ausweis?“ Sonnabend. „Also mit.“ Mehr als tausend Menschen wurden „der Sammelstelle zugeführt“. Die war der Hof der Alexanderkaserne in der Münzstraße. Da, zwischen „bimsenden“, dann spielenden, nachmittags der Regimentskapelle lauschenden Söldnern, pferchte sichs. Die aus Versehen .aufgegriffenen Reichsbürger, auch viele Fremdlinge, die zulänglichen Ausweis bei sich trugen, zusammen über 700. mußten nach langem, durch wüste Schimpfreden der Söldner gewürzten Warten entlassen werden. Die Anderen, 280 Juden und ungefähr 20 Christen, standen vom frühen Morgen bis in die Dämmerung a*uf dem Kasernenhof. Männer, Frauen, Kinder. Fast Alle ohne Speise und Trank; so, wie sie nüchtern aus dem Bett ge-