Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 188 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Das Jüdische Echo Nr. 17 III. Treffen die Voraussetzungen zur Gründung lebensfähiger Volksschulen in Großstädten zu? Ich werde wieder auf München in einigen Punkten als Beispiel hinweisen müssen. Die erste Frage haben jüdische Eltern zu beantworten, ob sie ihre Kinder christlichen oder jüdischen Schulen anvertrauen wollen. Die Antwort wird sehr verschieden ausfallen, und ich bin fest überzeugt, daß ein großer Teil der Erziehungsberechtigten sich für die christliche Schule entscheidet; ein anderer Teil aber wird ebenso entschieden für jüdische Schulen stimmen, ln München haben die Eltern von Ohel Jakob (orthodoxe Gemeinde) über die Frage abgestimmt, und einstimmig wurde dort das Votum für die jüdische Schule abgegeben. Religiöse Gründe mögen hier den Ausschlag gegeben haben. Aber auch erzieherische und soziale Gründe sprechen für den Plan. Wir haben in unserer Gemeinde eine große Zahl von Familien, die aus dem Osten eingewandert sind. Man mag sich zu diesem Teil der Gemeinde stellen wie man will — er bildet einen Faktor in der Gemeinde und wird, geleitet von zielbewußten Führern, seinen Teil an den Einrichtungen verlangen, nicht nur als Objekt, sondern in nicht zu ferner Zeit als Subjekt. Heute schon ist der Prozentsatz jüdischer Kinder, deren Eltern aus dem Osten stammen, ein sehr starker. In der Schule an der Klenzestraße, in welcher ich seit 15 Jahren fast den gesamten Religionsunterricht erteile, ist das Verhältnis der ostjüdischen zu den deutschjüdischen Kindern überwiegend. Ich habe Gelegenheit gehabt, die Kinder kennen zu lernen, und ihren Eltern ratend und helfend beizustehen. Bedauerlich ist es, daß durch unbegründete Tren- Hungsbestrebungen gegen den Willen der Eltern ein Keil in dies Vertrauensverhältnis, das beide Teile befriedigte und das den Kindern nützte, getrieben wird. Ich muß betonen, daß die drei Inspektoren, bei denen ichi als Mittler und Vertrauensmann wirkte, stets Wohlwollen und Gerechtigkeit den Kindern entgegenbrachten. Gerade in den Kreisen dieser Eltern besteht der Wunsch nach religiöser Betätigung ihrer Kinder, sodaß gerade in diesen Kreisen das Verlangen nach jüdischen Schulen besonders lebhaft ist. Unsere Gemeinde hat sich stets zur Pflicht gemacht, der Not der Ostjuden zu steuern und die Mittel unserer Institutionen: Kinderbekleidung, Ferienkolonie, Speiseanstalt, Milchverteilung, Kindergarten, Schülerhort, Waisenstiftung kommen wohl in der Hauptsache ihren Kindern zugute. Die materielle Hilfeleistung ist wohl über den Höhepunkt hinweg, da wir allenthalben einen materiellen Aufstieg dieser Kreise beobachten. Wer weiß, daß diese Familien aus schwerster Not. aus tiefem Elend kommend, bei uns Zuflucht suchten, darf von ihnen, deren Heimat oft in Halb-Asien liegt, nicht deutsche Lebensart, nicht unser verfeinertes Gefühl für Takt und Sitte erwarten. Die ältere Generation dazu zu erziehen, ist unmöglich — aber die Jugend können und müssen wir so erziehen, daß sie in unsere Anschauungen über das* was Sitte im Verkehr mit den Mitbürgern erfordert, sich hineinlebt Die ostjüdischen Kinder werden in wenigen Jahrzehnten einen wesentlichen Teil unserer. Gemeindemitglieder bilden. Wir haben alle die Pflicht, sie zu fördern — das kann nur in einer jüdischen Volksschule geschehen. Also soll es eine „Armenschule“ werden! Wenn die deutsch-jüdischen Eltern ihre Kinder ihr nicht anvertrauen schon — aber das ist kein abschrekkender Gedanke für uns Juden. Hat doch vor mehr denn 2000 Jahren ein Rabbi gemahnt: „Achtet auf die Kinder der Armen; denn von ihnen geht die Thora aus!“ Übertrage ich den Gedanken auf unsere Gemeinde: „Fördert die Kinder Euerer fremdländischen Brüder, sie bilden die Zukunft unseres Judentums!“ Hier in der Gegend der Klenzeschule müßte die erste jüdische Volksschule entstehen mit 30—40 Kindern, Knaben und Mädchen in den Klassen vereinigt. Von der 5. Klasse an werden wohl die begabten Knaben in die Mittelschulen übertreten für die Mädchen aber könnte fakultativer Unterricht in der französischen Sprache erteilt werden, sodaß etwa von der 6. Klasse an der Lehrplan sich dem einer Mädchenmittelschule anpassen könnte. Auf die weitere Organisation und die Finanzierung der Schule will ich hier nicht näher eingehen. Ähnlich dürften auch in anderen Großstädten die Verhältnisse liegen. In Nürnberg besuchten die volksschulpflichtigen jüdischen Kinder die Vorklassen von Mittelschulen und privaten Volksschulen. Sollten diese Privatschulen durch das Reichsgesetz aufgehoben werden, so müßten die Kinder entweder christliche Volksschulen besuchen oder zu gründende jüdische Schulen. Die städtische Schulkommission in Nürnberg hat sich, wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, bereit erklärt, die nötigen Schulräume zur Verfügung zu stellen und die anzustellenden Lehrer den städtischen Volksschullehrern gleich zu stellen. Nebenbei sei bemerkt, daß auch in München Privatvolksschulen bestehen, die fast ausschließlich von jüdischen Kindern besucht sind, so haben wir in München jüdische Konfessionsschulen — ohne jüdische Lehrer. Noch auf eine Aufgabe, die die jüdische Volksschule vorbereiten müßte, ist hinzuweisen. Wir haben die verschiedensten Versuche gemacht, die schulentlassene Jugend anderen Berufszweigen zuzuführen als dem Handels- und Kaufmannsberufe. Stipendien für Handwerkslehrlinge, Handfertigkeitskurse, Berufsberatung waren die Mittel, die zu einer Umschichtung des jüdischen Nachwuchses in produktive Berufe Anregung und Aufmunterung geben sollten. Viel Mühe wurde auf diese Arbeiten1 verwendet, der Erfolg war ein sehr bescheidener.. Eine solche Umschichtung, diie nicht nur im Interesse der seelischen und körperlichen Entwicklung und Gesundung der Judenheit liegt, sondern eine Vorbedingung eines erträglicheren Verhältnisses zu der nichtjüdischen Bevölkerung werden: kann, muß schon in der Schule vorbereitet werden, in der die Kinder gefühls- und willensmäßig,, wie auch durch Aufnahme des Werkunterrichts für technische und handwerksmäßige Berufe interessiert werden sollen. Von wem sollen aber die jüdischen Volksschulen begründet werden? Sie sollen vom Vertrauen der ganzen Gemeinde getragen sein. Die Schule soll „jüdisch“ sein, der Lehrplan aufgebaut auf den religiösen, geschichtlichen, sittlichen Gedanken des Judentums, die Jugend erziehend zu treuen Juden und sittlich guten Menschen. Die jüdische Schule soll die Kinder schützen vor dem Hohn und Spott, der auf der Gasse und in der „christlichen“ Schule sie bedroht, aber doch stark machen für den Lebenskampf. Sie soll eine „Volksschule“ werden, der jeder Vater und jede Mutter ihr Kind an vertrauen mag, so sie es in einem jüdischen Umkreis und für den jüdischen Pflichtenkreis erzogen haben wollen. Fern muß d)er Schule^ aller Kampf der Parteien bleiben, der von jeher*