Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 17 23. April 1920 7. Jahrgang Jüdische Volksschulen in Großstädten Von S. Dingfelder. München. (Schluß.) Kurz möchte ich, ehe ich auf spezielle Fragen eingehe, noch III. den politischen Gesichtspunkt beleuchten. Vielfach wird von den Gegnern jüdischer Volksschulen der Einwand erhoben, jüdische Schulen bringen uns in einen Gegensatz zu den christlichen Mitbürgern, ja sie seien ein freiwilliges Aufgeben der Gleichberechtigung. Wie es mit dieser Gleichberechtigung steht, habe ich schon im ersten Teil gezeigt. Nun aber weiß ich aus eigener Erfahrung, aus. dem Munde von Gemeindevorstehern und Rabbinern: Nirgends ist der Gedanke der Gleichberechtigung tiefer in alle Schichten der Bevölkerung eingedrungen und hat sich in friedliches Zusammenwirken umgesetzt, nirgends stehen die israelitischen Lehrer mit den christlichen Amtsgenossen in engerem Verkehr und haben vielfach Vorstandsstellen in den Bezirkslehrervereijien, als dort, wo jüdische Konfessionsschulen Schule und Lehrer als gleichgewertete neben die andersgläubigen stellen. Wieder eine Reminiscenz: Als in den 90er Jahren Meisterprüfungskurse gegründet wurden, berief die Handwerkskammer von Mittelfranken, eine aus konservativen Handwerksmeistern zusammengesetzte Behörde, einen jüdischen Volksschullehrer zum Leiter dieser Kurse. Das wäre undenkbar an einem Orte mit Religionsschulen. Dann zur häßlichsten Seite des politischen Kampfes! Heute tobt der Haß und die Judenfeindschaft nicht bloß auf der Gasse, in den politischen Zeitungen und den Versammlungen. Das Gift dringt in die Schulen. Wer hat nicht schon aus dem Munde seiner eigenen Kinder die Klage gehört über Anfeindung und Beschimpfung durch Stichelrede und Schmähwort. Ohnmächtig stehen unsere Kinder dem gegenüber, wenn auch wohlwollende Schulleiter den schlimmsten Auswüchsen wehren wollen, die Disziplinlosigkeit, das schlimme Beispiel von Eltern und Lehrern, die besonders an den Mittelschulen alldeutsch und antisemitisch gerichtet sind, hemmen den guten Willen. Auch in Kreisen jüngerer Volksschullehrer, die im Kriege zu Offizieren befördert wurden, denen der Rassenfanatiker Chamberlain das Evangelium des allein seligmachenden arischen Blutes gelehrt, ist heute der Antisemitismus ein Allheilmittel. Die Kinder haben ein feines Ohr für die groben und feinen Angriffe auf d!ie „FremdvöLker“. Wollen wir nicht wenigstens unseren Jüngsten diese Stiche ersparen? Ich denke da an ein Wort einer christlichen Dichterin, Frau Hartel-Mitius, mit dem sie sinnig ein Wohltätigkeitsfest für die Pogromopfer in Rußland einleitete: Denn wahrlich, wie die Alten sungen, So zwitschern bald auch ihre Jungen. Und wie die Axt das Bäumchen trifft. So tötlich fällt der Worte Gift In eine zarte Kinderseele, Die bisher ohne Schuld und Fehle. Da wundert man sich, wenn ein Kind Anstatt zu lachen, träumt und sinnt. Die Wunde, die ein Wort geschlagen, Vernarbt oft nicht in spätsten Tagen. Dagegen müssen wir unsere Kinder schützen, so lang sie wehrlos sind, aber auch ausrüsten zu dem heißen Lebenskämpfe, der keinem Juden erspart bleibt. Wo könnten wir dies Ziel der Erziehung besser erreichen als in der jüdischen Volksschule? Der politische Standpunkt verlangt, daß ich pro domo sprechend, darauf hinweise, daß nur in der jüdischen Volksschule jüdische Lehrer gleichberechtigt mit den christlichen wirken können. Die Unmöglichkeit, sein Können voll zu betätigen, ist ein Hauptgrund zu der allgemeinen Berufsflucht, die die Reihen der Lehrer lichtet. In der Volksschule ist der jüdische Lehrer Staatsbeamter und genießt den gleichen Gehalt, die gleiche soziale Stellung wie sein christlicher Amtsbruder; in der Religionsschule muß er erbitten und erbetteln, was ihm von Rechtswegen zusteht. In einem eindringlichen Mahnruf weist Steinhardt nach, welche Gründe die Flucht aus dem Lehrerberufe bedingen: „Nicht die wirtschaftliche Lage allein ist es, die aus dem Amte treibt; ihre ganze Stellung ist unhaltbar und für rückgratfeste Naturen unerträglich. Ein neuer Geist geht durch die deutschen Lande. Überall ist man bestrebt, zu demokratisieren, dem Tüchtigen freie Bahn zu schaffen, mittelalterliche Vorurteile zu beseitigen, ein gleiches Recht für alle zu schaffen.“ Dies gleiche Recht bietet uns die jüdische Volksschule. „Aus diesem Rechte ergibt sich die Pflicht, es auch1 auszuüben und nicht einseitigen politischen Theorien zuliebe, die auf ganz anderen Gebieten ausgefochten werden können, auf diese Gleichberechtigung zu verzichten und Zustände im Schulwesen zu dulden, dife in unseren Kindern schon im zarten Alter das Gefühl der Zurücksetzung und Vereinsamung aufkommen lassen müssen, die ferner dem jüdischen Lehrer seines Glaubens wegen eine Stellung zuweisen, die eine direkte Herabwürdigung des Judentums bedeutet.“ (Adler.) Wir haben die Hoffnung auf die Simultanschulen oder auf die Fata morgana der bekenntnislosen Schule aufgegeben — und wenn auch an dieser der Jude als Lehrer angestellt werden kann; ich mißtraue der Verwaltung und Ausführung solcher Gesetze: Der Jude konnte Gymnasiallehrer, Bezirksamtmann, Regierungsrat, sogar akt. Leutnant werden, aber er wurde es nicht« so wird er vielleicht einmal Lehrer an einer bekenntnislosen Schule werden können, aber er wird es nicht werden; es gibt Imponderabilien: Wille der Eltern, Einheitlichkeit des Lehrkörpers, die wirksam gegen ihn gedeutet werden können. Gleichberechtigung für Erziehungsberechtigten, Zögling und Erzieher ist nur in der jüdischen Volksschule zu erwarten.