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Das jüdische Echo · 1920-04-16 · 16 (16.4.1920) · p. Seite 180

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
16 (16.4.1920)
Date
1920-04-16
Page
Seite 180 (sequence 8)
Language
German
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180 Das Jüdische Echo Nr. 16 sind, größtenteils auf der Flucht vor den russischen Horden, oder seit dem Umsturz vor den polnischen Pogromen, also vor zwei Feinden, #die in den Juden die Exponenten deutscher Politik, Deutschenfreunde treffen wollten. Zum Teil handelt es sich auch um Leute, die zwangsweise als Arbeiter für die Kriegsindustrie nach Deutschland gebracht wurden. Wenn man auch von den Zwangsdeportationen im Osten wenig hörte, so standen sie denen aus Belgien kaum nach. Man mag zu dieser Einwanderung stehen, wie man wild — allzu viele, auch ruhig Denkende, haben sich durch die fast widerstandslose Hetze ein Feindseligkeitsgefühl gegen diese Bevölkerungsgruppe suggerieren lassen, ohne sich über Ursache und Gründe ordentlich Rechenschaft zu geben, ohne selbst wohl einen Ostjuden zu kennen —. so viel wird jedem klar sein, daß diese Bevölkerungsgruppe viel zu klein ist, um, selbst von einem feindlichen Standpunkt aus, die maßlose Hetze zu rechtfertigen, die gegen sie betrieben wird, und die sie als Ursache allen Elends, unter dem wir leiden, hinstellt. Alle Ostjuden, die in München leben, die seit Jahrzehnten hier wohnen und die ,'hiier Geborenen und Auffferwachsenen machen insgesamt etwa 3200 Personen aus. das ist Vs Prozent der Bevölkerung. Es ist klar, daß eine so kleine Menschengruppe in keiner Hinsicht das Gewicht haben kann, daß eine Veranlassung bestünde, sie so in den Vordergrund: der öffentlichen Auseinandersetzungen zu stellen, wie es durch die antisemitischen Hetzer geschieht. Hier wird dem Volk Sand in die Augen gestreut! Gerade die Kreise, die die Judenhetze — und die Ostjudenhetze im besonderen — so skrupellos betreiben, haben das allergrößte Interesse daran, daß das Volk keine Klarheit über die wirklichen Ursachen unseres Elends gewinnt und die Schwerindustrie und Großagrarier wenden gerne eine Anzahl Millionen für eine frisch-fröhliche Judenhetze auf — bei der Lüge und Betrug die Hauptwaffen sind —, wenn dadurch: die Aufmerksamkeit des Volkes von den wirklich großen Kriegsgewinnen abgelenkt wird, die teilweise in geradezu hochverräterischer Weise erzwungen wurden (Granatenstahl). Da sind die Ostjuden, von denen die meisten gar nichts wissen, ein besonders bequemes Ablenkungsmittel. Man nennt sie in einem Atem Schieber, Kriegswucherer und Bolschewisten, ohne sich darüber Gedanken zu machen, daß eins das andere ausschließt. Dies alles ist für einen aufmerksamen Beobachter der politischen Triebkräfte nicht erstaunlich. Schlimmer ist, daß selbst große politische Parteien, wie das Zentrum, nicht gegen diese Verschleierung der politischen Haupttatsachen Front machen, sondern lieber der durch die Hetze geschaffenen antisemitischen Massenpsychose Rechnung tragen. Am schlimmsten ist, daß die Behörden vielfach das gleiche tun, ob aus Neigung -oder Popularitätssucht, mag dahingestellt bleiben. Die erste Rede Kahrs nach seinem Antritt ist allseits in dieser Richtung aufgefaßt worden und der Polizeipräsident Pöhner läßt sich die Gelegenheit nicht entgehen, der Ministerialverordnung vom 30. März über Aufenthalt eine Begründung beizufügen, die seine Seelenverwandtschaft mit den rechtsstehlenden „Republikanern“ ins rechte Licht setzt. Da ist in verblüffender Anlehnung an die antisemitische Terminologie von „fremdstämmigen Elementen, die nur Gewinnsucht ins Land geführt und die überdies Träger und Verbreiter östlicher bolschewistischer Ideen sind“, die Rede. Die paar hundert Ostjuden, die seit dem Krieg hierhergekommen sind, haben die Drangsalierungen durch die Russen und die polnischen Pogrome wohl überhaupt veranlaßt, um ihrer Gewinnsucht in München fröhnen zu können? Vielleicht stecken sie gar selbst hinter der deutschen Politik, die ihnen Russen und Polen zu noch viel stärkeren Feinden als vordem machten? Der Herr Polizeipräsident hat sich wohl keine Gedanken darüber gemacht, wieso es kam, daß die Polen nach dem Zusammenbruch Juden- und Deutschen Verfolgungen miteinander verbandlen! Zu einer Zeit, in der immer offener zum Pogrom gehetzt wird, erläßt der Polizeipräsident derart aufreizende Bekanntmachungen! Ob er sich wohl ein wenig für die Wirkung interessierte? Der ganze Erlaß ha't höchst unglücklich gewirkt und, ohne seinen eigentlichen Zweck zu erreichen, nur unsere auswärtigen Beziehungen störend beeinflußt, deren Pflege gerade besonders nottut. Die Behörden haben auf Vorstellungen erklärt, daß damit in erster Linie „schwarz“ wohnende und verbrecherische Elemente getroffen werden sollen. Die faßt man nicht, indem man solche „Aufforderungen“ anschlägt. Die Verbrecher und Schieber werden sich weiter zu helfen wissen, aber die anständigen, richtig gemeldeten und berufstätigen Leute werden dadurch getroffen. Sind unter den Ostjuden Verbrecher, so bestrafe man sie wie alle anderen Verbrecher nach dem Gesetz. Unter keinen Umständen aber darf die Behörde, die für Ruhe zu sorgen hat, sich an der Hetze gegen sie beteiligen und damit die politischen Geschäfte der Reaktion und deren Verdunkelungsversuche fördern.“ Ein historisches Dokument! Wir bringen hier die Proklamation „an die Juden in Polen“ zum Abdruck, um diesen interessanten Aufruf all denen in Erinnerung zu bringen, die es angeht. Man vergleiche diese Proklamation mit dem gegenwärtigen Verhalten der deutschen Behörden gegen die Ostjuden, deren Flucht nach Deutschland durch Vorkommnisse erzwungen wurde, die nicht zuletzt auf diese Proklamation zurückzuführen sind. Sie hiat vielen Tausenden von Juden das Leben gekostet, da die Juden darnach als besondere Agenten Deutschlands angesehen wurden. Und heute? — Wie heißt es doch in dem Aufruf? „So hat die Regierung ihr seinerzeit gegebenes Wort gehalten!“ — An die Juden in Polen! Die heldenhaften Armeen von den mitteleuropäischen Regierungen Deutschland und Österreich- Ungarns sind nach Polen einmarschiert. Der mächtige Marsch unserer Armeen hat die despotische russische Regierung gezwungen, zu entlaufen. Unsere Fahnen bringen Euch Recht und Freiheit, gleiches Bürgerrecht, Freiheit für den Glauben, Freiheit für Arbeiten in allen Zweigen des ökonomischen und kulturellen Lebens in Ihrem Geist. Wie Freunde kommen wir zu Euch. Für Juden soll das gleiche Recht aufgebaut werden auf festen Fundamenten. Laßt Euch nicht wie früher einmal abbringen durch unverbindliche Versprechungen! Man hat Euch Versprechungen für gleiche Rechte im Jahre 1905 gemacht. Man hat Euch das höchste Manifest darauf gegeben. Wie hat man Euch die damalige Liebe bezahlt? Was hat man vor der ganzen Welt auf sich genommen? Gedenkt der Austreibungen, w i e man die Juden vertreibt aus ihren Orten. Gedenkt Kischenew, Hornel, Bialystok»

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