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Das jüdische Echo · 1920-04-09 · 15 (9.4.1920) · p. Seite 166

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
15 (9.4.1920)
Date
1920-04-09
Page
Seite 166 (sequence 6)
Language
German
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166 Das Jüdische Echo Nr. 14 t Sätzen ihre Kinder einer christllichien Schule zuführen wollen, diese Möglichkeit stets geboten sein. Ich konstatiere dies, da ängstliche jüdische Eltern wiederholt die Befürchtung aussprachen, ihre Kinder könnten nach Errichtung einer jüdischen Volksschule aus der „christlichen“ Schule ausgewiesen werden. In Simultanschulen müssen jüdische Kinder jederzeit aufgenommen werden, in katholischen und1 protestantischen Konfessionskiassen, solange die „kochende“ Volksseele nicht Verwahrung dagegen einlegt, wie in einer Schule, in der die Eltern von 14 katholischen Kindern sich mit Erfolg gegen die Einschulung protestantischer Kinder wehrten. Es könnten auch jüdische Eltern ihre Bedenken dagegen haben, daß die dritte Einheit des Unterrichts in christlichem Erziehungssinne die geistige und sittliche Entwicklung ihrer Kinder gefährdet. Wer die Verhandlungen des Katholikentages verfolgt hat, wer sich der Durchführung des ersten Schülerstreiks erinnert, hat ein Bild, wie die ecclesia militans, die streitbare Kirche, dieses Ziel verfolgt. In den Scharen ihrer Mitstreiter kämpfen auch Lehrer, noch mehr aber Lehrerinnen, daß christliche Kinder in christlichem Sinne erzogen werden sollen, ist eine Forderung, gegen deren Berechtigung kein Ein wand erhoben werden därf; denn sie ist ein Erziehungsprinzip, gegen welches höchstens seit den Tagen der Revolution von den modernsten Pädagogen um Gurlitt sich Widerstand regte. Die pädagogischen Klassiker von Comenius, über Pestalozzi, bis Herbart und Rein stellten und stellen den christlichen Gedanken in den Mittelpunkt ihrer Systeme. So selbstverständlich für gläubige, christliche Kreise eine christliche Erziehung ist. so unbegreiflich ist sie für bewußte jüdische Eltern. Der Geist des Christentums geht durch alle Lehrfächer. Im Anschauungsunterricht lernen die jüdischen Kinder, oft ehe sie eine Synagoge betreten, Kirche und Kirchhof kennen. Sie feiern Ostern. Pfingsten und Weihnachten wenigstens im Geiste mit; denn auch der freisinnigste Lehrer wird die Gemütswerte, die Inhalt und Feier dieser Tage in sich birgt, seinen Schülern nicht entziehen. Heimatkunde und Geschichtsunterricht wird und muß von christlichem Geiste durchdrungen sein. Der Lesestoff und der deutsche Aufsatz verwerten die Gesinnungsstoffe, die das Lesebuch und der Unterricht an die Schüler heranbringt. Als Beweis nenne ich nur einige Überschriften aus dem auch in der Simultanschule gebrauchten Lesebuch: I. Kl. Fibel: Das Jesuskind in der Krippe. II. Klasse: Kinder bei der Krippe (mit Bild Christkind) Gebet. Gelobet seist Du Jesu1 Christ, Daß Du vom Tod erstanden bist Und herrlich wieder aufgewacht Aus Deines Grabes finst’rer Nacht. IV. Klasse Weihnachtslied: Entstehung der Passionsspiele. Wie die Trauerweidle entstand (sie lieferte Ruten für Christus). Auf eine Gefahr muß ichl noch die Aufmerksamkeit hinlenken. Es gibt einen Lehrerkreis, der statt des konfessionellen Religionsunterrichts einen objektiven Religionsunterricht zur Übermittlung des religiösen Kulturgutes ohne konfessionelle Trennung der Klasse fordert. Was darunter zu verstehen ist, sehen wir aus dem Lehrgang des Bremen’schen Lehrerrates: VI.—VIII. Schuljahr: Religiöse Vorstellungen und Gebräuche bei primitiven Völkern. Die Entwicklung des Gottesbegriffes im Judentum. Christus, sein Leben und seine Lehre. Urchristentum und Römerreich. Die einzelnen christlichen Konfessionen der Gegenwart. Mohammedanismus, Buddhismus usw. Für solche Fragen ma'g ein jüdischer Student reif sein, der sie nicht kritiklos anhören wird. Für jüdische Kinder von 12—14 Jahren wäre die Teilnahme eine religiöse Gefahr. Man bekommt ja eine Ahnung, wie das Judentum dabei verunglimpft, das Christentum verherrlicht würde, wenn wir der Begründung entnehmen, daß der Biblische Geschichtsunterricht und die Bibel des Alten Te^ staments aus staatlichen, psychologischen, ethischen und religiösen Gründen abzuschaffen sei. Meine bisherigen Darlegungen beschäftigen sich mit der negativen Seite unserer Frage. Ich stellte mich nicht auf den einseitigen Standpunkt des jüdischen Lehrers, sondern auf den eines jüdischen Erziehungsberechtigten, der vor der Frage steht: Bietet die christliche Schule dem jüdischen Kinde die Vorbereitung für das Leben, die uns einmal die Erhaltung des Judentums, jüdische Väter und Mütter der Zukunft verbürgt! Ich muß mit „Nein“ antworten. Ich komme auf den Ausgangspunkt zurück, ob eine Schulpolitik, die christliche Schulen für den jüdischen Nachwuchs als Erziehungsstätten wählt, auf rechtem Weg ist. Politik ist die Kunst mit dem „Gegebenen“ zu rechnen. „Gegeben“ ist der christliche Charakter der Volksschulen — er kann unsere Kinder nicht als „Juden“ erziehen, und darum ist der Ruf nabh jüdischen Volksschulen besonders in Großgemeinden berechtigt. II. Nach dieser mehr negativen Begründung komme ich zum positiven Teil! Ich stelle den 2. Satz an die Spitze: Politik muß ein festes hohes Ziel unbeirrt verfolgen und nach dem Möglichen streben. Das Ziel ist die Stärkung der Judenheit, des bewußten Trägers der religiösen Idee. Wie ist diese Stärkung möglich? Für die einzuschlagenden praktischen Wege zum Ziel macht es viel aus, ob die Gemeinschaft eine Mehrheit oder Minderheit darsteLlt. Wir sind ohne jede Frage eine Minderheit. „Das doktrinäre Festhalten an Grundsätzen, die von der Majorität weder anerkannt noch befolgt werden, hat oft genug uns fühlbaren Schaden verursacht, selbst wenn diese Prinzipien an sich löblich und richtig wären.“ Während die Schulgesetzgebung nach einer sehr kurzen Unterbrechung wieder zum Konfessionalismus zurückkehrte, sind die führenden Männer der Judenheit auf dem Gebiet der Schule entschiedene Gegner des Konfessionalismus. Nicht auf allen Gebieten! Wir haben jüdische Logen, jüdische Krankenheime, jüdische Schwestern. jüdische Kindergärten, jüdische Kinderhorte, soga'r jüdische Handfertigkeitskurse, jüdische Jugendvereine und jüdische Wandergruppen. Sie alle sind nicht kampflos entstanden und haben lebhaften Widerstand im eigenen Lager gefunden. Der Druck von außen hat sie geschaffen, sie haben aber alle unseren inneren Zusammenhalt gestärkt und bilden Institutionen der Gemeinden, die wir heute nicht wegdenken können, Schöpfungen, auf die wir stolz sind. Doch gibt es manches Mitglied der erwähnten Vereinigungen, die nicht konseu quent und mutig genug sind, ü b e r 3111 da, wo es das Interesse des Judentums erheischt, die Politik des Konfessionalismus zu fördern. Im Prinzip besteht kein Unterschied zwischen der Gründung einer jüdischen Loge und der Errichtung einer iü-

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