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Das jüdische Echo · 1920-04-09 · 15 (9.4.1920) · p. Seite 165

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
15 (9.4.1920)
Date
1920-04-09
Page
Seite 165 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 165 leben in der Mitte der Gemeinde Männer und Frauen, die in dieser Schule die Grundlage ihrer Bildung genossen und das geistige Rüstzeug für das Leben erhielten. Es sind Männer und Frauen, die heute den verschiedensten Richtungen angehören. Orthodoxe und Liberale, aber aille, die ich sprach, waren einig darin, diaß sie der Schule und den Lehrern, von denen nur noch einer, der greise Rabbiner der Brüdergemeinde Posen, Prof. Dr. Bloch, lebt, hohen Dank schulden. Als der Streit für und wider die Aufhebung der Schule die Gemüter erregte, da legte Dr. Perles von der Kanzel Zeugnis für dieselbe ab. und in einem letzten Mahnwort traten 44 alteingesessene Gemeindemitglieder, von denen ich nur einige: Josef Biilmann, Dr. Drey, H. Engländer. Wilhelm Fränkel, Dr. Herzfelder, Abraha‘m Merzbacher, Emil Neustätter, A. Raff, Louis Schwab. Elias Weinmann, Max Willmersdörfer nenne, für die Schule ein, deren Bedrohung sich gegen das kostbarste Gut, gegen die wertvollste Institution im Gemeindeleben richte, deren Auflösung wie eine allgemeine und persönliche Kalamität beklagt würde. „Das glänzendste Zeugnis stellte der Schule Münchens erster weltlicher Schulrat Marschall in seiner Programmschrift des Münchener Schulwesens aus. Er bezeichnet sie als Musterschule nach der Organisation, als eine der besten Schulen Münchens nach ihren Leistungen. Und trotzdem verfiel die Schule bald darauf der Auflösung. Woran lag das? Die Beantwortung dieser Frage führt mich auf die Grundursache der Gegnerschaft breiter jüdischer Kreise gegen jüdische Volksschulen. Sie hatte damals und hat heute ihre tiefste Ursache in der jüdischen Politik, die gerade in Bezug auf die Schule an einem Doktrinarismus festhält, der ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse sich in der Verfolgung rein theoretischer Ziele gefällt. Politik ist die Kunst, mit dem Gegebenen zu rechnen und nach dem Möglichen zu streben. Diese Kunst praktisch in der Schule einzusetzen, haben die jüdischen Gemeinschaften und die maßgebenden Kreise gründlich versäumt. In der Zeit des Liberalismus der 70er Jahre war die Simultanschule das Ideal der Volksbildung. Die Juden, stets dem Neuen zugänglich, förderten eitrigst den bestechenden Gedanken, „die Volksbildung aus konfessionellen Banden zu befreien und auf ihre natürlichen selbständigen Grundlagen zurückzustellen.“ Mit diesem Grundgedanken — so führten die Gegner der jüdischen Volksschule in München anno 1872 aus — „würde es sogar seltsam kontrastieren, wenn gerade jetzt und gerade von israelitischer Seite darauf ausgegangen würde, diese konfessionellen Scheidewände nicht nur zu befestigen, sondern sogar tief in das Gebiet der allgemeinen Volksbildung fortzusetzen. Es ist höchste Zeit, unsere Kinder mit jenen in einer Schule zu amalgamieren. mit welchen sie einstens als Weltbürger ihr ganzes Berufsleben hindurch gemeinsam zu wirken angewiesen sind.“ Daß schon im August 1873 auch diese Simultanschule dem Konfessionalismus geopfert, zur „christlichen“ gestempelt wurde, daß Scheidewände von anderer Seite errichtet wurden und bis heute trotz Revolution und Freiheit von der Kirche errichtet blieben, hat die jüdische Prinzipientreue nicht veranlassen können, ihre Schulpolitik zu ändern. Längst haben Liberalismus und Demokratie um anderer politischer Ziele willen allenthalben neue konfessionelle Scheidewände aufgerichtet, gegen die wir Juden in rührender Konsequenz Sturm laufen. Wäre die Judenheit nicht der leidtragende Teil, wir könnten über solche Selbstlosigkeit lachen. Wir probieren die nirgend beachteten Theorien des Liberalismus an uns selber aus. da sie nirgends anders Erfolg haben. Wir üben Wohltätigkeit „ohne Unterschied der Konfession“ und ernten Undank dafür. Wir glauben unsere Lebensführung allen Ansprüchen unserer Gegner entsprechend einrichten zu müssen — und wir machen dieselben trotzdem nicht zu Freunden. Wiir schicken unsere Kinder mit bewußter Hartnäckigkeit in christliche Schulen. Der erste Fehler jüdischer Schulpolitik ist. daß sie mit dem „Gegebenen“ nicht rechnet. Gegeben aber ist der „christliche“ Charakter aller öffentlichen Volksschulen. Die Verhandlungen der letzten Landtagssitzungen ergaben als den negativen Erfolg der Bestrebungen des israelitischen Lehrervereins um die Gleichberechtigung jüdischer Lehrer an den Simultanschulen die autentische Feststellung, daß der christliche Bekenntnischaralkter darin besteht: 1. Bekenntniseinheit der Schüler, soweit dies möglich ist. 2. Bekenntniseinheit zwischen Lehrer und1 Schüler. 3. Einheit des Unterrichts im christlichen Erziehungssinne. Nur die Sozialdemokraten haben diese Auffassung ernstlich bestritten: der oberbayerische Kreislehrerverein hat trotz seines paritätischen Charakters unter Führung des demokratischen Lehrerabgeordneten Link in einer Resolution den christlichen Charakter der Volksschulen auf sein Programm gestellt. Von den geforderten 3 Einheiten besteht in Bayern seit 5 Jahren die Einheit zwischen Lehrer und Schüler. Nur während der Kriegsjahre war sie unter dem Drucke des Lehrermangels unterbrochen worden. Da durften etwa 40 jüdische Lehrer an katholischen und protestantischen Schulen auf Wunsch katholischer und protestantischer geistlicher Schulinspektoren unterrichten, ohne das christliche Seelenheil zu gefährden. Die Juden waren gut genug in der Zeit, wo jeder einzelne Mann notwendig zum Durchhalten war. Sie hatten ihre Schuldigkeit, ja mehr als ihre Schuldigkeit getan — und mußten gehen. Freilich, und dies muß hier leider konstatiert werden, die bayerischen Gemeinden nahmen die Zurücksetzung jüdischer Lehrer stillschweigend hin, diese Durchbrechung der Gleichberechtigung, die ein Faustschlag ins Gesicht der bayerischen Staatsbürger jüdischen Glaubens war. Als man die jüdischen Lehrer nicht mehr brauchte, fand man den Mut zur Behauptung: „Der jüdische Lehrer, in der israelitischen Religion und deren Grundanschauungen erzogen, ha't eine andere religiöse Lebensauffassung und einen Vorsteilungskreis, mit dem er nicht vor christliche Kinder treten und sie in der Entwicklung in der wichtigen Erziehungsperiode beeinflussen kann.“ (Weigl, Verhandle d. Lehrergesetz-Ausschusses S. 733). Die Einheit der Schüler, soweit dies möglich ist. Diese Forderung konzediert, daß auch jüdische Kinder, trotzdem sie die Einheit stören, christliche Schulen besuchen dürfen, soweit dies möglich ist. Es wird demnach auch nach Gründung jüdischer Schulen jüdischen Eltern, die aus äußeren Gründen (zu weite Entfernung von der Konfessionsschule) oder aus erzieherischen Grund-

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