Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 15 (9.4.1920)
- Date
- 1920-04-09
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Das Jüdische Echo Nr. 15 Diese Daten sind vielleicht für die Erkenntnis der Wesensart des Mannes bedeutsamer, als daß sein Vater einmal eine Fabrik in München hatte, die Mutter geborene Cannstätterin war und ihren Albert sparsam erzogen hat und dergl. liebenswürdiger Familienklatsch. Was sich wohl Prof. Einstein selbst über Herrn Schw. denken mag, wenn ihm jene naturwissenschaftlich exakte Genealogie zu Gesicht kommt! Wir glauben, diese Gedanken Einsteins sind sehr verwandt den unsrigen, sie eignen sich allerdings nur zum Teil zum öffentlichen Abdruck: Gewiß verurteilen auch wir es, daß man bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit in der Öffentlichkeit die Judenfrage aufs Tapet bringt; auch wir sind der Meinung, daß die Relativitätstheorie an sich nichts mit der Judenfrage, wie überhaupt der Wert der Leistung eines Mannes nichts mit dessen Herkunft zu tun hat. Aber wenn ein Schriftsteller, noch dazu ein Wissenschaftler, in einem „Person und Leben von Albert Einstein“ überschriebenen Aufsatz selbst die Herkunft eines Mannes für erwähnenswert hält und sogar wissenschaftliche Betrachtungen daran knüpft, darf er sich nicht darauf berufen, daß die Herkunft des Gelehrten gleichgültig sei, und verstößt er gegen das oberste Gebot aller Publizistik und Wissenschaft, das der Wahrhaftigkeit, wenn er einen schweizer Juden als typischen Schwaben bezeichnet. Es sollte übrigens für ihn, obwohl Nichtzionist, nicht gleichgültig sein, welche Stellung ein Mann, dessen Leben er beschreibt, in politischen und nationalen Dingen einnimmt. Schließlich sind Charakter und Weltanschauung großer Männer nicht der unwesentlichste Teil ihrer Lebensbeschreibungen. Darüber hinausgehend aber halten wir es heute auch für eine politische Pflicht jedes anständigen Menschen, in einer Zeit, da weite Kreise des deutschen Volkes in namenloser Verhetzung für alles Unglück die stammesfremden Juden verantwortlich machen, nach Möglichkeit dem deutschen Volk das Gute, was Juden geleistet haben, immer und immer in die Ohren zu schreien. Die Verletzung dieser Pflicht ist eine Sünde nicht nur am jüdischen Volk, dem bitter Unrecht geschieht, sondern vor allem am deutschen Volk selbst, das in seiner Verblendung die wahre Ursache seines Leidens nicht erkennt und darum unfähig ist sie zu beseitigen. Unverzeihlich aber besonders ist die Sünde bei einem Juden, der die nicht häufige Gelegenheit hat, vor nichtjüdischem Forum die Wahrheit über sein Volk zu vertreten. So hätte Prof. Oppenheimer erzählen müssen, daß der eine Nathan Zunz der Ernährung des deutschen Volkes mehr genützt hat, als sämtliche jüdische Lebensmittelschieber ihr jemals schaden konnten. Und Dr. Schw. mußte erzählen, daß das deutsche Volk den Ruhm, mit seiner Wissenschaft das Weltbild des Engländers Newton erschüttert zu haben, dem Juden Einstein verdankt. Das Verschweigen der Wahrheit durch Juden ist hier keine kleinere Schuld, als das Verfälschen der Wahrheit durch die Alldeutschen. Beides, sowohl die Judaifizierung des Schwaben Matthias Erzberger als die Suebifizierung des Juden Albert Einstein ist eine Verfälschung der öffentlichen Meinung. Ja, einem aufrechten Menschen, gleichviel welcher Nation und Konfession, besonders aber jedem aufrechten Juden, gleichviel welcher politischen Richtung, müssen sogar der alles niedertrampelnde aber wenigstens offene teutsche Antisemitismus und seine tönenden Trutzphrasen bei allem Schmutz und Schwatz noch um einen Grad weniger widerwärtig sein, als der leisetreterische Kryptoantisemitismus gewisser Bayern und Preußen jüdischen Glaubens — eines Glaubens, der konfessionell darin besteht, daß sie nichts glauben, politisch darin, daß sie glauben, die Ignorierung der Judenfrage sei deren Lösung. Es wäre zu viel verlangt, daß jeder deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens den hebräischen Satz kennt oder gar versteht: „Kol Jisroel arewim seh lo’seh.“ Es ist einer der edelsten Glaubens- und politischen Sätze des Judentums, heute leider mehr Ausdruck eines Gebotes als Feststellung einer Tatsache; es ist der jüdische Gedanke von „Schutz und Trutz“, der allerdings nichts weiß von einem Angriff mittels Schmutz und Schwatz, nicht von einer Abwehr durch Scheinen, Schleichen und Schmeicheln. Dem jüdischen Schutz- und Trutzbund seine Kräfte zu weihen wird sich Herr Dr. Schw. — und mancher andere begabte deutsche Jude — vielleicht eher entschließen, wenn er sieht, daß auch der weltberühmte Physiker Einstein unbeschadet seiner wissenschaftlichen Leistungfähigkeit und seines Rufs stolz darauf ist, diesem Bund als aktives Mitglied anzugehören. Dr... Jüdische Volksschulen in Großstädten Von S. Dingfeld'er. München. Das Thema, welches seit Jahren in der jüdischen Presse, in den Verhandlungen der Gemeindetage erörtert wird, zui dem auch der Verfasser dieser Arbeit wiederholt in Wort und Schrift sich: hören ließ, ist so reiflich behandelt worden, daß es schwer fällt, Neues vorzubringen. Aber Wahrheiten können nicht oft genug ausgsprochen werden — auch alltägliche. Der Kampf der Meinungen muß ausgetragen werden, und er kann zum Nutzen der Allgemeinheit durchgekämpft werden, wenn er alles Persönliche ausscheidet nur der Sache und der Klärung der Ansichten dienen will. Eine Frage tritt seit der Behandlung der wichtigsten Erziehiungsprobleme in Nationalversammlung und Landtag auch ata unsere jüdischen Gemeinden heran, so wichtig und so tief eingreifend, wie keine in dieser an Lebens- und Gemeinschaftsfragen so übervollen Zeit. Es wird unmöglich sein, ganz objektiv, d. h. mit Ausschaltung alles Persönlichen, aller inneren Erlebnisse meines 30jährigen Lehrerlebens Stellung zu nehmen, mehr aber in dem subjektiven Geiste, der auch den Standpunkt des Gegners würdigt wenn er sich auch nicht zu ihm bekennen wird. Brauchen wir jüdische Volksschulen? Ich fürchte, ein großer Teil der Mitglieder und Führer unserer Gemeinden wird „Nein“ antworten. Ich bekenne sogleich offen und rückhaltlos, daß ich die Frage mit „Ja1“ beantworten werde. Dieses „Ja“ soll begründet werden. Ist es so unerhört, an jüdische Schulen in Großgemeinden zu denken! Als Beispiel nehme ich München. Tatsachen veranschaulichen besser als Worte. Wer die Geschichte der Gemeinde München kennt — leider sind es nur wenige und das fast druckfertige Werk ihrer Entwicklung von 1800—1900 harrt der Veröffentlichung — der weiß, daß in München eine jüdische Volksschule bis zum Jahre 1872 bestand und unter der Leitung des trefflichen Schulmannes' Wolfsheimer blühte. Noch