Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 14 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- Seite 157 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Das Jüdische Echo 157 mögen eingebüßt. Dann war er „Waldschreiber“ geworden, aber auch die Stelle war bald verloren. Nun lebte er schon eine Reihe von Monaten im Elend. Der Winter war in schrecklichen Nöten vorübergegangen, und jetzt kam das Pessachfest immer näher. Zum Verpfänden war nichts mehr da, denn alles, vom Hängeleuchter bis zum letzten Kissen, war schon im Leihamt. Riwke Beile dachte an Gemeinde-Unterstützung. Doch Chajim Jojne wollte davon nichts wissen. Er mochte sich nicht bloßstellen und vertraute auf Gott, der schon helfen werde. Riwke Beile suchte mehrmals in allen Winkeln nach und fand, welches Wunder, einen alten, ausgeriebenen silbernen Löffel, den sie schon seit Jahren verloren glaubte. Aber Chajim Jonje nahm den Löffel, verkaufte ihn und trug den geringen Erlös in die Kasse, aus der man die Armen für das Pessachfest unterstützt. Die Armen gehen vor, sagte er. Inzwischen rückte die Zeit immer näher, es blieben nur noch wenige Wochen bis Pessach. Chajim Jojne wartete voll Vertrauen auf Gottes Hilfe. Und Riwke Beile schwieg. Die Frau muß dem Manne gehorchen. Und Tag auf Tag verran. Riwke Beile fand keinen Schlaf, weinte die Nächte durch, still, daß ihr Mann sie nicht höre. Und die Tage waren noch schlimmer. Da mußte sie sich auch noch vor den Nachbarn hüten, mußte sorgen, daß sie ihr das Elend nicht ansahen. 0, diese Blicke der Neugier und des Mitleids, die sie wie mit Nadeln stachen! Und diese Fragen: Wann backt ihr Mazzes? Habt ihr schon die roten Rüben eingelegt? Oder wenn es nähere Bekannte waren: Aber, was geht denn bei euch vor, Riwke Beile? Habt ihrs vielleicht knapp? Wir wollen euch borgen.... Und was solcher Reden mehr sind. Und sie mußte ablehnen, über und über errötend, die unglaublichsten Vorwände erfinden. Denn Chajim Jojne wollte keine Menschengabe annehmen und gegen seinen Willen konnte sie doch nicht handeln. Die Nachbarn wollten es dabei nicht bewenden lassen und gingen zum Rabbi, er solle sich doch ins Mittel legen. Der Rabbi hörte sie an, seufzte, sann eine Weile nach und antwortete schließlich, daß Chajim Jojne ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann sei, der wohl wisse, was er tue. Wenn sein Gottvertrauen so fest sei, dann sei es eben fest.... Und nun ist der Pessach da! Riwke Beile hat nicht einmal Lichte, um den Segen darüber zu sprechen. Chajim Jojne kehrt aus dem Bethause heim. Aus allen Fenstern strahlt das Fest. Nur sein Haus steht finster da, wie ein Trauernder unter Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden, Aber er verzweifelt nitht. Wenn Gott nur wollen wird, denkt er, wird auch für mich noch Pessach sein, und tritt mit fröhlichem „Gut Jontew“ ein. Und wiederholt: „Gut Jontew, Riwke Beile.“ Und Riwke Beile antwortet aus einer finsteren Ecke mit tränengesättigter Stimme: „Gut Jontew, gut Jahr.“ Dabei leuchten ihre Augen wie zwei glühende Kohlen aus der Ecke hervor. Er geht auf sie zu und spricht auf sie ein: „Riwke Beile,“ sagt er, „es ist heute Feiertag. Wir feiern den Auszug aus Ägypten. Verstehe doch! Da darf man nicht traurig sein. Und es ist doch auch gar kein Grund dazu da. Wenn es dem lieben Gott nicht gefiel, daß wir unsern eigenen Seder haben, dann müssen wir eben mit einem fremden fürlieb nehmen. Dann wollen wir anderswohin gehen Man wird uns überall hineinlassen. Alle Türen stehen uns offen. Sagt man doch am Sederabend: „Kol dichfin jejsse wejejchojl“, das heißt: „Wer hungrig ist, komme und esse!“.... Komm, nimm den Schal um und laß uns beim Erstbesten einkehren. Und Riwke Beile tut wie immer nach dem Willen ihres Mannes. Alle Kraft aufwendend, um nicht aufzuschluchzen, hüllt sie sich in den zerrissenen Schal. Schon will sie gehen, als im selben Augenblick die Tür von außen geöffnet wird. „Gut Jontew!“ grüßt es. „Gut Jahr!“ antworten die Eheleute. Sie sehen nicht, wer es ist. „Ich möchte euer Gast beim Seder sein,“ sagt der Fremde. „Wir haben selbst keinen Seder“, erwidert Chajim Jonje. „Tut nichts, ich hab ihn mitgebracht.“ „Seder im Finstern,“ schluchzt Riwke Beile, die sich nun nicht mehr zurückhalten kann. „I bewahre,“ meint der Gast, „es wird schon Licht werden.“ Er winkt und mitten im Zimmer, in der Luft erscheinen zwei silberne Leuchter, in denen schon die angezündeten Stearinkerzen stecken. Es wird hell. Chajim Jojne und Riwke Beile erkennen den Zauberkünstler, starren ihn an und bringen vor Schreck und Verwunderung kein Wort hervor. Sie fassen sich an den Händen, und so stehen sie da, mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern. Er aber wendet sich nun an den Tisch, der ganz verschämt in einem Winkel des Zimmers steht: „Na, Kleiner,“ sagt er zu ihm, „deck dich und komm her!“ Und sofort fällt von oben ein schneeweißes Tischtuch herab und deckt den Tisch und dieser selbst setzt sich in Bewegung und rückt mitten ins Zimmer, just unter die Leuchter. Und diese wieder schweben hernieder und stellen sich auf ihn. „Jetzt fehlen noch die Sederbetten,“ sagt der Zauberkünstler, „die Sederbetten sollen kommen!“ Und sofort rücken aus drei Ecken des Zimmers drei Stühle an den Tisch heran und stellen sich an drei Seiten auf. „Breiter werden!“ befiehlt er. Und sofort gehen sie in die Breite und verwandeln sich in Großvaterstühle. „Weicher!“ ruft er. Und sie sind mit rotem Samt überzogen. Und gleichzeitig fallen von der Decke schneeweisse Kissen auf sie nieder. Die Sederbetten sind fertig... Eine Sederschüssel mit allem, was darauf gehört, stellt sich auf den Tisch. Ebenso Flaschen mit rotem Wein und Becher dazu. Plötzlich liegen auch Mazzes da und alles andere, was man zu einem richtigen und fröhlichen Seder braucht, selbst „Hagodeß“ mit Goldschnitt. „Und Wasser zum Händewaschen habt ihr?“ fragt nun der Zauberer. „Ich kann auch Wasser bringen.“ Da erst kamen die beiden zu sich. Und Riwke Beile fragte leise ihren Mann, was er von der Sache halte. Chajim Jojne aber wußte kein** Antwort. Sie riet, er solle zum Rabbi gehen und ihn fragen. Aber sie könne doch nicht mit dem Zauberer allein bleiben, meinte er. Darum solle lieber sie gehen. Ihr, einer Frau, werde der Rabbi nicht trauen, antwortete sie. Er werde glauben, daß sie verrückt geworden sei. Schließlich kamen sie überein zusammen zu gehen urd inzwischen den Zauberer mit seinem Seder allein zu lassen. Der Rabbi gab klugen Rat. Das, was mit unreinem Zauber gemacht werde, erklärte er ihm, sei gar nicht wirklich, weil alle Zauberei nur Blendwerk sei. Sie sollten also nach Hause gehen,