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Das jüdische Echo · 1920-04-02 · 14 (2.4.1920) · p. Seite 155

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
14 (2.4.1920)
Date
1920-04-02
Page
Seite 155 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 Das Jüdische Echo 155 rechnete Hans Wagner in sehr scharfer Weise mit dem Antisemitismus ab. Er knüpfte an die Tatsache an, daß die Zeitfreiwilligen, die der Reichswehr zugeteilt sind, am Helme und an sonstigen Stellen ihrer Ausrüstung das Thule- oder Hakenkreuz tragen, also im Zeichen des Antisemitismus zu kämpfen beabsichtigen. Eine Truppe, der in der demokratischen Republik die Sicherung von Ruhe und Ordnung obliegt, hetzt selbst in der gehässigsten Weise gegen einen Bevölkerungsteil und gewährt jeder Propaganda willig ihre Unterstützung, die dem Kampfe gegen denselben dient. Die Sozialdemokratie verwirft den Rassenkampf, ihren Anhängern ist der Weg vorgezeichnet, den sie den Antisemiten gegenüber einzuhalten haben und Wagner bewies mit seinen Ausführungen, daß er diesem Programmpunkte seiner Partei Rechnung zu tragen weiß. — Auch was Timm in seinem Schlußworte über den Antisemitismus vorbrachte, war eine vorzügliche Kennzeichnung desselben, insbesondere berief sich der Redner auf Bebels Worte: Der Antisemitismus ist der Sozialismus der Dummen. — Von beiden Rednern wurde sehr eindringlich darauf hingewiesen, daß die heutige antisemitische Bewegung einzig und allein dem Bestreben der für die Notlage des deutschen Volkes verantwortlichen Kreise entspringt, den allgemeinen Unwillen durch eine großangelegte Hetze auf die Juden abzulenken. Deshalb auch findet diese Hetze in den Kreisen der Schwerindustrie und unter ehemaligen Offizieren, von denen die Studentenschaft stark durchsetzt und beeinflußt ist, die hauptsächlichste Unterstützung. — Die energische Bekämpfung des Antisemitismus durch die Nichtjuden Wagner und Timm und die beifällige Aufnahme, die deren Ausführungen in der überaus zahlreich besuchten Versammlung gefunden haben, sind in der Zeit der rohen und unausstehlichen Anpöbelungen besonders erfreulich. J. L. Bilder aus den Jerusalemer Kindergärten von Dina Clemence Mayer (Jerusalem. I. In der inneren Stadt. Heiß brennt die Sonne des Orients auf Jerusalem herab. Ihre zitternden Strahlen hüllen die langgestreckte Jaffastraße, die Häuser und Steinhütten, ja selbst die Bäume in ein mattes Weiß. Es mag auch der feine Staub sein, der alles überdeckt und gegen den der Himmel doppelt blau herniederstrahlt. Nur wenige Menschen sieht man; es ist “Chamsin“ (der heiße Ostwind), da bleibt, wer kann, um die Mittagszeit im kühlen Hause. Ein Zug Kamele gleitet lautlos vorüber; auf dem ersten sitzt ein alter Araber. Er schläft, von dem wiegenden Gang seines Tieres und von der Hitze bezwungen. An der Straße, im Staub, sitzen einige Kinder. Sie sind unsagbar schmutzig, auf ihren Gesichtern -und Händen haben sich zahlreiche Fliegen niedergelassen. Die Größeren verjagen sie, die Kleineren wissen sich nicht zu helfen. Eines der Kleinen ist blind und das gleiche Schicksal droht den anderen armen kleinen Wesen in ihrem Schmutz und ihrer Verkommenheit. Ich hebe das Jüngste auf und setze es in den Schatten eines Torbogens; die andern folgen, etwas mißtrauisch zwar, aber eine Orange überzeugt sie von meinen guten Absichten und als ich meinen Weg fortsetze, werfen sie mir Dank und Segenwünsche nach. Ich komme zum Jaffator, wo der alte Batzar beginnt und trete in die innere Stadt ein. Aus dem Sonnenlicht kommt man in kühle, halbdunkle Gewölbe. Der alte Bazar, einer der interessantesten Teile Jerusalems, besteht aus vielen engen, winkligen Gassen, die mit ihrer uralten Überdachung Schutz vor Sonne und Regen gewähren. Rechts und links sind offene Buden, in denen alles Mögliche in phantastischem Durcheinander zu kaufen ist. Mit untergeschlagenen Beinen sitzt der Händler auf oder neben seiner Ware, raucht seine Nargileh und wartet in orientalischer Ruhe, ob ein Kunde zu ihm komme. Die Gassen sind so eng. daß man auch um die Mittagszeit bei geringem Verkehr nur langsam weiterkommt. Stutenweise geht es hinunter, dann rechts und links ein Gewirr von Gassen. Bude an Bude. Glutrot schimmern Tomaten und Granatäpfel in einem Strahl der Sonne, der unerwartet von oben hereinfällt; es ergibt mit dem dunklen Blau der Eierfrucht und der Feigen, mit dem Grün und Gelb der Gemüse einen so wunderbaren Farbeneffekt, daß man unwillkürlich betroffen und staunend den Schritt einhält. Aber ein mit Steinen beladener Esel, der recht rücksichtslos an mir vorüberstreift, erinnert mich, daß hier nicht der geeignete Platz ist zu künstlerischer Versunkenheit. Da kommt mir wieder ein Blinder entgegen, einer jener Unglücklichen, denen man hier in der inneren Stadt auf Schritt und Tritt begegnet. Ein Bettelweib mit einem abgezehrten Kind im Arm kaueit an der Erde. Sie hält mich am Kleide zurück und bittet um Allahs willen um eine Gabe. Noch ein paar Schritte weiter und ich bin am Ziel. Es geht einen kleinen, kaum einen halben Meter breiten und sehr schmutzigen Durchgang hinein, dann rechts eine ebenso schmutzige Steintreppe hinauf. Man befindet sich nun in einem plattformartigen Hof, von dem eine etwas breitere Treppe nach oben führt. Da ist eine Galerie, auf die mehrere Türen münden. Und da, fast unglaublich überraschend nach den vorhergegangenen Eindrücken, ist ein Ort des Lichtes, der sonnigsten Heiterkeit und Freude — der Kindergarten 8 des hebräischen Schulwerkes. Es ist zwar ein Kindergarten ohne Garten, der ist in der inneren Stadt kaum anzutreffen, doch finden die Kinder in den hellen, freundlichen Räumen ein Paradies im Vergleich zu den Wohnungen, in denen sie leben. Der nach den besten Pädagogischen Methoden geleitete Kindergarten eibt den Kleinen nicht nur Aufsicht, Erziehung und Geistespflege, die Kinder finden hier auch die so eminent wichtige körperliche Pflege und ärztliche Behandlung. Die beiden tückischsten und verheerendsten Krankheiten des Orients sind das Trachom (ägyptische Augenkrankheit) und die Malaria (Wechselfieber). Zahlreiche Opfer fordern diese Krankheiten Jahr um Jahr, da sie in dem Schmutz und in der Gleichgültigkeit der armen Bevölkerung die besten Bundesgenossen finden. Im Kindergarten werden die Augen der Kinder systematisch behandelt. Ein Arzt untersucht monatlich jedes Kind und täglich machen Schwestern der Augenklinik die Runde durch alle Kindergärten, um die augenkranken Kleinen zu behandeln. In vielen Kindergärten ist dafür ein besonderer Raum vorhanden. Nach der Liste werden die Kleinen aufgerufen und lassen geduldig die oft recht schmerzhafte Behandlung über sich ergehen. Die Meisten können schon nach einer gewissen Zeit aus der Behandlung entlassen werden und sind dann glücklich, bei ihrem jeweiligen Spiel oder ihrer Arbeit bleiben zu können,

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