Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 14 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- Seite 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Das Jüdische Echo Nr. 14 Pogrom Wir erhielten folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Mit großer Bewegung las ich in der letzten Nummer Ihres Blattes den Aufsatz von Jakob Koppel unter obigem Titel. Er bestätigt nur den Eindruck, der sich mir in den Tagen, seitdem ich neuerdings nach München kam, mit erschreckender Deutlichkeit aufgedrängt hat: daß nämlich die jüdische Bevölkerung der Stadt sich in furchtbarer Gefahr befindet. Nie zuvor in meinem Leben spürte ich um mich einen solchen Grad haßerfüllter Leidenschaft wie in den Straßen dieser Stadt. Kaufe ich mir Zeitungen an einer Straßenecke, blicke ich in die Auslagen der Buchhandlungen, höre ich Gespräche in Trambahn und Restaurant — so sind alle erfüllt von Haß und hetzerischen Verleumdungen der Juden. Es macht — wie mir auch nichtjüdische Ausländer bestätigten — fast den Eindruck eines Wahnsinns, daß im Volk, das durch die schwersten Erlebnisse hindurchging und alle Veranlassung hat, an seiner inneren und äußeren Gesundung zu arbeiten, im Augenblick höchster Not auf nichts anderes denkt als auf Haß und Vernichtung der 2500 jüdischen Familien in den Mauern seiner Stadt München. Ich sage 2500 jüdische Familien und nicht: 500 ostjüdische Familien, denn ich bin nicht naiv genug zu glauben, daß der Judenhaß einen ebenso säuberlichen Trennungsstrich zwischen Ost und West macht, wie die deutschen Juden ihn machen. Ich sehe zu genau, auf welche Argumente die Volksverhetzung sich stützt, um nicht ganz bestimmt vorauszusehen, daß — im Falle wirklich das Furchtbare geschehen und die aufgespeicherte Volkswut sich brutal entladen sollte — das Volk keinerlei Unterschied zwischen O s t- und Westjuden machen wird. Hat doch die Judenhetze schon seit langem die Volksstimmung gegen die deutschen Juden mindestens ebenso sehr vergiftet, wie gegen die eingewanderten: es ist ja keineswegs nur ostjüdisches „Schieber“- und „Schleichhändlertum“, gegen das gehetzt wird, auch nicht nur russisch-jüdischer „Bolschewismus“. Nicht minder tiefer Haß wurde großgezogen gegen die gut deutsch-jüdischen Mitglieder de- Reichs- und Landesregierung, gegen die „feigen“ deutsch-jüdischen Feldzugsteilnehmer (welcher Deutsche gedenkt heute noch der vielen für Deutschland gefallenen Juden!), gegen die deutsch - jüdischen „Kriegsgewinnler“ (wieviele reelle jüdische Kaufleute wurden durch den Krieg schwer geschädigt!). In einem Augenblick (den der Himmel verhüten möge!), da der lange genährte Haß zur verzehrenden Flamme auflodert, wird das Volk nicht den geringsten Trennungsstrich zwischen Ost und West machen. Erfahrungen, die an anderen Stellen gemacht wurden, lehren das zur Genüge. Ich habe in den letzten Monaten in Dänemark vielfach mit Flüchtlingen aus Ländern gesprochen, in denen Pogrome deshalb eine Weile ungestraft veranstaltet werden konnten, weil die im Völkerbund vereinigten Regierungen sich scheuten, gegen befreundete Länder einzuschreiten. Aus den Berichten dieser Flüchtlinge ging deutlich hervor, daß Pogrome sich stets in der gleichen Weise abspielen: Volkshorden, in denen die niedrigsten Instinkte wachgerufen wurden, setzen sich über jeglichen „Plan“ hinweg und zertrümmern und vernichten im Augenblick der Entfesselung alles, woran ein jüdischer Name haftet, alles, was jüdisch aussieht. Von Erwägungen und Rücksichten bleibt im Paroxysmus keine Spur übrig. Warum ich das sage, an dieser Stelle sage? Wahrlich nicht weil es mir — die selbst aus altem deutsch-jüdischen Hause stammt — irgendeine Genugtuung gibt, zu wissen, daß in der Stunde der Not die von den Juden selbst so oft verleugnete und verratene Einheit des Judentums von seinen Gegnern wieder hergestellt werden wird. Sondern um Ihren Aufruf zur gemeinsamen Tat aufs Stärkste zu unterstützen. Sollen nicht Deutschlands Juden sich aus eignem Antrieb zu gemeinsamer Abwehr von Lüge, Aufreizung und Gefahr, zu gemeinsamer Bekämpfung der selbst erkannten Schäden am eigenen Volkskörper, zu gemeinsamem Aufbau neuen Volkslebens zusammenfinden? sich etwa in gleicher Weise solidarisch erklären und zu gemeinsamer Arbeit aufraffen, wie es in Amerika mit dem Lande verwurzelte und neueingewanderte Juden schon längst und mit bestem Erfolg getan haben? Sollen denn erst zum Pogrom aufgestachelte Horden kommen und uns beweisen, daß unsere Untätigkeit unter Berufung auf den Trennungsstrich zwischen Ost und West nicht nur ein Verbrechen am jüdischen Geiste, sondern auch eine bodenlose Fahrlässigkeit war? — Genehmigen Sie usw. gez. Helene Hanna Cohn. Nach der Sitzung des Aktionskomitees Die große Sitzung des zionistischen Aktions-Komitees ist vorüber, eine ungeheure Arbeit getan. Denn der ganze Komplex der jüdischen Gegenwartsfragen ist in eingehender Aussprache behandelt worden. Die politische Arbeit, der innere Ausbau der zionistischen Organisation, der wirtschaftliche und kulturelle Aufbau Palästinas und seine Finanzierung, das Problem der Diaspora mit seinen tausend Unterfragen politischer, kultureller, sozialer Natur, all das sind wichtige Spezialgebiete wie die Universitätsfrage, die Organisierung des jüdischen Volkes war Gegenstand der Beratung. Als die Sitzung geschlossen wurde, konnte Herr Sokolow mit Recht in seiner hebräischen Ansprache als das große Aktivum der Konferenz feststellen, „daß sie die zionistische Organisation wieder aufgebaut habe.“ Und Herr Dr. Halpern durfte hinzufügen: „Heute haben wir keine Opposition mehr. Man kann verschieden denken über diese oder jene Technik, aber es kann zwischen uns keine Diskussion mehr geben über Prinzipien.“ Diese vollkommene Geschlossenheit, die in der Idee absolute Einheitlichkeit der an geistiger Kraft und Anhängerzahl wichtigsten jüdischen Organisation der Gegenwart ist von ganz besonderer Bedeutung für die jüdische Zukunft Denn es ist notwendig, daß der Aufbau von Erez Jisroel und die Nationalisierung der Diaspora, die Schaffung eines neuen Klal Jisroel an Stelle des in Judentümer zerrissenen von heute und — daß diese und die anderen großen Aufgaben schöpferischer, jüdischer Arbeit nicht von kleinen zersplitterten Grüppchen, die sich untereinander bekämpfen, geleistet, sondern von einer mächtigen jüdischen Organisation bewältigt werden, die Einzelne und Parteien an sich zieht mit fortreißt, zu gemeinsamer Arbeit eint Dazu1 ist aber heut allein die zionistische Weltorganisation fähig; sie nur besitzt das nötige Ansehen in der jüdischen und nichtjüdischen Welt,