Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 117 Ihr Deutschen immer!“ so jammerte er mir zum Lachen kläglich vor und entschuldigte sich ein über das andere Mal vor sich selber: „Ich war auch gern etwas Besseres geworden, ein Studierter oder Beamter. Aber ich hab doch nichts anderes gelernt wie Handeltreiben. Man halt mich ja zu nichts anderm zugelassen.“ Doch diese schlechte Behandlung, die man schon im Krieg von tonangebender Seite bei uns gegen dJie Ostjuden beliebte, auf deren Vermittlung unsere Offiziere, wie besonders unsere Zivilverwaltung fortwährend angewiesen war, hatte auch ihre sehr ernsten Seiten. Die Freude, um nicht zu sagen Begeisterung, mit der die Ostjuden den einrückenden deutschen Heeren entgegenkamen, mit denen sie sich schon durch das Jiddisch so schnell verständigen konnten, schlug bald in Verstimmung und tiefe Verbitterung um. Auch der Ostjude sieht sich nämlich nicht gern wie einen Hund behandelt. Und die Verkehrsform durch die Reitpeitsche, mit der manche unserer Herren dort nur zu leichtfertig umgingen, -verletzt sein trotz allen Demütigungen gern auf Stolz gestelltes Gemüt. Infolgedessen hat sich nur zu oft das von Nietzsche aufwühlend zergliederte Ressentiment bei ihnen gegen das Deutschtum herausgebildet, ein grollendes Nachträgen, das sich gelegentlich auch häßlich äußern kann und keinesfalls zum gegenseitigen Verständnis der Rassen beiträgt. Man hüte sich wie vor Allgemeinheiten überhaupt so auch davor, diie Ostjuden unter dem Decknamen „Galizier“ als Schieber in einen Kehricht zu fegen. Es gab und gibt im ostjüdischen Proletariat beispielsweise viele Handwerker, durch deren Aufnahme wir nur gewinnen könnten. Die Juden haben in Polen vor dem Krieg die zuverlässigsten Schuster wie die geschicktesten Schneider gestellt. Eine Torheit ohnegleichen ist es, diese Leute mit Gewalt und Verhetzung eiligst aus Deutschland herauszudrängen. Man erwehre sich nach Kräften vermittels des Strafgesetzbuches und der vielen Zusa^tzgesetze dieser Zeit der schlechten und unehrlichen Klassen und Kreise unter den eingedrungenen Ostjuden. Sie in Bausch und Bogen zu verdammen, ist ebenso töricht wie niedrig. Auch ist es irrig, wenn man glaubt, unter dem ostjüdischen Proletariat, das 10- bis höchstens 15 000 Köpfe stark seit dem Krieg nach Deutschland gekommen ist, seien lauter bolschewistisch gesinnte Seelen zu finden. In Wahrheit haben die meisten dieser armen Leute, die noch den Schrecken von den heimischen Pogromen in den Knochen spüren, neben der Russenfurcht nur den Hauptwunsch, möglichst bald in den Westen oder in neutrale Länder auszuwa*ndern. Zu einer Aufwieglung deutscher Arbeiter, zu der sich die Sowjetregierung ganz anderer geistiger Anstifter als dieser kleinen Proletarier bedient, fehlt den Ostjuden Fähigkeit und Neigung in gleicher Weise. Fast alle wollen heute vor allem endlich ihre Ruhe haben. Man gewähre sie ihnen auf ihrer meist nur kurzen Rast bei uns nach Möglichkeit. Diejenigen, die als Landarbeiter oder im Bergbau bei uns verwendet worden sind, haben sich nach vielfathen Zeugnissen, die über sie vorliegen, recht gut eingeführt. Da die jüdischen Arbeiter größtenteils gewerkschaftlich organisiert sind, ist auch eine Lohindrückerei von ihnen nicht zu befürchten. Die niedrige Verhetzung gegen die Ostjuden und Galizier, die nur ein Teil der allgemeinen Judenfeindschaft ist, die heute bei uns betrieben wird, ist leider fast schon gedankenlose Gewohnheit in Deutschland geworden. Ohne sich jemals um die Ostjuden und ihr schweres Grenzdasein wie ihre wirtschaftliche und geistige Entwicklung bekümmert zu haben, wird auf diese Menschen losgeschimpft, als ob seit je dort der Abhub der Menschheit gehaust hätte und Russisch-Polen, Lita'uen und Galizien eine Verbrecherkolonie wie ehemals Tasmanien gewesen wäre. Wer nur den aufstrebenden Geworbefleiß dieser drei vermögenden Landstriche vor dem Kriege verfolgt hat, weiß, wie verkehrt ein solch oberflächliches Gerede über das niederträchtige Galiziertum ist. Die Liebe zur Gerechtigkeit und Wahrheit trieb mich, auch der geistigen Beweglichkeit und Tiefe dieser Leute hier rühmend zu gedenken, die im allgemeinen nicht schlechter und nicht unanständiger sind als die ganze verfluchte menschliche Rasse, ä qui nous a'ppartenons, zu sein pflegt. Und nun freue ich mich schon auf die vielen, natürlich meist unterschriftlosen Briefe, die mir als „bezahltem oder bestochenem Judenknecht“ auf diesen Rettungsversuch zugehen werden. Das Jüdische Arbeitsamt Die ostjüdische Einwanderung in Deutschland ist eine jüdische und eine deutsche Angelegenheit. Eine deutsche insofern, als es dem geschwächten deutschen Wirtschaftsorganismus schwer fällt, einen Zuwachs von Menschen aufzunehmen, die sich ihm nicht in produktiver Arbeit einfügen; ein jüdischer neben allen selbstverständlichen Regungen des Mitleids und der Hilfsbereitschaft insofern, als es im dringenden jüdischen Interesse liegt, möglichst viele der Flüchtlinge von der schon über Gebühr in Anspruch genommenen Wohltätigkeit der Einzelnen oder der Gemeinden unabhängig und fähig zu machen, sich zum Nutzen auch des Landes, in dem sie leben, ihr Brot zu verdienen. Schließlich ist es all denen, die an dem gesunden sozialen Aufbau unseres Volkes Interesse nehmen, schon lange klar, daß eine weitgehende Berufsumschichtung für uns eine dringende Notwendigkeit ist, und daß jeder jüdische Landmann, jeder Handwerker, jeder Industriearbeiter für den Fortbestand des Judentums und die Sicherung seiner Zukunft unendlich viel mehr bedeutet als 10 Händler. Um die Bestrebungen planmäßig zu fördern, den für Juden offenen Arbeitsmarkt zu organisieren und jüdischen Arbeitswilligen zugänglich zu machen, sind erst in Berlin, aber in zunehmendem Maße jetzt überall im Reiche Arbeitsämter geschaffen worden, die bereits eine größere Zahl von West- und Ostjuden in Landwirtschaft, Industrie und Handwerk untergebracht haben. Trotz mancher Mißerfolge im Einzelnen sind die Resultate bisher recht ermutigend. Sie hätten nicht erzielt werden können, wenn sich nicht jüdische Gemeinden und große Organisationen mit der privaten Fürsorgetätigkeit zu gemeinsamer Arbeit gefunden hätten. So ist im wildesten Parteikampf ein Werk zustande gekommen, an dessen Gedeihen alle Richtungen im Judentum ein Interesse haben. Die Finanzierung solcher auch in Bayern und Württemberg dringend nötigen Arbeitsvermittlungsstellen, die schon hier und da im Entstehen begriffen sind, wird nur dann möglich sein, wenn auch hier wie anderswo die Gemeinden mit den Logen, der zionistischen Organisation, der Orthodoxie, den jüdischen Jugendbünden und den Vereinen der Ostjuden, so weit solche bestehen, Hand in Hand gehen werden. Dann erst wird auch die erforderliche behördliche Genehmigung zu erzielen sein, die bedeutende Vergünsti-