Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1920-03-05 · 10 (5.3.1920) · p. Seite 116

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
10 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102977-9140651--03384-9076209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

116 Das Jüdische Echo Nr. 10 findet sich in jeder Gemeinschaft — wird von den Ostjuden selbst erkannt und bekämpft. Nichts ist geeignet, das Verantwortlichkeitsgefühl mehr zu stärken als Gleichberechtigung und keine Instanz könnte mehr Autorität und Einfluß — neben den selbstgeschaffenen Organen — haben, als die gewählten ostjüdischen Verwaltungsmitglieder der Gemeinden. Wienn Westjudien Haute, allzulaute, selbstherrliche Kritik an Ostjuden üben, so ist ihnen zu sagen, daß sie keinerlei Recht dazu haben, vor allem deshalb nicht, weil sie sich um die Ostjuden nicht im geringsten kümmern. Es gibt — etwa außer dem Willen „liberaler“ Machthaber — keinen triftigen Grund gegen die Gleichberechtigung der Ostjuden in der Gemeinde. Sie ist von jedem Gesichtspunkt aus zu fordern. Es handelt sich nicht darum, den Ostjuden in der Gemeinde etwas zu gewähren, sondern ein altes Unrecht gut zu machen- Die Ostjuden Eine Apologie von Herbert Eulenberg aus der Vossischen Zeitung. Eine kurze, leider notwendige Einleitung: Ich bin trotz Adolf Bartels, der in irgend einer seiner Literaturgeschichten meine germanische Abstammung in Frage zieht, kein Jude. Bin es a*uch niemals gewesen. Einer meiner väterlichen Verwandten. der auf Rassenreinheit achtet — und solche Eiferer gibt es ja in jeder arischen wie semitischen Familie — hat unseren Stammbaum bis 1430 verfolgt und nichts „Belastendes“ feststeilen können. Er ist vollkommen germanisch. Mütterlicherseits, im bergischen Geschlechte Bornemann, wäre noch weniger zu entdecken. Ganz abgesehen davon, daß inbezug a*uf ihre rein deutschen Vorfahren recht anfechtbare Männer, wie Richard Wagner beispielsweise, sich oft stark judenfeindlich gebärden, wie abgesehen auch von der andern heutigen Tatsache, daß Juden vielfach die wildesten Antisemiten sind, sei obiger Umstand festgestellt! Nur um den Andersmeinenden von vornherein dlie plumpste Waffe gegen mich aus den Händen zu winden. Ich möchte nämlich da*s kühne Wagnis unternehmen, für die viel verlästerten Ostjuden ein Wort einzulegen. Ichi habe diese Menschen erst im Kriege kennen gelernt. In Polen und Litauen. Als ich dort für die Presseabteilung von Ob-Ost — Name und Behörde dünken mich schon lange versunken — das Land zu bereisen und zu beschreiben hatte. Ich werde nie vergessen, daß ich mir sogar die erste Rüge, die mir meine Vorgesetzte militärische Stelle erteilte, der Ostjuden wegen zugezogen habe. Also eigentlich wieder ein Grund, von vornherein nicht: allzu gut auf sie zu sprechen zu sein. Als ich nämlich dort oben ankam, war ein großer Teil der ostjüdischen Bevölkerung, besonders der ärmeren, im Begriff, das Land zu verlassen und über Dänemark oder Holland nach Amerika auszuwaadern. In häßlichen, schnell zusammengeschlagenen Bauden lagen diese Leute in der Nähe der Bahnhöfe und warteten darauf, abgeschoben zu werden. Die deutsche militärische Behörde sah diese Abwanderung so und so viel notleidender hungriger Mäuler, die unsern Soldaten das Brot wegaßen, höchst gern. Gleichwohl hätte man in der Form den Leuten. die in eine ungewisse Zukunft zogen, den Abschied von dem Land, mit dem sie doch durch jahrelanges Leben verbunden waren, etwas erleichtern und verschönern können. So dachte ich mir wenigstens und schlug in meines Herzens Einfalt vor, ob man diesen jüdischen Abwanderern nicht ein kleines Fest vor ihrer Abreise veranstalten könne, wobei man in einer Rede oder in mehreren Vorträgen sagen sollte, daß wir sie freilich nicht zurückhalten wollten, aber daß wir nur durch die Hungersperre der bösen Engländer, unserer Feinde, dazu genötigt wären, ihre Trennung von Europa* gutzuheißen, daß wir ihnen eine glückliche Überfahrt und eine freundliche Aufnahme in der neuen Welt wünschten. Und was man sonst an Artigkeiten bei solchen Gelegenheiten äußern kann. Noch heute bin ich überzeugt, daß solche kurze Feierlichkeiten bei diesen meist kindlichen und natürlichen, und vor allem leicht rührsame*n Menschen einen sehr schönen und bleibenden Eindruck hinterlassen hätten. Jedenfalls wär es staatsmännisch klüger gewesen, alls diese Leute in barscher, stellenweise höchst roher Weise nach Amerika zu treiben, um in dem Volke dort, das da*mals noch nicht im Kriege mit uns stand, weiter auf Geschlechter hinaus den Deutschenhaß zu säen. Man kann sich vorstellen, wie in jener Zeit, da Preußen noch auf moralische Eroberungen verzichtete und von Gefühlen keine Rede sein durfte, meine Gemütsduselei, derentwegen man mich zunächst scharf anpfiff, aufgefaßt wurde. Man bedeutete mir kurz aber eindringlich, daß ich mir, wenn ich in Ob-Ost a*!t werden wollte, künftig solche Weichheiten sparen sollte. Ein Wiitzbold aber riet mir, meinen Vorschlag durch den Instanzenweg gehen zu lassen, damit ich, wenn der letzte jüdisch-litauische Auswanderer längst in New York angekommen wäre, dann einen ablehnenden Bescheid erhielte. Jedenfalls hat mich dieser erste Verweis, mit dem ich meine Stellung antrat, veranlaßt. mich fortan näher und mit deutscher Gründlichkeit mit den Ostjuden zu befassen. Natürlich fand ich, daß es Menschen wie allerorts auf Erden waren. Das heißt Wesen mit guten und schlechten Eigenschaften. Was einem besonders stark zunächst bei den litauischen Juden auffiel, war ihre Geistigkeit, ihre lebhafte Vorliebe und Begierde, sich immerwährend zu bilden. Man trifft unter ihnen sehr viele unterrichtete und belesene Menschen. Früher hat man sich hier vor allem mit dem deutschen Schrifttum befaßt. Erst im letzten Jahrzehnt kam auch die Beschäftigung mit den russischen Dichtern, mit Tolstoi und Dostojewski, sehr auf. Indessen begegneten mir unter den Juden Litauens und Polens zahlreiche Leute, die beispielsweise Gerhart Hauptmann wörtlich anzuführen wußten, meine „Schattenbilder“ kannten und auch sonst in der heutigen deutschen Dichtkunst gut Bescheid wußten. Des weiteren haben sie selber auch ein eigenes tüchtiges Schriftwesen ausgebildet. Erwähnt sei hier nur der ostjüdische Rosegger, Perez, dessen würdiger Totenfeier ich in einem jiddischen Theater Wiilnas beiwohnte. Der litauische Jude gilt unter den Ostjuden überhaupt als der bildungsfähigste und am tiefsten veranlagte. Auch in Glaubensfragen. Hier neigt er im Gegensatz zu den mehr mystisch gerichteten polnischen Juden stark zur Aufklärung und zum Rationalismus und hat etwa einen Rvf wie bei uns der Berliner. Von einer rein und ausschließlich gezüchteten Kaufmannsnatur kann bei diesen Leuten, die sich viel und gern mit geistigen und künstlerischen Dingen beschäftigen, gar keine Rede sein. Natürlich spielt der Handel eine große Rolle bei ihnen, weil die meisten auf ihn angewiesen sind. Ichi sehe noch das halb betrübte, halb entsetzte Gesicht des a'rmen kleinen Gasthausbesitzers in Jancw vor mir, der als Handelsjude und Schmuggler bei unserer Behörde figurierte. „Als ob Jude und Schmuggler ganz genau das gleiche wäre, tut

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.