Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Das Jüdische Echo Nr. 10 Dostojewskis, bestimmt aber seit denen des Generals Hoffmann und seines famosen Friedens von Brest Litowsk ein Schimpfwort. Die Einzigen, die hätten vermitteln, die besonders heute Beziehungen zur Sowjetrepublik anknüpfen, die zuerst naturgemäß schwachen Finden zwischen deutschen und russischen Wirtschaftskreisen ziehen und allmählich verstärken könnten, sind infolge ihrer Kenntnis von Land und Leuten, infolge persönlicher Beziehungen und einer Mentalität, die der jener Völker des Ostens immerhin mehr entgegenkommt, als die deutsche, die Ostjuden. Eine große Chance ist — eigentlich unverdient — dem Reiche noch einmal in die Hand gegeben. Es scheint nur, als ob blindwütiger Haß, wirtschaftliche und politische Unfähigkeit sie wieder nutzlos vertun, ja gegen Deutschland selbst richten wird. Es muß ausgesprochen werden, daß die Behandlung der Ostjuden in Deutschland schmachvoll ist. Was man tun kann, um sie herabzusetzen, ihnen die Schuld für alles Mögliche und Unmögliche zuzuschieben, ihnen das nackte Leben zu erschweren, geschieht. Schon spricht man von Konzentrationslagern und der Polizeipräsident und „Sozialist“ Ernst in Berlin fordert nach einer Razzia im Berliner Judenviertel, die natürlich vor allem jüdische Schieber, Schleichhändler und sonstiges lichtscheues Gesindel in die Zellen des Polizeigefängnisses brachte, die Errichtung von Konzentrationslagern für Ostjuden, als wenn es außer ihnen keine Verbrecher in der Weltstadt gäbe und die Straßenräuber des Scheunenviertels angenehmere Mitbürger als die Gauner der Grenadierstraße wären. Man verstehe mich recht: wenn hundert Ostjuden sündigen, sperre man hundert ins Loch; der hundertste, der nichts auf dem Kerbholz hat, aber verdient Schutz und Achtung wie jeder anständige Mensch. Aber es sündigen ja im allgemeinen gar nicht mehr Ostjuden als Westjuden oder Nichtjuden. Nur drängt sich eben das Laster bei den Ostjuden auf die paar ostjüdischen Straßen, auf die ostjüdischen Berufe zusammen, nun ruhen tausend Augen gehässig eben auf diesen, nur auf diesen unglücklichen Menschen. Meint man dadurch, daß man den Ostjuden als solchen in Deutschland für vogelfrei erklärt, daß man ihn als Abschaum der Menschheit über die Grenzen in Tod und Elend zurückjagt, aus dem er sich mit Mühe in das „freie Deutschland“ gerettet hatte, glaubt man dadurch Sympathie erwerben zu können? Ein rechtsstehendes Blatt fragte neulich betrübt: „wo haben wir die Menschen, die uns im Osten verstehen, die der geschickten von Pfund und Dollar unterstützten Wirtschaftspolitik Amerikas und Englands ein Paroli werden bieten können?“ Nun, die Menschen sind da. Man müßte sie richtig zu behandeln, ihr Vertrauen zu wecken wissen und hätte überall in Rußland Anknüpfungsmöglichkeiten, würde Beziehungen finden, an deren Ausnützung man bisher nicht dachte. Wo die Sowjettruppen einziehen, schließt, von wenigen Ausschreitungen abgesehen, die Ära der Pogrome ab. So energisch die Lenin und Trotzki nationalistische oder kapitalistische Sonderbestrebungen unterdrücken, so willkommen ist ihnen der fähige Jude in Wirtschaft, Verwaltung, Politik, Armee. England und Amerika sind längst auf dem Plan. Ihre Politik Rußland gegenüber ist augenblicklich meisterlich. Ihre Politik dem jüdischen Volke und dem einzelnen Juden gegenüber nicht minder. Eine englische Handelskammer in Petersburg soll geplant sein; der Mann, der sie leiten dürfte, scheint ein Jude und ein Ostjude zu sein. Die Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina wird das jüdische Volk dauernd dem British Empire verpflichten; bis in die letzten Hütten Südrußlands, in denen Juden wohnen, wird zu aller Jubel die Akte, die Zion wiederaufstehen läßt, dringen. Inzwischen peinigt und vertreibt man ln Deutschland die paar tausend Ostjuden, die höchste Not über seine Grenzen zwang, anstatt sich mit ihrer Hilfe Positionen zu schaffen, die man ohne sie nie erringen wird. Oder meint man, der ehemalige Korpsstudent, der Dr. jur., der Kaufmann im Stile der Stinnes, Kirdorf, Krupp, der landesunkundige Berliner und Frankfurter Commis voyageur oder der Gewerkschaftssekretär als Handelattachö werden dem smarten Engländer, Amerikaner, Japaner den Rang ablaufen? — Das glaubt niemand, auch Herr Dr. Vorst, der Fachmann des „Berliner Tageblatts“, nicht, dessen falsche Voraussagen über die Sowjetrepublik teilweise Schuld an der falschen Einstellung der deutschen Rußlandpolitik tragen. Das kann niemand glauben, der etwa Radeks Aufsatz im vorletzten Hefte der „Zukunft“ mit Überlegung gelesen hat. Worauf geht man eigentlich aus, wenn man den „Weg nach Moskau“ ablehnt? Hofft man auf die Westmächte oder Amerika? Aber man tut ja alles, um sich auch dort als „boches“ und „huns“ weiter zu empfehlen. Was werden die galizischen, polnischen, russischen Juden, die in Deutschland leben und sich fast ununterbrochen schmähen und bedrohen lassen müssen, ihren Freunden in London oder New York, wo beinahe jeder von ihnen Verwandte hat, berichten müssen. Wie, glaubt man, wird die öffentliche Meinung im Lande des „Jewish Vote“ auf solche Berichte reagieren? Deutschland scheint sich zu bemühen, auch weiterhin keine moralischen Eroberungen in der Welt zu machen. Auf die‘Art, wie es seine Ostjuden behandelt, wird es ihm jedenfalls nicht gelingen. Nicht einmal bei den Randstaaten, die doch in dieser Hinsicht Sünden genug auf dem Gewissen haben. Man meint dort, was Polen und Letten erlaubt sei, wäre für Deutsche noch lange verboten. Es ist freilich an dieser Stelle nicht unsere Sache, der deutschen Politik Ratschläge zu geben und Wege zu weisen. Wir vertreten jüdische Interessen. Eben deshalb hielten wir es in einem Falle, da Juden und Deutsche ohne Schädigung Dritter zu beiderseitigem Vorteil Hand in Hand gehen könnten, für unsere Pflicht, auf große Möglichkeiten wenigstens hinzuweisen. Europa kann zu seiner Gesundung keines seiner Glieder entbehren, weder Deutschland, noch Rußland, noch die fast wie die Deutschen von aller Welt verfolgten Juden. Der Aufbau des zerschlagenen Kontinents benötigt alle Kräfte. Jetzt freilich könnte man beinahe glauben, daß Deutschland dies nicht einsehen, sondern seine letzte Chance nutzlos vertun und sich ohne Not weiter ruinieren wird. Die Hetze gegen die Ostjuden wird weitergehen. Man wird sie quälen bis aufs Blut. Und wenn sie schließlich in das vielleicht keine Freiheit, aber Schutz vor Verfolgung sichernde Räterußland zurückgeflüchtet sein werden und dort in grimmigem Haß deutsches „Barbarentum“ schmähen, deutsche Handelspläne durchkreuzen — dann wird man von jüdischer Undankbarkeit sprechen. G—.