Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Das Jüdische Echo Nr. 10 rerseits Revolutionär und Kommunist. Den Deutschen und ganz besonders den deutschen Juden, die da äußerst eifrig waren, ist manches über die Verantwortung zu sagen, die ihnen dadurch entstanden ist, daß sic während einer langen Periode im Kriege, als es gerade paßte, die Ostiuden zu Exponenten der deutschen Politik und damit des Deutschenhasses gemacht haben. Wenn matt in Deutschland nicht genug Verantwortungsgefühl hat. sich Gedanken darüber zu machen, wieso es kam, daß nach dem Zusammenbruch im Osten Deutschen- und Judenverfolgungen miteinander verbunden waren, so müssen wir Ostiuden da nachhelfen. Es wird eine reizvolle Aufgabe sein, die Kundgebungen der deutschen Heerführer att die Juden oder die deutschen (besonders die deutschjüdischen) Pressestimmen jener Zeit mit denen unserer Tage zu vergleichen und die politische Moral aufzuzeigen, die sich aus diesen Vergleichen ergibt. Da wird doch mancher Deütsche (und mancher deutsche Jude) nachdenklich werden! — Es wird nicht zu leugnen sein, daß es auch ostjüdische Schieber gibt. Aber die ekelhafte Heuchelei, mit der die Ostjuden als die eigentlichen Träger der verkommenen Wiitschaftsmoral unserer Zeit bezeichnet werden, die schließlich nichts anderes ist, als der Ausdruck unserer durch den Krieg heruntergekommenen Wirtschaft, ist zu entlarven. Die Schichten, die aTn skrupellosesten gegen die Ostjuden hetzen und die ganze Judenhetze überhaupt tragen, die Schwerindustriellen und Großgrundbesitzer, haben Kriegsgewinne gemacht. teilweise in geradezu hochverräterischer Weise dem Staat abgezwungen (siehe Granatenstahl). gegen die alle ostjüdischen (und westjüdischen), Tag für Tag neu erörterten Gewinne a'ller Art eine Armseligkeit sind. Damit soll nicht gesagt werden, daß wir unsere Schieber decken oder gar begünstigen wollen. Das Gegenteil ist beabsichtigt. Wir wollen uns schärfstens gegen die Gleichstellung Ostjuden-Schieber wehren und ie stärkeren Erfolg wir dabei erzielen, umso stärker werden wir selbst gegen unlautere Elemente bei uns vorgehen können. Eine starke Organisation wird mit der Zeit ein Verantwortlichkeitsgefühl erzeugen können, das jetzt noch vielfach fehlt und in mancher, auch wirtschaftlicher Richtung, sanierend wirken können. Je stärker die Gemeinschaft der Ostjuden zusammengeschlossen wird, umso leichter wird es möglich, Auswüchse attszumerzen. Es wird etwas entstehen, was bisher den Ostjuden vielfach) fehlte, die ungeschriebenen Gesetze einer sozialen Schicht und die Instanz. welche die Verantwortung, aber auch die Autorität der Gemeinschaft trägt. Durchaus. erfreuliche Anfänge zeigen sich beim „Gesamt-Ausschuß der Ostjuden in München“. Auch die politische Bedeutung der Ostjuden, deren Stärke durchaus in der bewußten Verbundenheit mit den Juden der ganzen Welt liegt, ist mehr als bisher zu betonen. Es ist ohne weiteres klar, daß eine derart ungeheure Arbeit nach außen nur von einer organisatorisch und geistig stark gefestigten Gemeinschaft geleistet werden kann, einer Gemeinschaft, die sich ebenso ihrer Pflichten, als ihres Wertes in der Welt bewußt ist. Die verheerendste Wirkung des antisemitischen Verleumdungsfeldizuges ist ja bei den Juden (Ost- und Westjuden) selbst, die nicht genügend Kenntnis vom und Verbundenheit mit dem Judentum haben, eine innere Unsicherheit und allmähliche Übernahme der antisemitischen Argumente. der mit der Zeit entstehende Glaube, daß die eigene jüdische (bezw. ostiiidische) Gemeinschaft wirklich minderwertig sei. Daher kommt es, daß die Schichten, die bei anderen Völkern die Führung übernehmen, die an Besitz oder Bildung aufsteigenden, aus dem Ghetto entfliehen, das dann anscheinend stets gleich „kulturlos“ und vor allem ohne politischen Willen bleibt. Diesen Auflösungstendenzen gegenüber, die den inneren Zusammenhang und die Widerstandskraft schwächen, ohne das Objekt der Anfeindungen zu beseitigen, ist eine intensive Pflege alles Jüdischen und engster Anschluß an die nationalen Hoffnungen des jüdischen Volkes notwendig, die allein diie geistige und moralische Grundlage versprengter ostjüdischer Gemeinschaften sein können. Daraus ergibt sich die Richtung der jüdischen Innenarbeit die anders als stark national weder Sinn noch Erfolg haben könnte. Vor allem ist eine systematische jüdische Jugenderziehung erforderlich, die der steigenden Entfremdung zwischen der alten und heranwachsenden Generation ein Ende macht und der Jugend den verloren gehenden lebendigen Zusammenhang mit dem Judentum und besonders mit der speziellen ostjüdischen Kultur zurückgibt. Absolut auszuschalten ist der Einfluß deutschjüdiischer Wohltätigkeits-Anstalten, wie Kindergärten, Jugendhorte uswr., die aus völligem Mangel an Einsicht und jüdischem Willen die geschilderten moralisch und politisch gefährlichen Auflösungstendenzen stärken, statt ihnen entgegenzuarbeiten. Die ostjüdischen Gemeinschaften dürfen nicht länger zugeben, daß „jüdische“ Anstalten ihre Kinder aus unverständlichen Opportunitätsgründen mit nichtjüdischen Kindern zusammen unjüdisch erziehen. Die ostjüdische Jugend muß in ihren jüdischen Zusammenhängen so gestärkt, mit jüdischen Werten, religiösen und national-kulturellen, so erfüllt werden, daß sie innere Widerstandskraft gegen alle Anfeindungen gewinnt und lernt, auch als angefeindetste Menschengruppe Deutschlands ein würdiges Leben zu führen. Daß diese Erziehungsarbeit weder mit dem Schulende noch sonst mit einem bestimmten Alter beendet werden soll, versteht sich ebenso von selbst, Wie die Notwendigkeit. mancherlei Unarten und Parvenü- Maniern. sowie die Überschätzung materiellen Besitzes erzieherisch zu bekämpfen. Die ostjüdische Organisation wird dahin wirken müssen, daß hier ebenso wie im ostjüdischen Ghetto, menschliche und jüdische Werte höher geschätzt werden, als Reichtum. Eine besondere Aufgabe bildet für die Ostjuden in Deutschland die Notwendigkeit höchster Hilfsbereitschaft für die im Osten lebenden Juden und besonders für die zu erwartende Massen-Auswa.11derung. Neben der eigenen Hilfstätigkeit könnten die Ostjuden Deutschlands Wertvolles leisten, als die geeignetsten Vermittler für die westjüdischen, besonders die amerikanischen Hilfsorganisationen. Schon bei der bevorstehenden allgemeinen jüdischen Hilfskonferenz in der Schweiz sollen die Ostjuden Deutschlands ihrer Bedeutung entsprechend vertreten sein. Auch das übrige Unterstützungswesen ist zu organisieren. Nirgends gibt es soviel Wohltätigkeit, wie bei den Ostjuden und doch erheben deutscbjüdiische Organisationen und Gemeinden mit einem Schein von Recht den Vorwurf, als müßten sie — und sie allein — ostjüdische Arme unterstützen. An dem für Ostjuden bestimmten Fürsorgewesen hat sich die Organisation durch Beschaffung von Mitteln aber auch durch Teilnahme att der Verantwortung und Leitung zu beteiligen. Die Ostjuden lassen sich im Wohltun von niemand überbieten. Es darf aber nicht mehr Vorkommen, daß ein Gemeindevor-