Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 10 5. März 1920 7. Jahrgang Die Ostjuden in Deutschland Von Jakob Reich. Die Frage der Ostjuden in Deutschland ist eine der wichtigsten Angelegenheiten der deutschen Politik unserer Tage geworden, seit die Reaktion in Deutschland die Judenhetze und ganz besonders die Ostjudenhetze als das geeignetste und leichteste Mittel benützt, um auf die Instinkte des Volkes zu wirken und den Ruck nach rechts herbeizuführen, mit dem sie die durch den eigenen völligen Bankerott verlorene Macht wieder zu gewinnen hofft. Die reaktionären deutschen Elemente zeigen sich dabei gaiiz auf der moralischen Höhe, die wir an ihnen vor dem Kriege und besonders in ihm sahen und mit der sie es verstanden, das deutsche Volk, das mit ihnen ver- ^wechSelt wurde, in der Welt zu diskreditieren. Schlimmer alls dies ist die Tatsache, da'ß die politische Linke dieser Hetze nicht gemäß ihren politischen Prinzipien entgegentritt, sondern sie — teils aus Angst um den Erfolg, teils aus Neigung — mitmacht, mit dem einzigen Unterschied etwa, daß sie dem unverschämten Antisemitismus der Reaktion einen etwas verschämteren zur Seite stellt und tut als ginge ihre Hetze nur gegen die Ostjuden. (Leider fallen allzuviele deutsche Juden darauf herein und tun begeistert mit.) So geht durch den ganzen deutschen Blätterwald — selbst „Judenblätter1“ wie die „Frankfurterin“ und das „Berliner Tageblatt“ nicht ganz ausgenommen — ein Sturm gegen die Ostjuden. Bis etwa auf die Hochwasserkatastrophe dieses Winters hat man ihnen die Schuld an allem gegeben, was passierte und besonders stellt ma‘n sie allein als die Träger der sich breit machenden üblen Wirtschaftsmoral dar, während das ganze deutsche Volk (bei den linksstehenden Blättern manchmal einschließlich der deutschen Juden) aus lauter Altruisten besteht. Das allerschlimmste aber ist die politische Unreife der Ostjuden selbst. Sie sind es, die sich mit den Vorgängen am allerwenigsten beschäftigen und mit einem Fatalismus ohnegleichen der Entwicklung gegenüberstehen, die sich zu einer Katastrophe für sie auszuwachsen droht. Es gibt in Deutschland im ganzen etwa 100 000 Ostjuden, also ein Bruchteil eines Prozents der Qesamtbevölkerung. die sich auf einige Großstädte verteilen. Sie haben eine Unmenge Vereine meist religiöser oder humanitärer Art. aber keine irgendwelche politische Organisation von Belang. Dabei ist es für diese allerexponierteste Bevölkerungsgruppe Deutschlands eine Lebensfrage, ob es gelingt, sie in einer zielbewußt arbeitenden völlig auf das eigene jüdische Interesse gerichteten Organisation zusammenzufassen. Völliges Fernhalten von der Landespolitik wird für diese Organisation ebenso selbstverständlich sein, wie für beinahe alle Ostjuden. Die paar Personen ostjüdischer Herkunft, die in der Revolution hervortraten, sind1 bekanntlich fast durchweg jüdisch völlig uninteressiert, und können in gewissem Sinne ais ebenso außerhalb der jüdischen Gemeinschaft stehend angesehen werden, wie Assimilierte anderer politischer Richtung Der „Verband der Ostjuden“, für den Ansätze in Berlin und in einer Reihe von Städten — in München im „Gesamt-Ausschuß“ — vorhanden sind hat als Zusammenfassung und Vertretung einer so von Haß und Verleumdung umstellten Bevölkerungsgruppe eine Aufgabe, die ebenso schwierig ist, wie ihre Durchführung unerläßlich. Er kann aber Erfolge nur erzielen, wenn es gelingt, wenn nicht alle, so doch den größten Teil der in Deutschland wohnenden Ostjuden zu erfassen. Dabei ist das Problem von einer fast beängstigenden Vielgestaltigkeit und die einzelnen Fragen greifen so sehr ineinander, daß keine vernachlässigt werden kann. Abwehr und Aufklärung nach außen. Erziehung, Stärkung des Verantwortlichkeitsgefühls und schärfste Kontrolle im Innern. Organisierung des allgemeinen Unterstützungswesens, wie ganz besonders der Flüchtlingsfürsorge. Teilnahme an allen jüdischen Aufgaben nicht nur der Zahl, sondern dem jüdischen Gehalt der Gemeinschaft entsprechend, andrerseits aber auch Beanspruchung restloser Gleichberechtigung in den jüdischen Gemeinden. Nicht minder als all dies jüdische Kulturarbeit. Pflege der alten und neuen jüdischen Kultur, deren Kenntnis und damit deren Wertschätzung auch in ostjüdischen Kreisen, besonders bei der heranwachsenden Jugend, stark schwindet. Ohne ständige, intensive Innenarbeit wird auf die Dauer ein Erfolg nach außen nicht möglich sein und Zusammenhalten imd Stärkung der Gemeinschaft wiederum nicht ohne Pflege der jüdischen Kultur. Die nächstliegende und anscheinend vordringlichste Aufgabe ist die Abwehr nach außen; allein eine Arbeit ungeheuersten Umfangs. Es ist sowohl die Verlogenheit der von den Hetzern aller Schattierungen erhobenen Anwürfe aufzuzeigen, als auch die — besonders wirtschaftlichen — Werte der eingewanderten Ostjuden darzustellen. Es ist ein selbst von vielen Wohlmeinenden angenommenes Vorurteil, da'ß die Ostjuden wirtschaftliche Schädlinge seien. Wieviele wissen es, daß sie in manchen Industrien schöpferisch gewirkt haben? So kann die machtvolle deutsche Zigaretten-Industrie geradezu als eine Schöpfung der Ostjuden angesehen werden, wie. um einige bekanntere Beispiele aus dem Ausland heranzuziehen, die Diamantenindustrie Antwerpens bis zum Kriege, zu deren Neubelebung die belgische Regierung alle Anstrengungen macht, ihre Träger, die galizischen Juden, zur Wiedereinwa'nderung zu veranlassen, oder die Konfektions-Industrie New Yorks. In der Entwicklung der deutschen Pelz-Industrie und des deutschen Pelzhandels haben die Ostjuden ungeheuer wertvolle, ja entscheidende Dienste geleistet. Die Beispiele lassen sich beliebig vermehren. Wer denkt etwa daran, welch wertvolle Vorarbeit die verachteten mit alten Hosen handelnden Ostjuden für die Einrichtung der im Kriege so nötig gewordenen Altbekleidungsstellen leisteten. Diese Dinge sind sorgfältigst zu ermitteln — zweifellos ein höchst interessanter Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte — und der deutschen Öffentlichkeit zu unterbreiten, für die. dank der widerstandslosen Hetze, Ostjude gleichbedeutend geworden ist mit Schieber, Wucherer, a*nde-