Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 9 (27.2.1920)
- Date
- 1920-02-27
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Das Jüdische Echo Nr. 9 „Es gibt,“ so schreibt er, „einen Lichtblick in der schreckenvollen Tragöde, die sich in Siidrußlaud abgespielt hat. Entsprechend seinen großen und schönen Aufgaben liegt dort die Hilfstätigkeit jetzt in den Händen des Roten Kreuzes. In meinem Besitz befindet sich ein Schriftstück, das die Überschrift trägt: „Kurze Übersicht über die Tätigkeit des Hilfskomitees vom Roten Kreuz für die von den Pogromen Geschädigten in der Ukraine.“ Schon die Tatsache, daß das Rote Kreuz die Hilfstätigkeit in die Hand genommen hat, beweist eines. Es muß das Unglück ein so furchtbares, ein so überwältigendes gewesen sein, daß die Juden allein es zu beschwören nicht vermochten. Die große internationale Organisation des Roten Kreuzes, eine jener Schöpfungen, die den Glauben an das Solidaritätsgefühl der Menschheit aufrechterhalten, sah sich veranlaßt, diesem Riesenunglück gegenüber einzugreifen. Das Rote Kreuz hat für jeden Bezirk einen christlichen Delegierten ernannt, um die Hilfe zu organisieren, und es gibt nach den letzten Nachrichten, die ich erhalten habe, elf solcher Bezirke. Unter dem christlichen Bezirksbevollmächtigten arbeitet ein Jude, der unmittelbar mit der jüdischen Bevölkerung in Verbindung zu treten hat, um die praktische soziale Arbeit in Gang zu bringen und zu überwachen. Eine der Hauptaufgaben des christlichen Delegierten besteht darin, auf die christliche Bevölkerung einzuwirken, um neuen Judenmetzeleien vorzubeugen. Wenn man bedenkt, daß seit Oktober 1918 Südrußland mit kurzen Unterbrechungen von solchen Metzeleien und Plünderungen heimgesucht worden ist. so kann man auch ohne Detailmalerei sich vorstellen, welch unzählige Tragödien und Dualen sich in diesen weiten Gebieten abgespielt haben. ln der erwähnten kurzen Übersicht heißt es: „Während die Pogrome der ersten Periode — seit Oktober 1918 — hauptsächlich auf Plünderung des Eigentums gerichtet waren, war die nächste Welle wie ein gewaltiger Orkan, welcher kleinere und größere Städte mit jüdischen Bewohnern vollkommen hinwegraffte.“ Und eine andere Stelle des Berichtes lautet: „Die jüdische Bevölkerung in der überwiegenden Mehrzahl der kleineren und größeren Städte, in den Gouvernements Wolhynien, Podolien, Kiew und Teilen von Cherson verlor all ihr Hab und Gut: Kleidung, Schuhe, Wäsche und Gegenstände des täglichen Bedarfs. Aus den Geschäften und auch bei den Hökern wurden alle Waren weggenommen. Die Handwerker sind all ihrer Maschinen und Werkzeuge beraubt: die Produktion ist zerstört. Die von Pogromen heimgesuchte Bevölkerung erlag außer der allgemeinen seelischen Depression dem Einfluß epidemischer Krankheiten.“ Der „Lichtblick,“ die Hilfe des Roten Kreuzes, vermag gewiß nicht die Nacht all des Jammers zu erhellen, die auf jenen dreimal unglücklichen Menschen lastet. Gewiß sind sie dankbar für jede Hilfe, gewiß freuen wir uns, daß die allmenschliche Solidarität auch die christliche Caritas auf das Schlachtfeld der Pogrome führt. Aber mehr als hilfreiche Güte, wichtiger als Mitleid ist uns Gerechtigkeit! Wir sind nicht weniger als andere. Mächtigere, wir fordern Gerechtigkeit! Droht man uns mit Gegenlisten? Man stelle sie auf! Auch der Jude, der sich schuldig machte, soll sühnen! Wer aber ist nicht mit uns überzeugt, daß die abscheulichsten Verfehlungen, daß Mord, Plünderung, Vernichtung ganzer Völker kaum zu den Verbrechen gehören werden, die man Juden im Ernst wird vorwerfen können. Oder wo sollte es Juden geben, gegen die eine ähnliche Anklage gerichtet werden könnte, wie gegen den berüchtigten General Denikin, von dem Dr. Paul Nathan in dem oben erwähnten Aufsatz schreibt: „General Denikin hat die Judenmetzelei in ein staatlich-bürokratisches System zu bringen gewußt. Er setzte Militärgerichte ein, um jene abzuurteilen, die angeblich oder tatsächlich den Bolschewisten Vorschub geleistet hatten. Diese Gerichte haben in 76 Tagen, nämlich vom 1. August bis zum 15. Oktober 1919, 87 Prozent Juden und 13 Prozent Christen abgenrteilt nach den Verzeichnissen in meiner Hand. Ohne Ausnahme wurden die 87 Prozent Juden zum Tode verurteilt. Unter den Christen, die 13 Prozent darstellten, wurden 2,6 Prozent dem Tode überliefert: beredte Zahlen, um den Charakter Denikinscher Politik klar zu beurteilen.“ Es dürfte keine Anklageliste geben, die so unbarmherzig wahr und unwiderlegbar sein würde wie die jüdische. Wie es kein Volk gibt, das so unbarmherzig bedrückt wurde, das so hat leiden müssen wie das unsere. Wir schlagen vor, daß die dazu berufenen Organisationen sofort daran gehen, eine solche Liste aufzustellen. Wir fordern, daß die jüdischen Delegierten sie zur Kenntnis der Welt und der Instanzen bringen, die zur Wahrung der Weltgerechtigkeit berufen sein werden. Wir fordern keine Auslieferung, wir verlangen keine Garantien für den Rechtsgang und die Gerechtigkeit des Urteils. Wir geben unsere Sache in die Hände aller anständigen Menschen. Wir glauben, daß es nicht nur für die Mächtigen, daß es auch für uns gerechte Richter auf Erden geben wird. G—. Die Sitzung des Großen Aktionskomitees .Wie uns gemeldet wird, fand die Eröffnungssitzung am Dienstag, den 11. Februar, im Konferenzsaal des Zionistischen Zentralbüros in London statt. Anwesend waren außer den Mitgliedern des Engeren Aktionskomitees, die Herren Prof. Warburg, Prof. Chajim Weizmann, Nahum Sokolow, Dr. Lewin, Dr. Jakobsohn. Dr. Hantke, die Herren Dr. Bodenheimer. Jean Fischer, Dr. Friedemann, Boris Goldberg, Idelsohn, Jacobus, Kann, Dr. Klee. Dr. Marmorek, Leo Motzkin. J. A. Naiditsch, Abraham Podlischewski, .1. A. Rosoff, Dr. Schönfeld, außerdem Dr. Nordau, Dr. Feiwel, Dr. Katzenelson, Josef Cowen, De Lieme. Erwartet wurden weiter die Herren Julius Simon. Ingenieur Stricker, Dr. Reich und Kremenetzki, Dr. Ruppiti, Dr. Georg Halpern und Adolf Böhm. Als Vertreter solcher Landsmannschaften, die ihre Informationen nicht von einem Mitglied des A. C. erhalten können, waren erschienen: Dr. Bernstein-Kogan für die Zionistische Organisation Bessarabiens, die Herren Josua Caleb und Avramoff für Bulgarien, Herr Chicouri für Ägypten, die Herren Dr. Daiches, Rev. Goldbloom, Mr. Paul Goodmann. Israel Cohen, Shire (im Turnus) für die English Zionist Federation, Herr Florentin für Griechenland, die Herren Sprinzak und Kaplan für den Hapoel-Hazair und Zeire-Zion, Herr Marx und Herr Sacher für den Order of Ancient Maccabe'ans, Mr. A. M. Abrahams für Südafrika,