Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 9 (27.2.1920)
- Date
- 1920-02-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 9 27. Februar 1920 7. Jahrgang Die Gerechtigkeit auf dem Marsche Die Fortschritte der Gerechtigkeit auf Erden ähneln denen der Teilnehmer an der bekannten Echternacher Springprozession: immer zwei Schritt nach vorn und gleich mehrere rückwärts. Aber da ja die Pilger von Echternach nach so vielen Kreuz- und Quersprüngen und anderen Mühseligkeiten doch einmal das ersehnte, wundertätige Heiligenbild erreichen, so brauchen auch wir die Hoffnung nicht aufzugeben, daß irgendwann einmal das viel wunderbarere Ziel alles echten Menschlichkeitsstrebens, Gerechtigkeit für alle und in aller Welt, erreicht werden wird. — Man spricht und predigt ja genug darüber. Es ist in den letzten Jahren eine liebe Gewohnheit der „Staatslenker“ und Parteileute geworden, sich besonders inniger Beziehungen zur „Gerechtigkeit“ zu rühmen und aus diesem Verhältnis für sich und die Ihren allerlei Rechte und Vorteile abzuleiten: aber es scheint, daß die kleine Vorsilbe „selbst“ dabei unterschlagen wird und die echte Gerechtigkeit ein wenig zu kurz kommt. Immerhin — ein kleiner Schritt vorwärts ist getan. Siesrer und Besiegte sind darüber einig, daß die wirklichen Verbrecher des Krieges abgeurteilt und bestraft werden sollen, und es ist zu begrüßen, daß die Gerichte, vor denen sie sich werden verantworten müssen, nicht Richter, Ankläger und Henker in einem vereinigen dürfen. Das Reichsgericht hat, wenn es ohne Furcht vor der Entente, aber auch ohne Rücksicht auf die Schreier von rechts und links, seine Pflicht tut, eine unerwartete Möglichkeit, den geschändeten Namen der Deutschen, ja den prostituierten Begriff der Gerechtigkeit wieder zu Ehren zu bringen und ein würdiges Beispiel jenem Areopag der Welt, jenem von Parteilichkeit unbeirrbaren Gerichtshof der Völker zu werden, den, wie man sagt, die Gesellschaft der Nationen errichten wird. Inzwischen freilich haben wir Zeit, mit Zweifel und Schauder die langen Listen zu lesen, in denen die Entente nicht ihre Anklagen gegen deutsche Staatsmänner, Offiziere, Soldaten, sondern gegen das Deutschtum selbst zusammengestellt hat. Wir prüfen nicht nach, was wahr daran ist, wir wenden uns von dem Versuch ab, ein Volk für alle Zeiten verächtlich zu machen, aber wir wissen, daß immerhin auch deutscherseits in den Jahren 1914—1918 Abscheuliches geschehen ist und daß dies Abscheuliche seine Sühne finden muß. Deutschland bereitet leider zu spät eine ähnliche Liste der Verbrechen von Vertretern der Siegerstaaten vor. Auch dort werden wir von Mord, Plünderung, Raub, Diebstahl, Erpressung, Vergewaltigung, schamloser Niedertracht von Ärzten, unmenschlicher, völkerrechtswidriger Politik, unerhörten Befehlen lesen. Wahr oder nicht wahr? Wir haben auch hier nicht zu untersuchen. Aber wir wissen, daß auch diese Liste Ungeheuerliches verkünden und daß vieles davon unwiderlegbar sein wird. Hoffen wir, daß die Sieger ihren Kriegsverbrechern gegenüber dieselbe Gerechtigkeit werden walten lassen, die sie von den Besiegten fordern. Das würde den Weg, der uns von dem hehren Tempel der wahren Weltgerechtigkeit trennt, beträchtlicher kürzen, als alle Reden, Noten, Ideologien zusammen. Ein neues Gesetz wäre aufgestellt, ein neuer Grundsatz des Rechtes der zivilisierten Nationen, den von Barbarei zu brechen vermöchte, daß weder Souveränität, noch Macht, weder Rang noch außerordentliche Umstände wie Krieg oder Wirren von der persönlichen Haftung für Verbrechen gegen Völker und Einzelne befreien. Dann wäre der Weg frei für den Gerichtshof, der die Hoffnung aller Unterdrückten, aller Geknechteten und Gepeinigten wäre, der keinen Unterschied zwischen stark und schwach, sondern nur zwischen Schuld und Unschuld kennen würde. Freilich muß, damit dies hohe Tribunal wirklich seiner Aufgabe gerecht werden könnte, alle Menschen guten Willens der starke Wunsch beseelen, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Nun wohl, ihr kleinen, unsagbar leidenden Völker, wo sind eure Listen? — Die Armenieimetzeleien dauern nach all den Schandtaten der letzten Kriegsjahre weiter fort. Wo ist die Aufzählung der Schuldigen, jener Mörder und Räuber, vom Pascha bis zum letzten anatolischen Askari? Wo, vor allen Dingen, ist die Liste des jüdischen Volkes, die beginnen müßte mit 1. Denikin, General. Gab Befehle, die zu Mord Zehntausender, zu Plünderung, Vergewaltigung wehrloser Frauen, Raub, Erpressung, Diebstahl, zu Deportationen und Massensterben führten. 2. Haller, General. Desgleichen. 3. Friedrich, Kriegsminister. Gab Befehle, die zur Plünderung, Vergewaltigung, Erpressung usw. führten. 4 . 5 .und ins Unendliche weiter, bis zu den wirklichen Mördern und Banditen, dem Abschaum der Menschheit, der auf die Juden losgelassen wurde, oder etwa jener Leute, die Aufhetzung zu Pogromen, Aufreizung zur Bewaffnung gegen Juden, Verleumdung, Lüge usw. sich zur Lebensaufgabe setzen. Wo bleibt diese Liste, die tausend und tausend Namen enthalten würde, die von den jüdischen Zeitungen, von der anständigen Presse aller Länder veröffentlicht, von den Jüdischen Delegationen in Paris, der offiziellen Vertretung des jüdischen Volkes, dem Gerichtshöfe des Völkerbundes vorgelegt, die allen Machthabern so lange in die tauben Ohren geschrieen werden müßte, bis sie zu hören gelernt hätten?! Ob wir berechtigt wären, eine derartige Liste aufzustellen? Fragt unsere Geschichte! — Herr Dr. Paul Nathan bringt im „Berliner Tageblatt“ soeben wieder neue Mitteilungen über die Lage in Südrußland. Man lese und erwäge all das Furchtbare, das die wenigen Zeilen enthalten, die wir hier, zum Abdruck bringen, möchten. .