Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 8 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9102977-9140648--03356-9076181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
90 Das Jüdische Echo Nr. 8 brachte nicht allein mir, sondern auch seinem Peiniger Milch und Weißbrot, wobei er sich in der beharrlichsten Weise weigerte, eine Bezahlung anzunehmen. Wer sieht in solchen Zügen nicht das Charakterbild des Lessingschen Nathan? Im Frühjahr 1917, in der schlimmsten Kohlrübenzeit, wurde ich von meiner Organisation reklamiert, um meine gewerkschaftliche Tätigkeit auszuüben, zu der auch die Rechtsschutzerteilung gehörte, die von den Ärmsten der Armen, den Kriegskrüppeln, den Kriegswitwen und Kriegswaisen in besonderem Maße in Anspruch genommen wurde. Zur Linderung größter Not mußte ich oft den Bettelsack schwingen für meine Schutzbefohlenen. An jüdischen Türen habe ich nie vergeblich geklopft, im Gegensatz zu christlichen begüterten Gesellschaftskreisen. „Christliche“ Barmherzigkeit habe ich in der Regel und vorbehaltlos nur bei Juden gefunden. Ein Kaufmann jüdischer Abstammung aus meiner Bekanntschaft hat in strengster Anonymität Wagenladungen billiger Friedensware teils unentgeltlich teils zu Friedenspreisen meinen Armen gegeben, statt sie wie andere zu Wucherpreisen zu verkaufen. Nathangröße, vor der ich in Ehrfurcht den Hut ziehe, weil ich sie in diesem Ausmaß nur bei Juden fand.“ Mögen diese zwei persönlichen Erlebnisse Nk. Osterroth, der als einfacher Bergarbeiter selbst die Bitternisse des Lebens am eigenen Leibe zur Genüge erfahren hat, jenen Judenhetzern, die noch einer besseren Belehrung zugänglich sind, zur Beherzigung und Bekehrung von ihrem wahnwitzigen Hasse dienen, den anderen aber zur tiefen Beschämung. Aus der jüdischen Welt Hebräisch. Am 25. Dezember hat die Übersiedlung des „Waad Hazirim“ von Jaffa nach Jerusalem stattgefunden. In einer Ansprache, die Ussischkin bei dieser Gelegenheit an die Beamten des „Waad Hazirim“, 70 an der Zahl, hielt, erklärte er u. a.. daß die herrschende Sprache im „Waad Hazirim“ die Hebräische sein solle. Die Beamten sollen sich an die Besucher in Hebräisch wenden. — Auch die Anglo-Palästina-Bank hat beschlossen, von nun an alle ihre Drucksorten. Broschüren und Berichte in hebräischer Sprache zu veröffentlichen. Es sind bereits Vorarbeiten im Gange, um in möglichst kurzer Zeit auch die Buchführung und überhaupt den ganzen inneren und äußeren Geschäftsverkehr in hebräischer Sprache durchzuführen. Dieser Beschluß wird zweifellos auch auf die übrigen jüdischen Körperschaften und Privatunternehmungen einen günstigen Einfluß üben. Beduinenüberfälle. Die antifranzösischen und antichristlichen Unruhen in Syrien greifen nach den entlegenen Ecken Galiläas über, wo die Beduinen christliche Siedlungen heimsuchen. Es passiert hier und dort, daß sie irrtümlicherweise auf eine jüdische Siedlung stoßen, in welchem Falle sie sich nach Aufklärung des Irrtums sofort zurückziehen, indem sie betonen, sie wotlien den Juden nichts tum Die jüdischen Arbeitersiedlungen leiden aber unter der durch die Aufstände hervorgerufenen allgemeinen Unsicherheit. Die britischen Besatzungen sind sehr klein und bieten keinen absoluten Schutz gegen Räuberbanden. Außerdem wird ein Überfall manchmal erst nach einem Revolvergeplänkel als „Mißverständnis“ aufgeklärt. Einern Arbeiter in Te'il-Chai kostete ein solcher Überfall, der von den jüdischen Arbeitern abgeschlagen wurde, das Leben. Sein Name ist S. Schopotschnik. Oft geben die Scheichs der Beduinen ein bewaffnetes Geleit für die Durchfahrt jüdischer Frauen und Kinder durch» das Gebiet der christlichen Siedlungen, das ihr Angriffsobjekt bildet. — Hoffentlich wird der Frieden mit der Türkei auch diesem 'Bandenunwesen ein Ende machen. Einwanderung. „Hapoel-HazaTr“ veröffentlicht eine interessante Statistik über die mit dem Schiff „Rußlan“ jüngst nach Palästina gekommenen 620 neuen Einwanderer. Dem Alter nach waren: bis 15 Jahre .150 von 15 bis 20 Jahre . . . 110 „ 20 „ 30 „ ... 170 „ 30 „ 40 „ ... 85 „ 40 „ 50 „ ... 45 von über 50 Jahren . . . 60 zusammen 620 Des Hebräischen kundig sind 240 (70%) Männer und 80 (30%) Frauen. Dem Berufe nach waren: Kaufleute 36, Fabrikanten 6, Arbeiter 47 (darunter 6 Chaluzim), Handwerker 39 (darunter 8 Goldschmiede), Schüler und Studenten 34, Ärzte 6, Ingenieure 3, Architekten 2, Lehrer, Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen 16. Freie Berufe (Schriftsteller, Masseusen, Hebammen, Pharmazeuten und Rabbiner) 9, Hausierer 10, unbestimmt 66, Bauern 3, Almosenempfänger (!) 15. Kriegsgefangene nach Palästina. Das Kriegsministerium in Berlin verfügte eine Registrierung der in Deutschland vorhandenen russischen jüdischen Kriegsgefangenen, die nach Palästina auszuwandern wünschen. Das Würzburger Distriktsrabbinat. Die zwischen Orthodoxen und Liberalen, Landkreis und Stadtgemeinde geführten schwierigen Verhandlungen über die Neubesetzung des hiesigen Rabbinats haben ein Ergebnis erzielt. Man wird bei dem bevorstehenden Wahlakt wohl ohne Opposition mit der Wahl des Herrn Rabbiner Dr. Hannover aus Köln zu rechnen haben. Herr Dr. Hannover ist ein Schüler des Berliner Rabbinersemiinars. Minoritätenschutz in Bulgarien und Serbien. Di« Minoritätsk'lüuseln der Friedensverträge sind nunmehr auch von Bulgarien und Serbien unterzeichnet worden. Taufseuche unter den Assimilationsiuden in Budapest. Hier ließen sich infolge der starken antisemitischen Strömung in der letzten Zeit über 800 Juden taufen, darunter sogar Persönlichkeiten, die in der jüdischen Gemeinde und in jüdischen Organisationen führende Stellung einnahmen. literarisch«« Echo Martin Buber: „Worte an die Zeit“. Eine Schriftreihe. 1. Heft: „Grundsätze“. 2. Heft: „Gemeinschaft“. Dreiländerverlag München-Wien-Zürich. Diese beiden 50 Pfg. bezw. 1 Mk.-Schriften müssen wohl ohne Einschränkung als die prinzipiellsten und fundamentalsten Erscheinungen der Revolutionsliteratur bezeichnet werden. Kein Mensch, zuuriwenigsten der endlich vor neuen Aufgaben stehende, im Sozialismus zu Freiheit und Eigenleben gehobene Lehrer und Volkserzieher kann