Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 8 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Das Jüdische Echo Nr. 8 ausschließen, so beweisen die nicht minder erfreulichen Beschlüsse der zweiten Jahreskonferenz der Young Zionist Organisation in London, daß die nationaljüdische Jugendbewegung in aller Welt an Einheitlichkeit und Palästinawillen in der letzten Zeit bedeutende Fortschritte gemacht hat. Nach längerer Diskussion wurden dort folgende Anträge angenommen: 1. Zu agitieren für die Errichtung eines jüdischen Commonwealth in Palästina auf der Grundlage der traditionell jüdischen Auffassung von sozialer Gerechtigkeit und frei von den sozialen Übelständen des Westens. 2. Zu fördern das Studium von Sprache, Literatur und Geschichte des jüdischen Volkes und zu agitieren für die Entwicklung und Ausdehnung der erzieherischen Instanzen in unserer Bewegung. 3. Zusammenzuarbeiten mit anderen zionistischen Jugendgruppen. Der nationale Gedanke setzt sich übrigens in England auch bei der älteren Generation langsam aber sicher durch. Beweis dafür ist vor allem eine Meldung, deren besondere Bedeutung einem jeden einleuchten dürfte: Das „Joint Committee“, das die überwiegende Mehrheit des englischen Judentums vertritt, hat beschlossen, in das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris — das Exekutivorgan des jüdischen Volkes — einzutreten und sich an dessen Arbeiten zu beteiligen. Damit hat sich das englische Judentum, dem amerikanischen folgend, offiziell zum jüdischen Volkstum bekannt. — Überhaupt macht trotz aller Hindernisse die nationale Bewegung im Weltjudentum Fortschritte. Das russische Judentum, das eben der Hochflut der Pogrome entgangen ist, beugt sich freilich unter der harten Faust des Bolschewismus und ist augenblicklich nicht imstande, seinem in der kurzen Epoche der Freiheit bewiesenen nationalen Willen tätigen Ausdruck zu geben. Die Juden Polens sind nicht besser daran. Auch sie scheinen fürs erste der blutigen Verfolgung entgangen zu sein, aber der wirtschaftliche Boykott alles Jüdischen, die unfreundliche Praxis der Regierung und der lokalen Behörden, das den jüdischen Handel schwer schädigende Gesetz über die Zwangssonntagsruhe, die Ausweisungen aus den Dörfern, die Hetze auf den Schulen und die drohende Vorlage über die Konzessionierung der Lebensmittel- und ihnen verwandter Geschäfte mit der zugegebenen Absicht damit den jüdischen Lebensmittelhandel zu unterbinden — all das hat der polnischen Judenheit die Kraft zu aktiver Politik genommen. Immerhin ist auch hier in letzter Zeit eine Besserung zu spüren. Langsam aber immer bewußtör schreitet man zur Selbsthilfe anstatt sich auf Ententekommissionen zu verlassen, die bei allem guten Willen eben nur vorübergehende Besserungen erzielen konnten. Deutlicher wird der nationale Aufschwung im ungarischen Judentum, das in ein paar Monaten von der stolzen Höhe völliger Gleichberechtigung in den Abgrund völliger Rechtlosigkeit stürzte. Der Gedanke einer jüdischen Universität und die schnelle Bereitstellung der Mittel dazu ist eine würdige Antwort auf die Verdrängung der jüdischen Professoren von den ungarischen Lehrstühlen und die Prozentnorm auf den Hochschulen. — Damit nimmt das ungarische Judentum, das früher geradezu ein Bahnbrecher der Assimilation war, unter dem Druck der Zeit eine echt jüdischnationale Forderung auf und führt sie zur Verwirklichung. Noch deutlicher wird die fortschreitende Nationalisierung in Italien. Der Gemeinderat von Florenz z. B. hat alle seine Sitze mit Zionisten besetzt und der Gedanke einer Demokratisierung der italienischen Judenheit und ihrer Institutionen gewinnt an Anhängern. — Daß all dem gegenüber die liberale und orthodoxe Assimilation sehr tätig ist, erscheint nicht gerade sehr wunderbar. In der Tschechoslovakei hat die Agudas-Jisroel einige Erfolge errungen, auch in Polen versteht sie es sich ihren Einfluß auf Teile der jüdischen Bevölkerung zu wahren. Wie es ausgenutzt wird, zeigt die Warnung des „Israelit“ vor dem Palästina-Aufbaufonds, eine herostratische Tat! Immerhin ist zu hoffen, daß diese Warnung wenig Erfolg haben wird. Der Jüdische Nationalfonds kann jedenfalls mitteilen, daß seine Gesamteinnahmen im Jahre 1919 Francs 5.551.539,50 betrugen, sowie Rubel 1.196.675,13, die noch nicht realisiert werden konnten. Das ist ein schönes Resultat. Erfreulich ist, daß auch das deutsche Judentum mit Mark 1.001.393.— daran beteiligt ist. — Sonst ist leider aus Deutschland nicht viel Gutes zu melden. Das deutsche Judentum ist zersplitterter als je. Die Furcht vor dem Antisemitismus diktiert seine politischen Entschließungen. Die der Scheu vor dem antisemitischen Krakehl zuzuschreibende Leisetreterei lähmt alles jüdische Leben und führt soweit, daß man Vorträge über jüdische Themata nicht mehr durch Plakate anzukündigen wagt und in Nürnberg die Anzeige einer Palästinawoche in den Tageszeitungen älls eine Herausforderung des liberalen Judentums ansiehit — zumal die Anzeige gar so groß geraten sei! Ein derartiger Mangel an Mut widert sogar entschieden liberale Juden, wie Herrn Rabbiner Dr. Lange-Essen an. Herr Dr. Lange hat sich, wie uns zuverlässig berichtet wird, in Stuttgart sehr scharf gegen eine derartige „Zurückhaltung“, besonders der süddeutschen. Juden ausgesprochen. Dort hatte man es nicht gewagt, die Versammlung, die Herr Dr. Lange gegen den Antisemitismus zur Aufklärung auch deutsch-christlicher Kreise über die immer widerwärtigere Judenhetze abhalten wollte, öffentlich zu veranstalten. Von einem Abflauen der antisemitischen Welle in Deutschland war in der Berichtszeit nichts zu verspüren. Zwar rückt man auch in deutschnationalen Kreisen hier und da von der allzu deutlichen Pogromhetze der „Knüppel“-Kunze, Dr. Pudor, Dr. Liek und Konsorten ab. Aber in der Sache ist man jedenfalls mit ihnen einverstanden. Daß die „deutschnationale Volkspartei“ einen Dr. Delbrück, einen Düringer und andere in der Judenfrage bedächtigere Herren bei den Wahlen nicht mehr aufstellen will, ist bezeichnend genug. Über die tausend Übergriffe, Gemeinheiten, Borniertheiten unserer antisemitischen Feinde bringt jeder Tag zu schmachvolle, allgemein bekante Einzelheiten, als daß wir eine Aufzählung nötig hätten. Das Süpplein der Reaktion kocht nun einmal am Feuer des Judenhasses. Menschliche Bedenken und Erwägungen der politischen Klugheit kommen da eben nicht in Betracht. Wann wird das deutsche Judentum einsehen, daß es den Antisemitismus nicht du.rch feiges Verkriechen überwinden, sondern sich nur dann Achtung in Deutschland verschaffen kann, wenn es diese durch Leistung und aufrechtes Selbstbe-