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Das jüdische Echo · 1920-02-06 · 6 (6.2.1920) · p. Seite 64

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
6 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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64 Das Jüdische Echo Nr. 6 Juden, zwischen Sephardim und Aschkenasim. Auch wir erkennen Unterschiede zwischen den einzelnen Judenheiten, Unterschiede der Sprache, der Sitte, der Zivilisation, der Staatszugehörigkeit, ja des Gefühls. — Die Abtrennung großer Teile deutschen Gebietes mit Hunderttausenden deutscher Bewohner veranlaßt heute das deutsche Volk, sich mit derartigen Fragen eingehender zu befassen, als das im allgemeinen bisher der Fall war. Die Deutschen in Polen, in Frankreich, in Dänemark, in Böhmen, im italienischen Tirol, die Millionen, die von der Not über die Meere getrieben werden und sehr bald in eine ähnliche Lage kommen könnten, wie wir Juden, haben allen Grund, sich mit der Frage: „was ein Volk sei“ zu beschäftigen. Ein Aufsatz wie der des „Schwäbisch. Merkur“ über „Das Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ist daher auch für uns Juden von besonderem Interesse. Das Wort „Nation“, so wird dort ausgeführt, deutet auf gemeinsame Abkunft; aber keine Nation ist eine genealogische Einheit. Eine Einheit zu werden, ist freilich ihr unablässig betriebenes Werk. Keine fügt sich rein einem im voraus festgestellten Begriff; alle sind in stetem lebendigen Fluß. Weder Einheit des Stammes noch der Sprache gibt den Ausschlag; nicht einmal der Staat macht ein Volk zu einer rechten Nation. Die alten Griechen waren gewiß eine echte Nation, gleichartig nach Typ, Sprache, Sitte, Kult, in ihrem stolzen Sichabsondern von der Welt der Barbaren, im gemeinsamen Freiheitskampfe gegen den Großkönig; nie aber brachten sie es zu einem nationalen Staate. Die Römer hingegen erweiterten ihre festgefügte Staatseinheit vom städtischen Weichbilde über die Welt des Weltmeeres und doch hinterließ ihr Staat, als er in Trümmer fiel, kaum die Ansätze gesondert sich entfaltender Nationalitäten. Was aber macht nun die Nation? Im Jahre 1882 hielt Ernst Renan in der Sorbonne einen glänzenden Vortrag über das Thema: „Ou’est - ce qu’une nation?“ Er brachte die neue Deutung: „Eine Nation ist eine große Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig für die Gesamtheit vollbrachter Taten und auf das Einverständnis, in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiter zu leben.“ Er schließt: „Die Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes Plebiszit“. Renan kennzeichnet also zutreffend die Nation als etwas in steter Entwicklung Begriffenes und legt das Schwergewicht auf das tatkräftige Wollen. Nicht subjektives Belieben, die Stimmung eines Augenblicks, nicht völkische Zu- und Abneigung gewährleisten den nationalen Bestand. Taten allein, zur Tat gewordener Wille zum Volk, geben den Ausschlag. Wir dürfen uns diese Definition gern gefallen lassen, zumal sie heute überall anerkannt ist. Sie führt über die nur blutsmäßige Verbundenheit hinaus und ermöglicht Wertungen, deren Grundlage der Wille zum Ganzen, zur Einheit, zur Nation ist. Sie rückt den zionistischen Gedanken in das rechte Licht: er ist tatgewordenes Judentum. "er j^ästinagedanke, die Arbeit für Palästina, der begeisterte Wille unserer Jugend, das Werk im Lande der Väter selbst bedeuten jenes tätliche Plebiszit, das Renan als wesentlichstes Erfordernis für die Existenz einer Nation aufstellt: weil es Juden gibt, die als Juden Erez Jsrael durch Geist und Arbeit zu erwerben trachten, deren glühender Wille dem Volk und dem Lande gehört, gibt es eine jüdische Nation. Die hört auch dadurch nicht auf zu sein, daß zahlreiche Juden sich willensmäßig von der jüdischen Gemeinschaft ausschließen, den Zionsgedanken verneinen oder beiden durch eine unsinnige Auslegung den nationalen Wert zu nehmen suchen. Das Leben eines Volkes wird nie von allen Volkszugehörigen, sondern stets nur von denen bestimmt, die mit heißem Herzen daran teilnehmen. Daß heut Millionen Deutscher nur an ihre persönlichen Interessen denken, daß Tausende in den abgetretenen Gebieten zweifellos sehr bald nicht mehr Deutsche werden bleiben wollen, besagt nichts gegen die Existenz des deutschen Volkes, freilich sehr viel gegen die Abtrünnigen oder Gleichgültigen. Das jüdische Volk lebt, weil es Juden gibt, in deren Herzen es lebendig ist, weil der jüdische Wille nicht starb, sondern Tat wurde. — Und so ist es klar, weshalb der nationale Gedanke so duldsam all den vielen Erklärungen, die man für die Tatsache des Judeseins zur Hand hat, gegenüber sein darf: sie berühren ihn nicht, sie liegen sozusagen in einer anderen Sphäre: seine Wirksamkeit beginnt oberhalb derartiger Feststellungen. Diese Erkenntnis weist dem Kampf für den nationalen Gedanken im Judentum seine Richtung. Es ist für die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft nicht nötig, es ist sogar falsch, eine der vielen Theorien zu bestreiten, die sich das deutsche Judentum zurechtmachte, um sich selbst das Wunder seines Nochbestehens zu erklären. Sie stimmen alle: es ist nur gleichgültig, daß sie stimmen. Der jüdische Wille, der Wille zur nationalen Gemeinschaft und nationalen Tat bleibt unbeeinflußt von ihnen: ein heiliges Erbe unserer Väter, die zum großen Volke werden sollten — „so zahlreich wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meere“. In ein paar Versen „Mutter und Kind“ sagt der Dichter Dr. Origlaß den Deutschen den Trost der Unverlierbarkeit ihres nationalen Seins: Du hast deines toten Vaters Augen. Von seinem Vater hatte sie der. Sie kommen durch die Jahrhunderte her und sollen noch für Jahrhunderte taugen. Kind meiner Lust, Kind meiner Brust, wer will dir dein innerstes Wesen auslaugen? Du wirst, was du mußt. Kämpfen und Leiden, Hassen und Lieben: es steht in dir als Gesetz geschrieben von vieler starker Ahnen Hand, eine steinerne Tafel, ein ehernes Band. Und wenn sie dir Licht und Luft wegsaugen — du hast deines toten Vaters Augen. Unverlierbar, so lange Juden auf Erden leben, wird der Wille zum Judentum sein — er ist stets vorhanden, nur seine Intensität, die Zahl seiner Bekenner mag wechseln. Aber in den jüdischen Menschen, in den Vielen oder Wenigen, denen das Judentum Pflicht und Aufgabe ist, lebt das jüdische Volk. Der Kampf des nationalen Judentums ist kein negativer, er ist positiv, nicht gegen, sondern für etwas, um etwas: er geht um die jüdische Seele, um den jüdischen Menschen, den wir lieben und dem wir; noch dem letzten, uns unlösbar verknüpft fühlen. Mag um des Judentumes Sinn und Erklärung streiten, wer mag. Natiönaljudentüm ist jüdischer Wille und jüdische Tat: Judentum und Palästina. G~.

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