Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 5 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Das Jüdische Echo Nr. 5 Die Beschäftigung mit der Landwirtschaft, als der Urproduktion, ist für die Gesundung des Volkes unbedingt erforderlich, wohlverstanden für die Gesundung. Das Wirtschaftssystem kann aber nicht gesund bleiben, wenn es einseitig ist, und nicht viel mehr zu einem geschlossenen, alle Arbeitsgebiete der Menschheit in sich fassenden ausgestaltet wird. Allerdings ist dies bei dem Charakter der Juden niemals zu befürchten, der an und für sich stets das Gesunde erstrebt und auch durchsetzt, wenn man ihm nur freien Spielraum iäßt. Diese Erwägung läßt auch die Hoffnung zu, daß das jüdische Volk im jüdischen Lande unbedingt und von selbst ein gesundes, für die ganze Wirtschafts- und Kulturwelt ersprießliches Wirtschaftssystem bilden wird. Dr. Emil Stein-Wien (aus dem Jahrbuch der Vereinigung Jüdischer Exportakademiker). Die „Jüdischen Delegationen an der Friedenskonferenz“ Durch den Eintritt der Herren Lucien Wolff und Stuart Samuel als Vertreter des englischen „Board“ in die „Jüdisch. Delegationen“, ist unserer Pariser Repräsentanz heute die Möglichkeit geboten. die Interessen des gesamten Judentums zu vertreten. Das „Comite des delegations juives auprös de la Conference de la paix“ verfolgt in der Politik ein gemeinsames Ziel, das sich nicht nur im Kampf für bürgerliche Emanzipation, sondern auch für nationale Minderheitsrechte äußert. Der Generalvertreter der Delegationen, Dr. Leo M o t z k i n , äußerte sich dem Vertreter der „Züricher P. Z.“ gegenüber, gewisse nationale Forderungen seien von der Friedenskonferenz tatsächlich anerkannt worden. Auch die offizielle Bestimmung deis Judentums hält sich nicht mehr im Rahmen der früheren üblichen assimilatorischen Definition des Judentums einzig und allein als einer Glaubensgemeinschaft. Die Delegation vertritt den Standpunkt der absolut nationalistischen Richtung. Man stelle sich vor. wie der Text der Minderheitsreehte mit Bezug auf die Juden gelautet hätte, wenn die Friedenskonferenz vor dem Aufkommen der jüdisch nationalen Bewegung diese Rechte hätte formulieren sollen. Dazu sehe man sich z. B. die Texte der früheren Verträge aus den siebziger Jahren mit Bezug auf Serbien und Rumänien an. Schon die Tatsache, daß von ethnischen und Rasseminderheiten neben der religiösen die Rede ist. ist kennzeichnend genug. Das Komitee hat momentan 'fünf Arbeitsgebiete: 1. Kampf um Aufnahme gewisser Klauseln in die verschiedenen Verträge mit kleineren Ländern, welche noch nicht erledigt sind. (Ungarn, Türkei usw.) 2. Das Streben nach voller bürgerlicher und nationaler Emanzipation der Juden in Rußland. 3. Abwehr der furchtbaren Katastrophen. Organisierung des Kampfes gegen die lawinenartigen Pogrome. 4. Organisierung und Verwirklichung der jüdischen Welthilfskonferenz. 5. Vorbereitung der künftigen Organisierung des Judentums (Waad Haarazoth) zum Schutz der erreichten Nationalrechte und zur Erweiterung dieser Rechte, sowie anderer permanenter Ziele. Neue große Aufgaben stehen dem ständigen Rat der „Jüdischen Delegationen“ bevor. Die Probleme der Rekonstruktion, der Wanderung, der Durchführung der errungenen Rechte, des Ausbaues der nationalen Forderungen, des würdigen Protestes eines ganzen Volkes gegen schmähliche Legendenbildungen und häßliche Beschuldigungen, all dies wird ein Komplex von langjährigen Aufgaben sein. — Das Komitee der Jüdischen Delegationen hat durch Konstantinopel einen neuen Informationsdienst eingerichtet, der die Mitteilungen der in Wien, Zürich und Warschau vorhandenen Büros ergänzen wird. Das Schicksal einer Familie Eine Tragödie aus Ostgalizien. Es klingt wie ein Märchen, ein grauenhaftes Märchen, das wir erzählen, so schreibt das „Allgemeen Handelsblad“, aber die Geschichte hat sich, wie unser Gewährsmann erzählt, wirklich zugetragen. Wort für Wort ist wahr, nichts erdichtet, keine Kleinigkeit, keine Einzelheit, nichts, und doch klingt es wie ein ■ Märchen. In einem Städtchen Ostgaliziens, in Boracze oder Kamorcze, der Name ist uns entfallen, wohnte ein angesehener Jude. Er gehörte zu den Führern der jüdischen Gemeinde seiner Stadt und verwaltete ihre Angelegenheiten mit Herz und Seele. Er konnte es tun, er hatte Zeit dazu, denn er war ein reicher Mann. Seine Frau war eine „Figur“ in dem Städtchen. Wo es Wohltätigkeiten üben galt durch Geld oder werktätige Hilfe, stand sie in erster Reihe. Nicht aus Ruhmsucht, um in die Zeitung zu kommen, denn dafür, daß man selbst zu den Armen geht, wenn sie krank sind, und sie in aller Stille pflegt, kommt man nicht in die Zeitung. Allen Armen half sie, ob sie Juden oder Christen waren. Das Ehepaar hatte drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, der in der letzten Klasse im Gymnasium saß. Da brach der Krieg aus. Galizien wurde von den russischen Armeen überschwemmt. Überall begann die russische Eroberung der Städte mit einer Judenverfolgung. Gewöhnlich wurden die Vornehmsten der Judengemeinde zuerst aufgehängt oder erschossen. Oder die Russen drangen sofort nach ihrem Einrücken in die Synagoge ein und hängten etwa zehn der Anwesenden gleich im Bethaus auf. Im vorliegenden Fall griffen die Russen nicht gleich nach dem Leben des Vaters, aber da er der Vorsteher der Judengemeinde, also Vertreter der Juden war, wurde er wenigstens unter einer falschen Beschuldigung verhaftet. Ein Russophile klagte ihn an, austrophil zu sein, das heißt, er beschuldigte ihn, daß er Österreich, zu dem er doch gehörte, gut gesinnt war. Wenn man Jude war, durfte man das nicht. Da hieß es stets, gut Freund mit jener Partei zu sein, die gerade die Macht hatte, Juden zu mißhandeln und zu ermorden. Der Beschuldigte wurde vor den russischen Kommandanten geführt. Er wurde dort mißhandelt und geschlagen, so daß sein Körper mit Wunden bedeckt war, und im Gefängnis, in das man ihn nachher warf, erkrankte er infolge der Verletzungen. Er wurde so schwach, daß die Ärzte, die ihn untersuchten, erklärten, sein Leben hänge an einem Faden. Seine Familie und seine Freunde kauften ihn los, das heißt, sie bezahlten dem russischen Kommandanten einige tausend Rubel. So kam der Vater todkrank, in einem schrecklichen Zustand, nach Hause. Nach1 einigen Wochen änderte sich die militärische Lage. Die Russen wurden verjagt und die Österreicher drangen in die Stadt ein. Ob