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Das jüdische Echo · 1920-01-30 · 5 (30.1.1920) · p. Seite 53

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
5 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 Das Jüdische Eohe 53 den die Antäuskräfte seiner kulturellen Leistungen schöpfte und in den zwei Jahrtausenden seiner Verbannung von Palästina gar vielfach den Beweis wirtschaftlich hochwertiger Leistungsfähigkeit erbrachte. Es wäre mehr als wunderlich, wenn das jüdische Volk, dem, mitunter als Vorwurf, der Titel eines Handelsvolkes beigelegt wird, von dem Werner Sombart sogar den Beweis erbringen wollte, daß es der Vater des gesamten modernen Geidverkehrs, ja sogar das Volk des Kapitalismus kat’ exochen sei, wenn dieses Volk unter so gegebenen glänzenden Voraussetzungen Palästina nicht zu einer Handelszentrale ersten Ranges ausgestalten würde. Aber die bisher aus den Exportziffern bekannten Daten lassen schon jetzt darauf schließen, daß auch in Palästina nicht nur die Möglichkeiten für ersprießliche Handelsbetätigung, sondern auch für eine ganz bedeutende Eigenindustrie auf Basis der gegebenen Rohprodukte vorhanden sind. Schon vor dem Kriege sind namentlich an Häuten, tierischen Fetten, Hartölen, aber auch an lebendem Vieh ganz bedeutende Überschüsse erzielt worden. Dabei war aber die Ausbeutungsmöglichkeit infolge des Regierungssystems nicht gegeben, es bestand auch keine Möglichkeit, nach sonstigen Naturschätzen zu forschen. Nunmehr wird bekannt, daß die eigentliche Formation des Toten Meeres an sich schon viele Produkte wie z. B. bituminöse Kalke, Chloride, Phosphate, auch Asphalt in reiner Qualität, u. a. ohne große Investionen hergeben wird. Schon ist die Standard Oil Companie daran, die durch den Krieg unterbrochenen Bohrungen nach Petroleum am Südende des Toten Meeres neuerlich aufzunehmen und in Palästina verlautet, daß bereits große unterirdische Ölteiche gefunden worden seien. In Bezug auf Kohle ist bisher in Palästina nur eine minderwertige Weichkohle gefunden worden, welche die Ausbeutung gar nicht lohnt. Das Vorkommen von heißen Schwefelquellen fast im gesamten Lande läßt aber die Erwägung nicht zur Ruhe kommen, daß zumindest eine systematischgeologische Erforschung des Landes notwendig wäre. An pflanzlichen Erzeugnissen dürfte Palästina so ziemlich alles bringen, was von einem mediterranen Trockenklima zu erwarten ist, inklusive der für uns wirtschaftlich so wichtigen Baumwolle, die ohne weiteres im benachbarten Mesopotamien, aber wie die verschiedenen Versuche ergaben, auch in Palästina mit großer Rentabilität gepflanzt werden kann. Die in Bezug auf Seidenbau unternommenen Versuche scheiterten nur deswegen, weil sie. mit unzulänglichen Mitteln ausgeführt, sowohl der japanischen als auch der italienischen Konkurrenz unterliegen mußten. Tatsächlich erhält sich die Seidenraupenzucht im benachbarten Libanongebiet, was immerhin Rückschlüsse auf Palästina ermöglicht. Auch in Bezug auf Weizen und Braugerste haben einzelne Landstriche ebenfalls eine Mehr- Bilanz aufzuweisen, wobei allerdings zu sagen ist, daß in dieser Beziehung aus der Kolonisation des im großen und ganzen gebirgigen Palästina nicht allzuviel herauszuholen sein wird. Wenn von einer Industrialisierung Palästinas immer wieder gesprochen wird, so ist dieses Wort nur mit Vorsicht aufzunehmen und zu werten; denn die Industrie Palästinas wird, wenn sie kein künstliches Gebilde bleiben soll, sich immerhin auf die Deckung des Eigenbedarfes, event. auf Veredlung gewisser Rohprodukte und die notwendige Konfektionierung einzelner Zwischenfabrikate beschränken müssen und kaum auf die Höhe einer Großindustrie zu entwickeln sein. Das Wort der Industrialisierung ist vielmehr derart aufzufassen, daß wir in Palästina bei der gegebenen Eigenexpansion des jüdischen Arbeitsindividuums weder mit einer Klasse von Industriearbeitern noch mit einer Bauernklasse im bisher bekannten Sinne zu rechnen haben, daß vielmehr der Kolonist, bei erhöhter Benützung moderner Maschinen und Potenzierung seiner geistigen Mitarbeit die Landwirtschaft mit einer gewissen Industrietätigkeit als Kleingewerbe verbinden wird. Diese Art dürfte sowohl der Natur des Landes als auch den Eigentümlichkeiten des Volkes am besten entsprechen. Dadurch wird es auch ermöglicht werden, daß auf relativ kleinem Einzelbesitz eine unendlich große Zahl jüdischer seßhafter Menschen angesiedelt werden kann, wobei diese Zahl mit der immer fortschreitenden Intensivierung der Einzelarbeit beliebig bis zu bisher unerreichten Bevölkerungsdichten gesteigert werden mag. Denn wir müssen immerhin damit rechnen, daß das jüdische Volk, welches heute trotz aller Existenzschwierigkeiten die in seiner Geschichte höchste Bevölkerungsziffer von 15 Milionen erreicht hat und eine unglaubliche Fortpflanzungsziffer besitzt, sich unter den gesunden Verhältnissen Palästinas in rapider Weise vermehren wird. Für den Bevölkerungsüberschuß werden zwar die bevölkerungsarmen Nachbarländer Palästinas, ohne Gefahr einer politischen Expansion, Aufnahme ermöglichen. Immerhin wird aber an eine Verdichtung der Bevölkerung Palästinas selbst gedacht werden müssen. Die Erschließung des Großhandels und der Geldwirtschaft von in dieser Hinsicht weit zurückgebliebenen Landkomplexen, die Möglichkeit einer verhältnismäßig großen Industrie aus eigenen und engbenachbarten Rohprodukten, die Schaffung einer hochentwickelten Landwirtschaft zeigen hier Entwicklungsbahnen, für die wir bisher in den Statistiken des nahen Orients keine wie immer geartete Berechnungsbasis finden und die entsprechend den neu zu erschließenden Landstrecken und dem zu einem geordneten und geschlossenen Wirtschaftssystem zurückkommenden jüdischen Volke ungeahnte Möglichkeiten bloß denken lassen. Es ist klar, daß dabei durch die uralten Beziehungen der Juden zu den Handels¬ und Industriezentren der Kultur-Menschheit und durch ihre niemals erloschenen Beziehungen untereinander, wo immer in der Welt sie gesiedelt haben mögen, diese Fortschritte wesentlich gefördert werden dürften. Es sind dies incommensurable Größen, Komponenten, die mit dem Rechenstifte nicht erfaßt werden können, für die es auch keinen Literaturnachweis gibt, die aber speziell bei der Neubesiedelung Palästinas und bei der Neuerschließung Kleinasiens eine wesentliche Rolle spielen werden. Beim Handel und bei der Industrie Palästinas gilt das Wort, man möge nur die Juden in den Sattel setzen, reiten und die Entwicklung Palästinas lenken, daß dürfte man wohl ihren wirtschaftlichen Instinkten ruhig überlassen. Keinesfalls darf aber bei der Rechnung über die Kolonisation Palästinas Handel und Industrie in so sträflicher Weise außer Acht gelassen werden, wie es bisher geschah, da man immer nur davon sprach, die Juden in Palästina einzig und allein der allein seligmachenden Landwirtschaft zuzuführen.

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