Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Das Jüdische Echo Nr. 4 immer tiefer in den vollständigen Wirtschafte- Zusammenbruch hineintreiben, tobt sich ein wilder, blöder und allen 'Feilen gleich schädlicher Chauvinismus gegen die Juden aus und versucht, ihnen jede Betätiguiigsmöglichkcit zu nehmen. Das ist Jiideuschicksal. — Und nun stelle man sich vor. wie diese verzweifelnden Menschen, denen ihr letztes bischen Habe, ja sogar die Gräber ihrer Lieben geraubt sind, über die Erde irren, ein Volk von Verzweifelten. Ist es verwunderlich. daß diese Heimatlosen zu Liquidatoren der kranken Wirtschaft werden, daß sie skrupellos anwenden was sie allein noch besitzen und was ihnen niemand nehmen kann: ihr bischen Intelligenz? Entrüstet ihr euch über den jüdischen Schieber? Gewiß, ihr habt Recht, ihr Satten, die Hungernden Gesetze vorschreiben. Aber wäre es nicht angemessener, sich zu wundern, daß von all diesen Unglücklichen sich weitaus die meisten rein erhalten und in ehrlicher Weise ihr Brot verdienen wollen — wenn man ihnen nur die Möglichkeit dazu gibt? Ein paar Zahlen, die vielleicht beweiskräftiger und eindringlicher sein werden als Worte. Davis Trietsch stellt folgende Tabellen nebeneinander: Ums Jahr 1881 zählte die jüdische Welt rund 7,2 Millionen Seelen. Von diesen lebten in: Rußland 3,80 Millionen Österreich-Ungarn 1,65 „ Deutschland 0,56 Rumänien 0,20 Türkei 0,20 Dies sind im ganzen 6,41 Millionen oder 89 Proz. Auf den Rest der Welt entfielen 0,79 Millionen oder 11 Proz. Die neue Wanderbewegung seit 1881 hat zusammen mit der inzwischen erfolgten Verdoppelung der jüdischen Gesamtziffer diese Verteilung der Juden wesentlich verschoben. Im Jahre 1917 lebten von 15 Millionen Juden in: Rußland Vereinigte Staaten Österreich-Ungarn Deutschland Türkei England Rumänien 7,00 Millionen 3,00 2,30 0,62 0,40 0,30 0,24 Dies sind im ganzen 13,86 Millionen oder 90 Proz. Auf den Rest der Welt entfielen 1,34 Millionen oder 10 Proz. Aber das eigentliche Elend setzte ja erst nach 1917 ein. Und die Zahlen, die jetzt zutreffen dürften, werden dem, der zu lesen versteht, noch grausigere Einzelheiten künden. Das verhängnisvollste jedoch ist, daß auch die Teile des jüdischen Volkes, die daran gewöhnt waren, in Sicherheit und verhältnismäßig guter Lage zu leben, in den allgemeinen Strudel der Vernichtung hineingerissen zu werden drohen. Das ungarische Judentum als wohlhabend und seinen notleidenden Brüdern gegenüber als hilfsbereit bekannt, das in engster Versippung mit dem herrschenden Magiarentum davon träumen durfte, dem Staatsvolke wahrhaft gleichberechtigt zu sein, ist aus allen Hoffnungen gerissen und muß sich mißhandeln lassen, wie ärmliche Pejesträger irgendwo in der Ukraine. Das deutsche Judentum aber gleicht einem nicht ganz geschickten Seiltänzer, es weiß nicht recht, ob es noch steht oder schon fällt. Der Zusammenbruch des jüdischen Volkes, den wir schaudernd durchleben, hat mit dem des deutschen Volkes ein gemeinsames: in die ganze Weit werden Volkstrümmer geschleudert, überall bildet sich eine neue Diaspora1 und1 mit ihr neue Brandstellen des Hasses gegen die beiden von der Welt geächteten Völker. Aber in einem besteht der Unterschied: die Deutschen haben ihr Deutschland als sicheres Gut, wir Juden — könnten Palästina haben. Findet das jüdische Volk in Erez Jisroel seine Heimstätte, dann wäret der verhängnisvolle Knoten gelöst, wir wären nicht mehr unrettbar dem Eilend verkoppelt Denn dann wäre, was heute deutsche Hoffnung ist auch jüdische: die Rettung durch das Land, seine Werte und seine Kinder. Zweierlei aber ist zu fordern, damit dem so werde: Die Erkenntnis aller bewußten Juden, daß vor der Not anderer Völker die brennendste die Judennot ist. Sodann der Zusammenschluß aller, die dies erkannten, über die Köpfe seniler Parteiführer und verrotteter Parteien und Organisationen hinweg zu fruchtbarer zukunftsschwangerer Arbeit Dann wäre es möglich, freilich unter Anspannung aller Kräfte, die großen Aufgaben zu bewältigen. die uns gesteffllt sind: Die Organisation und Lenkung der jüdischen Wanderung. Die wirtschaftliche und berufliche Umstellung der Judenheit der Aufbau Palästinas. Gelingt dos nicht, dann wird uns im Gegensatz zum deutschen Volke das Elend verschlingen, der jüdische Untergang wird das Ende der jüdischen Not sein. Und alle die Mittel und Mittelchen der Assimilation werden so wenig helfen, wie der Wasserstrahl von einer Kinderspritze in das Flammenmeer eines brennenden Hauses. G—. Das Pech des „Israelit“ Die orthodoxe Assimilation hat Pech. Eben schienen die Aussichten eines jüdischen Palästina so schön schlecht, schien das jüdische Frankfurt vor der Gefahr des jüdischen Zion gesichert zu sein, und jetzt muß der „Israelit“, das offizielle Organ des Agudas Jisroel. selbst Nachrichten bringen, die alle Hoffnungen dieser Art zunichte machen. Das Blatt stellt unter der Überschrift: „Die Aussichten des jüdischen Palästina“ unter anderem fest, daß „die englische Besatzungsbehörde in Palästina neuerdings eine bewußt freundlichere Haltung gegenüber den jüdischen Bemühungen um größeren wirtschaftlichen und politischen Einfluß einnimmt. Zwar ist der Nachricht, daß Herbert Samuel zum Gouverneur von Palästina ernannt werden solle, keineswegs zu trauen, aber soviel scheint wahr zu sein, daß General Allenby diesen jüdisch-englischen Politiker zu seiner Beratung nach Jerusalem gebeten hat und in dieser Rolfe, als Berater der englischen Behörden, dürften auch weiterhin jüdische Persönlichkeiten an der Gestaltung der Dinge in Erez Jisroel mitzuwirken berufen sein.“ Er nimmt weiter als Tatsache die Informationen, die Herr Dr, Ruppin auf der Rückreise von Triest in Wien in einem Interview der dortigen Presse gegeben hat, wonach die zionistische Organisation mit ziemlicher Sicherheit erhofft, „gleich nach] der jetzt bevorstehenden Eröffnung des Grundbuches ein Vorkauf recht bei allen Bodenankäufen zu erhalten und, außerdem die früher dem Sultan gehörigen 'Staatsländereien erwerben zu können.“ Das alles ist dem „Israelit“ sehr unangenehm. Es wäre ihm sicherlich lieber gewesen, Erez Israel -wie bisher in unerreichbarer Ferne zu wissen und das angenehme Ballspiel: Religion. Religionsnation, deutsches Volk, jüdische*' Volk usw. usw. ruhig fortsetzen zu können. La nun