Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 4 23. Januar 1920 7. Jahrgang Deutsche Not und Judenelend Wir fühlen sie in tiefer Seele, die ungeheure Katastrophe, die ein großes Volk fast unvermittelt von schwanker Höhe in die Tiefe nationalen Zusammenbruches schleuderte. Wir, gerade wir Juden, empfinden es vielleicht stärker als andere, was es bedeutet diaß der jetzt endlich ratifizierte Frieden Hunderttausende deutscher Menschen in die Fremde gibt, daß weitere Hunderttausende von wirtschaftlicher Not zur Auswanderung getrieben werden. Wir sehen diese Ärmsten im hoffnungslosen Kampf gegen eine übermächtige, ewig feindliche Umgebung, der sie nie Brüder, stets „Boches“ oder „Hunnen“ sein werden. Wir wissen, und fühlen mit ihnen, daß ihnen für jede Leistung Mißtrauen, für jede Tat Undank entgegengebracht werden wird, daß aber sie alle für das Vergehen eines einzigen von ihnen werden einstehen müssen. Wir ahnen, daß die Deutschen im Ausland einen atemlosen Kampf für ihtr Deutschtum zu führen haben werden, und daß nur der sich persönliche Freiheit von Beschimpfung und1 Zurücksetzung wird erkaufen können, der dies Deutschtum und damit seine Seele zu verkaufen willens ist. Jawohl, wir fühlen wirklich die deutsche Net. Die licht- und brotlosen Städte, die frierenden, hungernden, arbeitslosen Menschen, zusammengepfercht in ärmliche, zu enge Wrohnungen. die Tortsciiritte der Rachitis, der Tuberkulose, diese ganze zerbrechende Wirtschaft — all das lastet wahrlich auf unserer Seele. Und es ist zu verstehen, wenn deutsche Juden ihre Weigerung, für das jüdische Volk einzutreten, mit der dringenden Pflicht begründen, erst einmal dem deutschen helfen zu müssen. Wir selbst würden ja so gerne helfen. Aber diese deutsche Not. so groß und trostlos sie scheint, ist doch eitel Glanz und Fülle gegen die Unermeßlichkeit jüdischen Elends. In Wien hungern deutsche Kinder? Laßt Euch erzählen, was in Wilna, in Warschau jüdischer Kreatur auferlegt war. Man vertreibt die Deutschen aus zwei Dritteln der bewohnten Erde, schafft Gesetze gegen sie, erdrosselt ihre freie Betätigung in Industrie, Handel. Landwirtschaft überall auf der Welt, versteht sogar durch raffinierte Bestimmungen einen neuen Umschwung im eigenen Lande zu verzögern? Schlimm genug! Wir Juden aber sind Schlimmeres gewöhnt durch die Jahrhunderte. Es ist gewiß tragisch, wenn eines der „glücklichen Völker“ so arge Wendung des Geschicks durchlebt: wir sind nicht kaltherzig genug, Schuld und Sühne in Verhältnis zu stellen. — Aber die Deutschen haben alle Aussichten: aus Eiend und Not wird neuer Aufschwung, aus Verzweiflung und Ermattung Glück und Arbeitsfreude werden. Denn wenn dem Deutschen alles andere Gut genommen wird — den Boden kann man ihm nicht nehmen, nicht den festen sicheren Grund, der jedes Jahr wieder Früchte trägt und in der allgemeinen Entwertung seinen Wert behält. Und wenn der Lappern der heute deutsches Geld bedeutet. in seiner Geltung ganz zu Nichte, wenn deutsche Wirtschaft vollends nur ein Operieren mit Scheinwerten, ein Tummelplatz unsinniger Schiebung werden würde, die sich selbst betrügt, indem sie andere zu betrügen glaubt, die Möglichkeiten neuen Seins sind doch gegeben. Denn noch stehen die Häuser, die deutsche Menschen beherbergen können, die Flüsse suchen ihren Weg durch! deutsches Land, die Häfen öffnen stets den Weg zum Meere, und immer wird es deutsche Menschen geben, die ihres Geistes und ihrer Arme Kraft einsetzen werden, um die verschütteten Möglichkeiten wieder freizumachen und neue Wege deutschen Lebens zu bahnen. Dies ist die Chance, die ein jedes Volk in eigenem Lande von uns Juden voraus hat. — Wie aber die Lage des Juden Volkes augenblicklich ist. das erzählt einer der besten Kenner des jüdischen Ostens. Julius Berger, in erschütternden Darlegungen : Wieviele Leben uns der Krieg gekostet hat, wieviel Juden außer in den Schlachten in den Schrecken der Pogrome, der Befreiung und der Wiederbefreiung gefallen sind, entzieht sich noch vollkommen jeder Beurteilung. Schon jetzt muß man mit einer halben Million Toter rechnen, deren weitaus größere Hälfte die Pogromschiächterei verschlungen hat. Was das Schwort des Krieges und der Knüppel des Pogromschik verschonte, fiel dem Hunger und den Seuchen zum Opfer, und die Häuser, die dem Kriegselend entgingen. traf die Flamme der Gegenrevolution. Gleich zu Beginn des Krieges haben die Russen hunderttausende jüdischer Familien deportiert, sie über das ganze russische Reich bis über den Stillen Ozean hin verschickt und diese Evakuierungen haben bis heute nicht aufgehört. In die verlassenen Häuser teilte sich die Soldateska mit den räuberischen Nachbarn und die Zurückkehrenden finden ihr Haus, wenn es überhaupt noch steht, nur noch als eine Konstruktion von Wänden. Keine Fenster, keine Türen, keine Möbel, keine Gerätschaften, und was sie an Kleidung und Wäsche mit sich führen konnten, haben ihnen auf ihrer Flucht und auf ihrer Rückkehr heute die Soldaten, morgen die Bolschewiki und übermorgen die nationalen Räuberhorden genommen. Der jüdische Handel ist zerstört, die Waren sind geraubt, die Verbindtungen sind zerrissen, dem Kredit fehlt jede Unterlage, das Kapital ist durch die Katastrophe der Geldentwertung in einen Haufen Papierfetzen verwandelt. Der jüdische Handwerker ist ruiniert. Rohstoffe und' Werkzeuge fehlen, die jüdische Kundschaft ist zersprengt und verarmt. Unterdessen sind in die verlassenen Positionen die Anderen eingerückt, hat die nichtjüdische Konkurrenz festen Fuß gefaßt, haben sich die Völker zur systematischen Ausschaltung des jüdischen Händlers und Handwerkers, des jüdischen Technikers und Beamten zusammengeschlossen. Der nationale Boykott blüht, und indes sich überall die Folgen der Zerstörung der jüdischen Wirtschaft, des Ausschlusses der Juden aus der Produktion und ihrer Vermittlung in einem furchtbaren Tohuwabohu in den neuen Ländern bemerkbar machen und diese