Mitteilungen des Daniel-Bundes
- Journal
- Mitteilungen des Daniel-Bundes
- Volume
- 1 (1920)
- Issue
- 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen des Daniel-Bundes. 7 lästig empfunden wird. Jeder Pächter muß wegen irgend welcher Teilverrichtung (z. B. das tägliche Begießen der Setzlinge in andauernder regenloser Zeit, das Abstechen der ausgereiften Salatpflanzen für den Haushalt) die Kolonie wiederholt aufsuchen. Ferner weisen die abgeschlossene Einzelbewirtschaftungder Kleingärten und der geringe wirtschaftliche Zusammenschluß, man könnte fast sagen das gegenseitige Mißtrauen der Pächter noch andere wesentliche Nachteile auf, die besonders beim Obstbau von manchen Kolonisten sehr unangenehm empfunden werden. So wird z. B. bei der Anlage der Obstbäume auf die Gärten der Nachbarn selten Rücksicht genommen; besonders wenn hoch- und mittelstämmige Bäume in knapper Entfernung von den nebenliegenden Gärten gepflanzt werden, so werfen sie auf diese in den späteren Jahren zu viel Schatten und beeinträchtigen das Wachstum der lichtbedürftigen Pflanzen. Die Kolonie ermangelt infolge willkürlicher und teilweise planloser Anlage der Gärten eines einheitlichen architektonisch-symmetrischen Aufbaues. Mögen einige Gärten geschmackvoll angelegt sein, die Gesamtanlage zeigt uns stellenweise ein Bild übertriebener Romantik und zu großer Buntscheckigkeit. Die regellos in der Kolonie verteilten Misthaufen sehen gar zu bauernmäßig aus und verbreiten auch meist einen nicht gerade angenehmen Duft. Die primitiven Mistbeete machen oft einen kümmerlichen Eindruck. Der häufige Anbau gewisser Gemüse- und Kohlarten mehrere Jahre hindurch auf einem und demselben Fleck hat die Erschöpfung des Bodens und das in den älteren Kolonien allgemein wahrgenommene Sinken der Erträgnisse zur Folge. Die zumeist unzuverlässige Wahl der Obstbaumsorten und deren Bezug von verschiedenen Baumschulen durch die einzelnen Pächter führt dazu, daß nur wenigen das Glück beschieden ist, reichtragende Obstbäume zu besitzen. Auch die Sämereien, die von verschiedenen Samenhandlungen bezogen werden, ergeben sehr ungleiche Resultate. So ist der Erfolg des Gartenbaues in diesen Kolonien mehr vom Zufall als vom Fleiße der Kolonisten abhängig. Einige von der „K r i e g s h i 1 f e“ geschaffenen Heimgärten-Organisationen bilden hierbei eine erfreuliche Ausnahme. Der für die Kleingärten-Kolonie angestellte Berufsgärtner steht in der Regel in sehr geringem Kontakt mit den einzelnen Gartenpächtern. Er beschäftigt sich in der Hauptsache mit dem ihm zugeteilten Gartenanteil, verkauft Samen, Pflänzchen, Bier, Limonaden, bewacht die Gärten, hilft auch gegen Bezahlung einzelnen Pächtern aus, kümmert sich aber sehr wenig um das Gedeihen der ganzen Kolonie, um die rechtzeitige und rationelle Verwertung der überschüssigen Produkte mancher Gartenpächter u. dergl. Mancher Kolonist muß einen Teil der ausgereiften Gemüse und Salate verschenken, an das Vieh verfüttern oder, nach einigem Lagern, in verdorbenem Zustande in die Misttonne werfen. Die Gärtner in den Kolonien besitzen höchst selten ausreichende theoretische Vorbildung in der Gartenkunst, in Obstbaumzucht u. dergl. Sie sind meist einseitig in der Praxis ausgebildete Fachleute, die nicht in der Lage sind, den Pächtern wissenschaftliche Unterweisung in der Pflanzenkunde zu erteilen und bei ihnen besonderes Interesse für den Gartenbau zu wecken. Unseres Wissens besteht noch bisher keine Kleingärten- Kolonie, wo die Pächter an Hand der praktischen gärtnerischen Arbeiten auch die wissenschaftliche und technisch-gärtnerische Grundlage des Gartenbaues von berufenen Fachleuten erlernen könnten. Für das Instandhalten eines normalen Kleingartens reicht der Sonntag allein nicht aus. Ist der Kleingärtner verhindert, zu gewissen Zeiten auch an den Werktagen seinen Garten zu pflegen, so wird dieser mehr oder minder verwahrlost, und der Pächter sieht sich schließlich veranlaßt, den Garten weiter zu verpachten. Die Aufdeckung dieser und anderer Mängel der bisherigen Kleingärtenwirtschaft zeigt uns zugleich den Weg, den wir bei der Errichtung jüdischer Kleingärten einzuschlagen haben. Jüdische Gartenkolonien können so vorbildlich für das moderne städtische Kleingartenwesen überhaupt werden. Die städtische Heimgärtenbewegung ist noch jüngsten Datums und muß eine lange Entwicklung durchmachen, um sich einerseits von den veralteten rückständigen Formen der Landwirtschaft, andererseits von dem bisherigen Dilettantismus des Unternehmens zu befreien. Die Kleingärten-Kolonie der Zukunft muß sich zu einer städtischen Lehrfarm für erwerbstätige Leute und zugleich zu einer Mustergärtnerei gestalten, wo die Gartenpächter, neben den sonstigen Wohltaten der Gartenarbeit, das richtige Verständnis für die neuzeitige Gartenkultur und zugleich das Gefühl, nützliche produktive Arbeit geleistet zu haben, bekommen. Die städtischen Kleingärten der Zukunft sollen die Vorstufe der kommenden Landwirtschaft bilden, von der der englische Dichter und Sozialist Bernard Shaw bei Gelegenheit einer Großstadt-Diskussion gesagt hat: „Ich glaube, die Landwirtschaft in unserem Volke wird nie zu einer Blüte kommen, solang sie in den Händen der landwirtschaftlichen Klasse verbleibt. Ich glaube, unserem Land wird Gedeihen kommen von den Menschen, die in den Städten gewesen sind und nun wieder zum Lande zurückkehren. Ich glaube, die Landwirtschaft der Zukunft wird nie das Werk beschränkter Landwirte sein, die schlecht bezahlte Landarbeiter ausbeuten: Sie wird das Werk intelligenter Männer sein, gleich den Männern in unseren großen Fabriken.“ Mit dem technischen Fortschritt der zukünftigen Landwirtschaft muß auch die rein kaufmännische Ausnutzung des gärtnerischen Unternehmens Hand in Hand gehen, d. h. die mustergültige Organisation des Einkaufs des landwirtschaftlichen Inventars usw., des Absatzes der erzeugten Produkte und der günstigen und rechtzeitigen Verwertung aller gärtnerischen Erzeugnisse. Der fortschrittliche Gärtner der Zukunft muß zugleich Fabrikant und Kaufmann sein. Für diese beiden Erwerbszweige sind die Juden erfahrungsgemäß sehr leistungsfähig, daher sind sie auch berufen, in der zukünftigen Entwicklung des Gartenwesens eine hervorragende Rolle zu spielen. Selbstverständlich dürfen dabei auch die ethisch-sozialen Momente, die Ausschaltung selbstsüchtiger Ausbeutung und die Heranziehung unbemittelter arbeitslustiger Juden für die gärtnerische Betätigung nicht außer Acht gelassen werden.