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Mitteilungen des Daniel-Bundes · 1920-01-09 · 2 (9.1.1920) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungen des Daniel-Bundes
Volume
1 (1920)
Issue
2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 Mitteilungen des Daniel-Bundes. lieh noch eine primitive Blockhütte zu errichten. Das Aussehen mancher der gegenwärtig in den Städten so häufigen Nutzgärten ist ästhetisch nicht gerade verlockend; jedenfalls halten sie keinen Vergleich mit den prächtigen im Wachstum fortgeschrittenen Familiengärten mit Obstanlagen aus. Da diese Gärten verhältnismäßig gering an Zahl und mit hohen Zäunen umgeben sind, kommen sie den Stadtbewohnern, außer den nächsten Bekannten der Pächter, gar nicht zu Gesicht und werden zum Schaden für die größere Verbreitung der Kleingärten-Bewegung oft mit den gewöhnlichen Nutzgärten verwechselt. Die jüdischen Stadtbewohner, die von Haus aus meistens Kaufleute sind und keine Erfahrungen im Gartenbau besitzen, würden sich schon deshalb kaum entschließen, solche Nutzgärten zur Selbstbewirtschaftung zu übernehmen, weil die Pächter hier selten systematische Anweisung im Gartenbau bekommen. Manche Juden lassen sich höchstens als Mitglieder von Gemüsezucht- Gesellschaften aufnehmen, die auf gepachtetem Boden von billigen Arbeitskräften für ihre Mitglieder gegen hohe jährliche Beiträge Gemüse erzeugen lassen. In der Regel kommen die Mitglieder dabei kaum auf ihre Rechnung, und die Gesellschaften lösen sich auf oder verkrachen alsbald. Für die Juden, die gewillt sind, einige Zeit dem Gartenbau zu widmen, kommen vornehmlich diejenigen Familiengärten in Betracht, für die ein ständiger Gärtner angestellt wird, der den Pächtern die nötige Anweisung im Gartenbau erteilt. Aber damit allein ist uns noch wenig gedient. Der Jude ist zu sehr rechnerisch veranlagt und wird den Gartenbau niemals nur als Sport betreiben. Wir müssen daher, um möglichst viele Juden für die Selbstbewirtschaftung von Kleingärten zu gewinnen, nach Mitteln trachten, daß ihnen diese Beschäftigung bei geringem Risiko möglichst viel Aussicht auf Erfolg bietet. Hiermit kommen wir zum eigentlichen Problem „Jüdische Kleingärten“, das durchaus nicht darin besteht, die jüdischen Gartenbauer um jeden Preis von den christlichen abzusondern. Wohl sind heute die jüdischen Kleingärten-Pächter nicht selten den Schikanen antisemitischer Nachbarn ausgesetzt. Es ist auch vorgekommen, daß in einer Heimgärten-Kolonie von etwa 200 Pächtern ausgerechnet dem einzigen jüdischen Pächter die Obstbäume geleert wurden. Wer aber den Gartenbau ernst betreibt und seinen vertraglichen Verpflichtungen der Kolonieverwaltung gegenüber nachkommt, der wird sich um kleine Sticheleien mancher Nachbarn wenig kümmern und auch den ihm zugefügten materiellen Schaden schließlich verschmerzen können. Die Hauptaufgabe einer jüdischen Kleingärten- Siedelung besteht darin, gewisse Formen der Gesamteinrichtung und Bewirtschaftung der Kolonie ausfindig zu machen, die sich der Eigenart der jüdischen Pächter im allgemeinen und der jeweiligen gesellschaftlichen Zusammensetzung der Kolonisten insonderheit am besten anpassen und somit das Gedeihen und den Erfolg des Unternehmens am sichersten gewährleisten könnten. Selbstverständlich würden sich in diesen Kolonien die individuellen Fähigkeiten und Neigungen der Juden freier und uneingeschränkter entwickeln können als in den christlichen Gartensiedelungen, wo man als Jude gewisse Rücksichten auf die Gesinnungen der Nachbarn nehmen muß. Allerdings darf die individuelle Betätigung der jüdischen Pächter, die Zweckmäßigkeit und Gemeinschaftlichkeit der ganzen Kolonie nicht beeinträchtigen und ihre Existenz nicht gefährden. Manche von den christlichen Pächtern in den Gartenkolonien begangene Fehler, die für die Entwicklung des Kleingartenwesens im allgemeinen nicht von Belang sind, können, wenn sie in den jüdischen Kleingärten-Kolonien begangen werden, das ganze Werk in kurzer Zeit zugrunde richten. Welchen Eindruck man im allgemeinen von einer im Wachstum fortgeschrittenen Familiengärten-Kolonie gewinnt, zeigen z. B. die folgenden Worte von Willy Kohn, der zum erstenmal eine solche Kolonie besucht hat. („Jüd. Echo“, 38, 19.) „Es ist ein wahrer Genuß, wenn man bedenkt, daß man hier in unmittelbarer Nähe der Großstadt eine Gartenstadt hergezaubert hat, die einem in jeder Beziehung den Sommerurlaub ersetzt und noch dazu Obst und Gemüse liefert. Abseits vom großen Getriebe der Stadt sitzen hier die Pächter der Gärten vor ihren geschmackvoll gebauten Häuschen und erfreuen sich des Landlebens, um doch nach wenigen Minuten wieder in der Stadtwohnung zu sein. Überall tummeln Kinder. Zwei Spielplätze mit Turngeräten und Bänken bieten Gelegenheit zur körperlichen Übung und Rast. Man sieht hier allerlei Gemüsesorten, reichtragende Obstbäume, selbst Mais und Tabak, Stachelbeer- und Johannisbeersträucher und sogar einen kunstvoll angelegten Blumengarten; jeder baut und schafft nach seiner Art, einer lernt aus den Erfahrungen des andern. So hat die Anlage eine Höhe erreicht, die jeden Beschauer mit Staunen erfüllt. Ein Wächter, der zugleich Gärtner ist, gibt die nötigen Anweisungen und sorgt, daß nachts nichts geraubt wird, auch liefert er die von den Ansiedlern benötigten Pflänzchen. Der Aufenthalt in freier Natur auf eigenem Boden übt auch seelisch auf die Pächter eine gute Wirkung aus.“ Außer dem in Nr. 1 der „Mitteilungen“ u. a. angeführten Vorteile der Gartenarbeit für die richtige Berufswahl der jüdischen Jugend und der nötigen Umschichtung der Berufe der Juden, könnte die Bewirtschaftung der Kleingärten der jüdischen Bevölkerung noch weitere bedeutende Vorteile bringen. So würde z. B. in diesen Kolonien eine Vereinigung von Juden der verschiedensten Gesellschaftskreise und Parteirichtungen, der reichen und minderbemittelten stattfinden. In den zivilisierten Städten des Westens würden die einheimischen und die eingewanderten Juden, die sich gewöhnlich fremd, manchmal sogar feindselig gegenüberstehen, in nähere Berührung kommen und zum beiderseitigen Vorteil sich gegenseitig mehr kennen und schätzen lernen. Allein so augenscheinlich die Vorteile der Errichtung jüdischer Kleingarten-Kolonien sind, so stehen andererseits dem Gelingen dieses Werkds nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten entgegen. Zunächst wird dort, wo die Juden im geringen Prozentsatz in den Großstädten verstreut leben, die Errichtung einer Kolonie in einem Stadtviertel von großem Nachteil für die jüdischen Pächter sein, die in einem entgegengesetzten Stadtviertel ihren Wohnsitz haben. Manche müßten mit der Stadtbahn einen zu weiten Weg zur Kolonie zurücklegen, was bei dem herrschenden System der Einteilung der Kolonie in einzelne für sich abgeschlossene Gärten vielfach als sehr

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