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Mitteilungen des Daniel-Bundes · 1920-01-09 · 2 (9.1.1920) · p. [Seite]

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Journal
Mitteilungen des Daniel-Bundes
Volume
1 (1920)
Issue
2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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jUitteiltmgen des Daniel-Bundes (Gesellschaft für ethische Erneuerung «les Judentums e.Y.) München, 9. Jan. 1920 Nr. 2 D'nn nnu n Das Problem „Jüdische Kleingärten“ Von Nathan Chavkin, München. Wer kennt nicht die vielen Lobpreisungen der Gartenstädte, die fern vom rastlosen Getöse der Großstadt liegen und in einigen Viertelstunden von dieser mit der Bahn erreichbar sind; wo man alle Vorteile des ländlichen idyllischen Lebens — frische Luft, prächtigen Gartenanblick, wahre Naturfreude — genießen kann, ohne auf die Zerstreuungen und Vergnügungen der Großstadt verzichten zu müssen; wo man keine peinliche Rücksicht auf die nervösen Nachbarn in den städtischen Mietskasernen zu nehmen und die Kinder in freier Bewegung und Spiel nicht einzuschränken braucht. Durch unzählige Broschüren und Flugblätter sucht man die werktätige minderbemittelte städtische Bevölkerung aufs Land, in die nächste Umgebung der Großstadt zu locken. Dennoch hat die G a r t e n s t a d t-B e w e g u n g, im Verhältnis zu der großen Werbearbeit, die von gemeinnützigen Vereinen, Bau- und Terrain- Gesellschaften hiefür geleistet wurde, sehr geringe Fortschritte gemacht. Hingegen haben die Kleingärten-Kolonien in den Städten, die Schreber-, Familien-, Miet- oder Heimgärten-, auch Laubhütten-Kolon i e n genannt, besonders während des Krieges einen ungewöhnlichen Umfang angenommen. In vielen Städten erzeugt ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung selbst seinen Bedarf an Gemüse und Salat, ohne dazu den Burgfrieden überschreiten zu müssen. Die Landsiedelung, wenn sie auch nicht zu weit von der Großstadt entfernt ist, erfordert von einer Familie, deren einzelne Mitglieder in der Stadt irgend welche Berufe ausüben, höhere Schulen besuchen und dergl., beträchtliche Opfer an Zeit und Geld. Die Gartenstädte können sich nur dann normal ausbreiten, wenn verschiedene Industriebetriebe und höhere Bildungsanstalten immer mehr von der Stadt aufs Land verlegt werden. Solange die Großstädte die Industrie-, Bildungs- und Vergnügungszentren darstellen, werden die Städter, die Lust und Liebe für Gartenbau besitzen, diese ihre Neigung auf andere weniger kostspielige Weise als durch völlige Übersiedlung aufs Land zu befriedigen suchen. Für die Bewirtschaftung einer 100—300 qm großen Gartenparzelle in einer Kleingarten-Kolonie der Stadtperipherie können viele Pächter einen Teil ihrer berufsfreien Zeit verwenden, ohne irgendwie die gewohnte Bequemlichkeit des Stadtlebens zu beeinträchtigen. Die städt. Kleingärten lassen sich in 2 Klassen einteilen, in sogenannte Nutzgärten, die meistens vorübergehend zur Nutznießung der Früchte der freistehenden Bodenflächen dienen, und in Familien- oder Erholungsgärten, die vorwiegend zum Aufenthalt der Familienmitglieder im Sommer, besonders an den Sonn- und Feiertagen bestimmt sind. Bei näherer Betrachtung dieser zwei Kleingärten-Kategorien tritt ihre verschiedene Bestimmung drastisch in Erscheinung. Während die Nutzgärten von den Pächtern fast ausschließlich zur Erzeugung von Gemüsen und Salaten benutzt werden und höchst selten ordentliche Hütten oder Lauben aufweisen, begegnet man in den Familiengärten, die man nicht mit Unrecht auch Luxusgärten nennt, einer stattlichen Anzahl von Obstbäumen, Beeren- und Blumensträuchern, sowie soliden Gartenhäuschen und Lauben, die im Sommer vielfach den Landaufenthalt ersetzen können. Es wird wohl in diesen Gärten auch Gemüse angebaut, soweit verfügbarer Platz dafür vorhanden ist; die meisten Gartenpächter geben aber hier den Baum- und Sträucherkulturen den Vorzug, weil sie dabei weniger zu schaffen haben und bei guten Ernten in späteren Jahren auch mehr profitieren als bei ausschließlicher Gemüsezucht. Zudem bieten die Obst- und Blumenanlagen beim Blühen und Heranreifen der Früchte ein viel schöneres Bild als die Gemüsepflanzen. Allerdings findet man auch in den Familiengärten manche Pächter, die für Gemüsezucht mehr Interesse zeigen und dementsprechend mehr Zeit der Gartenarbeit widmen. Die Inhaber der städtischen Familiengärten sind durchschnittlich bemittelte Leute, die den Gartenbau mehr oder weniger als Sport, als ein Sonntagsvergnügen betrachten und daher mit ihrer für Gartenpflege und für Gänge und Fahrten von der Wohnung zur Kolonie angewandte Zeit nicht zu rechnen brauchen. Tatsächlich bringen diese Gärten den Pächtern mehr hygienischen und moralischen als rein materiellen Nutzen. Das Verweilen der Familienangehörigen in gesunder Luft, die Gewöhnung der Kinder an nützliche produktive Arbeit, das Beobachten des Wachstums der Pflanzen sind für die Stadtbewohner wertvoller als die Erträgnisse der Gärten. Wohl gibt es Kolonisten, die nach etwa zehnjähriger Pflege ihrer 2—300 qm Gartenparzelle 4—6 Zentner Obst und ein wenig Gemüse jährlich ernteten. Aber solche ertragreiche Gärten besitzen in den Kleingärtensiedelungen nur wenige Kolonisten. Diese haben gewöhnlich ihren Erfolg nicht ihrer vorangegangenen Berechung, sondern dem Glückszufall, der glücklichen Wahl der Obstsorten und dergl. zu verdanken. In der Regel stehen die Erträgnisse in keinem richtigen Verhältnis zu den Barauslagen und der für die Gartenpflege angewandten Zeit. Die Errichtung solider Gartenhäuser verursacht den Pächtern ebenfalls erhebliche Kosten, die sich die Minderbemittelten nicht leisten können. Daher sind die ärmeren Leute, die auf dem Lande aufgewachsen sind, Erfahrungen im Gartenbau besitzen und über genügende Zeit für die Bewirtschaftung eines kleinen Gartens in der Stadt verfügen, darauf angewiesen, einen Nutzgarten ausschließlich für Gemüsezucht zu pachten und womög-

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