Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Das Jüdische Echo Nr. 2 gesunden wirtschaftlichen Verhältnissen und, wie wir hoffen, auch zu einer über die heutigen offiziellen Berechnungen hinausgehenden Einwanderung führen können. Wir nehmen mit Befriedigung zur Kenntnis, daß man beabsichtigt, durch Schaffung von Arbeiter- und Handwerkerbanken die Kreditfähigkeit der Arbeitergenossenschaften zu heben und sie in Stand zu setzen, mit kapitalkräftigen Privatunternehmungen in Konkurrenz zu treten. Wir hoffen, daß der von Krapotkin gewiesene Weg der „Industrialisierung“ der Landwirtschaft eingeschlagen und die Handarbeit auch auf dem Lande wo immer möglich durch maschinelle Tätigkeit ersetzt werden wird. Wir glauben, daß man bei geeigneten rationellen Methoden und bei Ausnutzung aller maschinellen und organisatorischen Möglichkeiten mit geringeren Kapitalien, als den für einen kleinen Siedler aus Mittel- und Osteuropa unerschwinglichen 200 englischen Pfund oder der Riesensumme von 2000 Pfund für einen immer noch „kleinen“ Pflanzungsbesitzer auskommen wird. Es gibt recht billige auch in Europa verwandte Baumethoden und es gibt Möglichkeiten, schon aus 1 ha Boden den Lebensunterhalt eines Kleinsiedlers zu erzielen. Die Lage des jüdischen Volkes im allgemeinen und die Notwendigkeit in Palästina eine jüdische Mehrheit möglichst bald zu schaffen, machen es notwendig, die Immigrationsfrage als eine der wichtigsten zu behandeln. Die Möglichkeit der Immigration hängt vor allem aber von der geeigneten Organisation und Verwendung der Einwanderer ab. Deshalb ist es gut, daß dem Rundschreiben des Palästina-Amtes „Grundsätze für Siedlergruppen“ angefügt sind. Es soll in Erez Israel zwei Kategorien der Ansiedlung geben: die bäuerliche Kleinsiedlung (Meschek) und die Pflanzung (Achusah) für diejenigen, „die sich für die Bearbeitung hauptsächlich fremder Kräfte bedienen“. Es ist selbstverständlich, daß man dabei das Hauptgewicht auf die Erziehung eines selbständigen Bauernstandes und seine Organisierung in arbeitskräftigen Siedlergruppen legen wird, mag man auch die Notwendigkeit der Achusoth besonders für die Erprobung neuer landwirtschaftlicher Methoden und dergl. anerkennen. Es leuchtet ein, daß die Kapitalien für den Aufbau eines jüdischen Palästina sehr beträchtlich sein müssen. Das Zirkular der zionistischen Leitung stellt folgende vier Hauptkategorien der Verwendung des eingehenden Geldes auf: 1. Für Verpflegungszwecke. 2. Für Erziehungs- und Unterrichtswesen. 3. Für soziale Fürsorge im weitesten Sinne, einschließlich Immigrantenfürsorge, Gesundheitspflege, Krankenfürsorge und medizinische Assanierung. 4. Für die eigentliche Kolonisation. Davon beträgt der als Minimalbeitrag geschätzte Gesamtaufwand für die eigentliche Kolonisation 25 Millionen Pfund für die erste Kolonisationsepoche. Wenn auch die zionistischen Bankinstitute und die zionistische Organisation selbst bei geeignetem Ausbau in der Lage sein dürften, einen großen Teil der finanziellen Aufgaben aus eigener Kraft zu bewältigen — der Gesamtjudenheit wird immer noch eine gewaltige Aufgabe gesetzt sein. Palästina- und Golusarbeit sind nicht zu trennen. Das Golus wird nur dann seinen Anteil an der großen Leistung des Aufbaues eines jüdischen Palästina in dem nötigen Umfange nehmen können, wenn über die schärfsten Parteigegensätze hinweg eine Zusammenfassung aller bewußtjüdischen Elemente zu aktiver Palästina-Arbeit möglich wird. Der Palästina-Aufbaufonds und die Arbeit für ihn haben bereits hier und da in dieser Richtung wirken können. Gewiß bemüht sich die orthodoxe und liberale Assimilation, vertreten durch ihre volksfremden und volksfeindlichen Organisationen, das große Werk zu stören. Uber die orthodoxen Volksfeinde, die durch Förderung der unmoralischen, jede Arbeitsfreudigkeit hemmenden Chalukkah einen gesunden Aufbau hemmen wollen, wird die wirkliche und ehrliche Orthodoxie ebenso hinweggehen, wie jüdisch empfindende Liberale sich von dem Assimilations- und Taufjudentum werden trennen müssen, mit dem sie letzten Endes nichts gemein haben. In dem Augenblick, wo Zion kein Wort, keine ferne Hoffnung mehr sein wird, sondern greifbare Gegenwart, Objekt positiver Arbeit, werden sich die Geister scheiden: zum Besten des lebendigen jüdischen Volkes. G—. Die Zuwanderung aus dem Osten Von Universitätsprofessor Dr. Albert Einstein. Der hervorragende Gelehrte, dessen bewußt-jüdische Stellung bekannt ist, veröffentlicht im „Berliner Tageblatt“ folgenden Aufsatz: In der deutschen Öffentlichkeit mehren sich die Stimmen, die gesetzliche Maßnahmen gegen die Ostjuden verlangen. Man behauptet, 70 000 Russen, d. h. Ostjuden, leben allein in Berlin; diese Ostjuden seien Schieber, Schleichhändler, Bolschewisten und arbeitsscheue Elemente. All diese Argumente zielen darauf hin, schärfste Maßnahmen, d. h. Zusammenpferchung in Konzentrationslagern oder Auswanderung aller Zugewanderten zu erzwingen. Eine so viele Existenzen vernichtende Maßregel darf nicht auf Grund schlagwortmäßiger Behauptungen erfolgen, um so weniger, als eine sachliche Nachprüfung ergibt, daß es sich um demagogische Agitation handelt, die weder dem wahren Sachverhalt gerecht wird, noch auch geeignet ist, tatsächlich vorhandene Schäden wirksam zu bekämpfen. Gerade bei der Agitation gegen Ostjuden liegt von vornherein die Vermutung sehr nahe, daß das ruhige Urteil durch die starken antisemitischen Instinkte getrübt und gleichzeitig auch d i e Methode gewählt wird, durch Einwirkung auf die Stimmung des Volkes die Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen und von den wahren Ursachen der allgemeinen Notlage abzulenken. Eine Nachprüfung, die, soviel bekannt geworden, von den amtlichen Stellen noch niemals versucht worden ist, würde zweifellos die Hinfälligkeit der vorgebrachten Beschuldigungen ergeben. Wohl mag es richtig sein, daß in Berlin 70 000 Russen wohnen; von ihnen bilden jedoch nach den Angaben sachverständiger Beurteiler die Juden nur einen geringen Bruchteil, die überwiegende Mehrheit ist deutscher Abstammung. Seit dem Friedensschluß sind nach maßgebender Schätzung nicht mehr als 15 000 Juden aus dem Osten zugewandert. Diese sind fast ausnahmslos durch die furchtbaren Zustände in Polen zur Flucht gezwungen worden und wollen hier eine Zufluchtsstätte finden, bis ihnen die Möglichkeit zur Weiterwanderung gegeben wird. Hoffentlich werden viele von ihnen in dem neu entstehenden jüdi-