Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1 Das Jüdische Echo 5 ihren paar tausend jüdischen Lesern die Millionen christlicher Abonnenten hätten, die sich diese „Kulturschande“ widerspruchslos gefallen lassen. Und daneben darf nicht vergessen werden, daß die deutsch-nationale und die betont christliche Presse im Durchschnitt keineswegs ein höheres Niveau hat als die fälschlich sogenannte „jüdische“ Presse. Sehr überzeugend klang, was Joh. Müller über die Taktik der Abwehr sagte, die auf jüdischer und philosemitischer Seite bisher geübt wurde. Es war erfreulich, von einer Seite, die dem Publikum wahrscheinlich maßgeblicher sein wird als irgendeine jüdische Instanz, zu hören, daß aller sittlicher Entrüstungsrummel über den Antisemitismus den einzigen Erfolg habe, neue Antisemiten zu züchten. Es muß doch nachdenklich stimmen, wenn ein Mann von dieser Qualität sagt: „Mögen die Juden doch nicht immer das Wort von „der Schmach des Jahrhunderts“ im Munde führen. Wenn der Antisemitismus die Rettung Deutschlands bedeuten würde, so müßten wir eben ohne Besinnen diese Schmach auf uns nehmen wie manche andere auch!“ Und in sehr eindeutiger Weise sprach er sich gegen jede Assimilation aus. „Wir wollen doch nicht verkennen, daß wir verschiedener Rasse und Art sind. In den Adern der Juden fließt anderes Blut als in den unseren.“ Taufe und Mischehe verwirft Johannes Müller als Unaufrichtigkeiten, die niemals dazu beitragen können, eine wahre Verständigung zwischen Christen und Juden herbeizuführen. Den Rat, den er den Juden zur Abwehr des Antisemitismus erteilt, läßt sich dem Sinne nach ungefähr in die Worte kleiden: Geht Euren Weg als anständige und aufrechte Menschen. Laßt Euer überempfindliches Lamentieren, tut Recht und scheuet niemand, und was Ihr wünscht, wird, von selbst kommen. Wenn er zum Schluß der Überzeugung Ausdruck gab, daß bei der seelischen Verwandtschaft zwischen Juden und Deutschen ein Leben in gemeinsamer Arbeit im Überkonfessionellen möglich sein werde, so dürfe man das in Konsequenz seiner eigenen Worte wohl dahin deuten, daß es leicht sein werde, sich zu verständigen, wenn man auf beiden Seiten nur ehrlich und wahrhaftig nichts sein will, als das, was man wirklich ist. Die Versammlung unterbrach diese Rede nur einmal mit starkem Beifall, als Johannes Müller sagte, daß Antisemitismus doch kein Grund sei, nach Palästina auszuwandern. Wir stimmen auch in dieser Äußerung, die das Publikum anscheinend als antizionistisch auffaßte, mit J. Müller vollkommen überein: Antisemitismus ist kein Grund für Zionismus. In der Aussprache ergriffen abwechselnd jüdische und christliche Redner das Wort, von Dr. Apfel höchst reizvoll nach einer sorgfältig vorher aufgestellten Rangstufe gruppiert. Von christlichen Herren sprachen zunächst Prof. Strack, der sich heftig gegen jeden Antisemitismus wandte, der mit Mitteln wie die Blutlüge arbeite. Er versprach, nach wie vor seinen Mann zu stellen, wo es gelte, über das wahre Wesen des Judentums aufklärend zu wirken. Daß ihm selbst das wahre Wesen wenn nicht des Judentums, so doch lebendiger jüdischer Menschen meilenfern ist, bewies er dann dadurch, daß er den Juden ihre revolutionäre Gesinnung und ihre Beteiligung an allen Umsturzbewegungen vorwarf, ein Motiv übrigens, das bei fast allen christlichen Rednern wiederkehrte. „Ich bin deutsch-national bis auf die Knochen, nur bin ich kein Antisemit!“ sagte Herr Professor Strack. Das erste merkte man deutlich und zum zweiten muß gesagt werden, daß es nicht genügt, die Blutlüge nicht zu glauben, um frei von allem Antisemitismus zu erscheinen. Freilich schien auch die Versammlung keinerlei Empfinden dafür zu besitzen, daß alles Gerede von Verständigung, Einheitsfront, Kennenlernen usw. erst dann einen Sinn erhält, wenn die Freiheit der Gesinnung eine Selbstverständlichkeit ist, über die man nicht erst zu diskutieren braucht. Leider hielt es nicht ein einziger der jüdischen Redner für nötig, oder für klug, die Zumutung einer Beschränkung der Gewissensfreiheit als so ziemlich den antisemitischsten Exzeß geistiger Art festzunageln, der überhaupt begangen werden konnte. Es entbehrt nicht ganz des Humors, daß Professor Strack neben dem Bolschewismus den Zionismus für den größten Erreger antisemitischer Stimmung ansah, weil dieser auf eine Unterstützung des hinterlistigen England hinausliefe. Wie wohl unterrichtet Professor Strack ist, bewies seine verblüffende Bemerkung über den „Misrachi“, den er ausdrücklich von dieser Charakterisierung ausnahm, weil er gar kein wiedererstehendes Zion wolle, sondern auf den Messias hoffe. Die Erklärungen sämtlicher christlicher Redner, zu denen u. a. auch Graf Hoensbroech gehörte, liefen im allgemeinen darauf hinaus, daß der Antisemitismus in seiner Form vielleicht zu verwerfen sei, daß andererseits aber auch von Seiten des Judentums noch viel zu geschehen habe, um der immer stärker werdenden Bewegung die Gründe zu entziehen. In gleichem Maße bemerkenswert und bedauerlich war, daß hauptsächlich Herren mit sehr konservativer Anschauung zu Worte kamen. Es gibt schließlich doch auch unter Demokraten und Sozialisten wertvolle Menschen, die über den jüdisch-christlichen Gegensatz von der anderen Seite aus Wertvolles zu sagen hätten. Die Äußerungen der jüdischen Redner hinterließen ein Gefühl von äußerster Peinlichkeit. Der Jugendverband kann wirklich nicht verlangen, daß man einen Herrn von der bekannt schwankenden Haltung des Professors Dr. Ludwig Stein als jüdischen Vertreter gelten läßt. Wenn Herr Professor Stein nicht persönlich so viel Taktgefühl besitzt, es zu vermeiden, als jüdischer Wortführer aufzutreten, so ist das letzten Endes seine Sache; wenn der Jugendverband ihm aber gestattet, mit unendlichem Pathos das Banner des Judentums zu schwingen, so wird er sich nicht wundern können, wenn sich demnach an die Person seines Fahnenträgers Kritiken knüpfen, die weder ihm noch der jüdischen Sache dienlich sein können. — Dr. Paul Nathan, der als zweiter jüdischer Redner sprach, hat bedauerlicherweise die Situation vollkommen verkannt und sich dazu hinreißen lassen, eine Verteidigungsrede für die deutsche Weltpresse zu halten, deren Mängel sich nach seiner Ansicht mit Naturnotwendigkeit aus ihrer Organisation ergäben. Ihm hätte es doch vor allen Dingen als einem bekannten jüdischen Publizisten obgelegen, mit aller Deutlichkeit zu erklären, daß die Angelegenheiten in jüdischen Händen befindlicher Blätter durchaus keine jüdischen Angelegenheiten sind, und daß das moralische Unrecht des Antisemitismus gerade darin liegt, Kollektivschuld da aufzustellen, wo weder das geistige System noch auch nur die Gesamtheit der lebendigen Individuen eine Verantwortung^ trifft. Dr. Nathans Aufgabe wäre es wahrlich gewesen, mit nicht mehr mißzuverstehender Deutlichkeit zu sagen, daß, wenn die große deutsche Presse eine Kulturschande darstelle, dies aus-