Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Das Jüdische Echo Nr. 1 in Ostgalizien, wo sie auf das jüdisch-nationale Element angewiesen sind und die polnische Wahltaktik siegt. Adolf Stands Stimmzettel wandern in den Ofen des Wahllokals und nächsten Tag finden Mittelschüler angebrannte, zerrissene Wahlzettel in dem gestrigen so arg umstrittenen Lokal, das heute wieder für Schulzwecke verwendet wird. Polnische Terroristen erstickten die jüdische Stimme . . . Das österreichische Parlament sieht einen galizisch-zionistischen Abgeordneten nie mehr! . . . Es kam der Krieg mit seinem unbeschreiblichen Jammer und jüdischen Verzweiflungsschrei. Hunderttausende Juden aus ihren bisherigen Wirtschaftsverbänden herausgerissen ergreifen den Wanderstab. Physische und moralische Qualen ohne Ende. Es feiern Russen und Polen im verlassenen jüdischen Hause ihre Verbrüderung. Stand — der Flüchtling — wird in Wien Präsident des „Exekutivkomitees der Zionisten Österreichs“, des „Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien“ und leitet die Agenden der österreichischen und galizischen Zionisten. Die galizisch-jüdische Welt kommt in Wien wieder mit ihrem Führer zusammen. Das Leben in Wien wird stärker, jüdischer. Es erfolgt die räumliche Verschiebung des ostjüdischen Ideengehaltes, Stand gründet hier jüdische Tageszeitungen, hält unzählige Versammlungen ab, leitet die Flüchtlingsfürsorge. Die nationale Bewegung gewinnt hier immer mehr Anhänger. Die Leopoldstadt entsendet in die deutschösterreichische Nationalversammlung und den Wiener Gemeinderat ihre Abgeordneten. Stands Arbeit bringt Früchte. . . Während des Weltkrieges bricht der „Vierunddreißigste Krieg“ aus. Der polnisch-jüdische Boykottkrieg, der zur Zeit der IV. Duma entbrannte, artet im Jahre 1918 und 1919 in Pogrome aus. Die am 2. März 1861 stattgefundene jüdischpolnische Annäherung, welche Dow Beer Meisels, Dr. Jastrow, Isak Kramsztyk, Mathias Rosen, Jakob Natanson und Leopold Kronenberg an der Spitze des jüdischen Demonstrationszuges an den Gräbern der bei Grochow gefallenen polnischen Aufständler mit Polens angesehensten Repräsentanten feierten, wurde durch Dmowski, Grabski und Niemojewski in den blutigen Pogromtagen im November 1918 in Lemberg zu Grabe getragen. Jüdisches Blut fließt in Strömen, die Polen erteilen den Juden eine Lektion. . . Die polnische Judenfrage wird Gegenstand einer internationalen Diskussion. . . Stand spricht das Letztemal auf einer Protestversammlung gegen die polnischen Pogrome in Wien. Er spricht — wie immer — mit Wucht und Schärfe, atembeklemmend und zu Tränen rührend. Er bricht ab, seine Stimme zittert, sein Körper vibriert. . . Das jüdische Unglück ist zu groß. . . Und die jüdische Öffentlichkeit sieht ihn nie wieder, denn sein Herz versagte. Palästina und Galuth — die ganze jüdische Welt — ist tief erschüttert. . . An der Bahre unseres Meisters trauern wir, Deine treuen Schüler. . . Dr. Israel Taubes. Äussprache über den Äntisemitismus Am Dienstag, den 25. November hatte der „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands“ in Berlin eine Versammlung einberufen, zu der eine große Zahl persönlicher Einladungen an jüdische und christliche Kreise ergangen war und die den Zweck haben sollte, auf dem Wege einer Aussprache zwischen Juden und Christen eine Klärung der Lage herbeizuführen und, wenn möglich, eine jüdisch-christliche Einheitsfront gegen den Antisemitismus herzustellen. Dieser Gedanke, der an sich sehr gut ist, wurde durch den Verlauf der Versammlung zum größten Teil durch die Wortführer des Judentums in einer Weise diskreditiert, daß man nachdrücklichst davor warnen muß, den Versuch zu wiederholen, vor allen Dingen dann, wenn die Veranstalter solcher Aussprachen nicht besser verstehen, die wahren Interessen des Judentums vertreten zu lassen, als es seitens des Jugendverbandes geschehen ist. Den einleitenden Vortrag hielt Johannes Müller, ein Mann, von dem diejenigen, die ihn kennen, wissen, daß er auf dem Boden eines entschiedenen Christentums den Kampf um den neuen Idealismus im deutschen Volke führt, und der sich trotz des systematischen Totschweigens durch die gesamte deutsche Großstadtpresse eine Gemeinde ernster und aufrichtiger Anhänger geschaffen hat. Es war ein glücklicher Gedanke, diesen Mann als Vertreter des deutschen Idealismus sprechen zu lassen. Wir dürfen mit Befriedigung feststellen, daß Johannes Müller die Dinge im Wesentlichen so sieht, wie auch wir sie erkennen. Für ihn ist der Antisemitismus in erster Linie ein deutsches Problem, und er bekämpft ihn in erster Linie als eine Schwächeerscheinung der deutschen Volksseele. „Ein Volk mit starkem Nationalgefühl kennt keinen Antisemitismus, denn es erträgt seine Juden“. Nur ein Volk, dessen nationale Ambitionen im Widerspruch stehen zu seiner Willensstärke in nationalen Dingen, kann auf den Gedanken verfallen, sich im Judentum einen Sündenbock für eigene Mängel zu suchen und auf ihn das abzuwälzen, was für jedes gesunde Volk eine Sache des selbstverständlichen Stolzes ist: die Verantwortung vor der eigenen Tat. Johannes Müller wies darauf hin, daß in den Vorwürfen des Antisemitismus sich objektiv Wahres mische mit Verlogenheit und Heuchelei. Wenn über „Kriegsschieber“ und „Revolutionsgewinner“ als über typische Erscheinungen des Judentums gesprochen werden, so müsse er demgegenüber feststellen, daß unterschiedslos alle Schichten und Kreise der Bevölkerung gleichmäßig von dem Taumel ergriffen seien, soviel zu verdienen als irgend möglich, und daß keine Seite das Recht habe, der andern Verletzung von sittlichen und nationalen Grundsätzen vorzuwerfen. Das Entscheidende sei immer wieder, daß die Klagen des Antisemitismus ein Zeichen von Charakterschwäche seien, denn selbst wenn alle Juden so wären, wie die Antisemiten sie zu sehen vorgeben, so sei es lächerlich zu glauben, daß ein Millionenvolk sich dieser verschwindenden Minorität nicht einfach dadurch erwehren könnte, daß es sie entbehrlich macht. Leider vergaß Johannes Müller diese sehr richtige Erkenntnis anscheinend, als er auf die sogenannte „jüdische“ Presse zu sprechen kam und sichtlich aus eigenen bitteren Erfahrungen heraus diese Presse als eine Hauptquelle des. Antisemitismus bezeichnete. Wenn wir auch in der Charakteristik der heutigen Großstadtpresse mit Johannes Müller vollkommen übereinstimmen, — denn auch unsere Bewegung hat unter ihrer Interessenpolitik jahrzehntelang schwer gelitten — so gilt hier doch das Gleiche, wie das oben Gesagte. Alle diese Blätter, die Dr. Müller als schädlich bezeichnete, würden sehr schnell von der Bildfläche verschwinden, wenn sie nicht neben