Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sehe Echo Nummer 1 2. Januar 1920 7. Jahrgang Adolf Stand, Mitglied des Großen Aktions- Komitees der zionistischen Weltorganisation, ehemaliger österreichischer Reichsratsabgeordneter und Parteichef der zionistischen Organisation in Galizien, ist nach langem, qualvollen Leiden im 50. Lebensjahre am 20. Dezember in Wien gestorben. Er war unser Gründer und Rufer, unser Mahner und Streiter. Er war die jüdische Kraft voll Hoffnung und Liebe, voll Tiefe und Schönheit. Er war . . . Dunkel war die „jüdische Gasse“, als Adolf Stand sie betrat. Die galizische Orthodoxie in träger Passivität versunken, ein blindes Werkzeug des schlachzizisch-zaddikischen Willens, der jüdische Mittelstand, Arbeiter, Handwerker und Kleinhändler ächzt und stöhnt unter dem polnischen Druck, lebt in den Tag hinein und die offiziellen israelitischen „Vertreter“ — eine korrupte mandats- und ordenlechzende Klique! Die freiheitlichen Regungen der jüdischen Seele werden mit Skepsis und Mißtrauen aufgenommen, „Magid“ und „Badchen“ sind noch Förderer der „Aufklärung“, predigen Moral, führen in die aktuellen Fragen des Lebens ein und beherrschen noch die jüdisch-galizische Welt. Doch bald verschafft sich die ganze russischjüdische Aufklärungs- und nationalistisch-zionistische Literatur in Galizien ihren Zutritt. Mapu, Lilienblum, Gordon, Smolenski, Slonimski, Harkavy, Pinskier und andere sickern durch, Krochmals und Perls Ideen nimmt jetzt die jüdische Gasse aufrichtiger und ernster auf. Die Ideale der nationalistischen Haskalah revolutionierten die Jugend und das zionistische Ideal tritt intensiver und schärfer in den Vordergrund. Es reift immer mehr die Überzeugung, die Juden seien überall Fremde, unbeschadet aller Fortschritte der Zivilisation werden sie nirgends geliebt und überall verfolgt; „wenn wir nicht physisch untergehen oder ein schmähliches Scheindasein fristen wollen, dann bleibt uns nur ein Mittel — die Renaissance im Lande unserer Väter zu vollbringen.“ Jüdischer Wille und jüdische Tat wurden immer stärker konsolidiert, die jüdische Jugend tritt voll Begeisterung in das jüdische Leben, das einem ununterbrochenen Kampfe gleicht, ein. Die Mittelschulprofessoren werden zu Spionen, das Studium jüdischer Geschichte wird mit Ausschluß bestraft, die Assimilation soll mit Gewalt durchgeführt werden! Der sechzehnjährige Mittelschüler Stand kommt Ende der 80er Jahre mit den vier Progonen des galizischen Zionismus zusammen. Dr. Joseph Kobak, Dr. Wilhelm Holzer, Dr. Rüben B i e r e r und Oser Rohatyner nehmen den jungen Schwärmer mit Freude auf. Es kommen auch Salomo Schiller, Abraham Korkis, Neumark, Ehrenpreis. Sie kommen alle, sie melden sich, sie wollen nach Palästina. Siegmund Bromberg-Bytkowski fährt doch schon morgen oder vielleicht noch heute mit den Chowewe nach Erez-Israel. Die Begeisterung wird immer stärker, intensiver, ehrlicher. Stand ruft die erste zionistische Zusammenkunft nach Lemberg ein. Es kommen 18 Delegierte, 17 aus Lemberg, Löbel Taubes entsendete die Provinz. Diese jungen, jüdischen Menschen beraten in dem kleinen Stüblein im Lemberger Ghetto und doch wird der Grundstein zur galizisch-zionistischen Partei gelegt. Stand beginnt die „Przyszlosc“ (Die Zukunft) zu redigieren, sie bringt in polnischer Sprache jeden Samstag den polnischen Assimilanten bittere Pillen, die Przysylosc trägt keine Glaces! . . . In dieser kritischen Zeit erscheint Theodor H e r z 1! Der mißratene Sohn der westlich-jüdischen Bourgeoisie gewinnt den jüdischen Osten und die Wilnaer jüdische Gemeinde überreicht Herzl eine Thora als Symbol der Verbrüderung zwischen Ost und West. Adolf Stand sieht in Herzl den künftigen Lenker der jüdischen Geschicke, wird zu den eifrigsten Enthusiasten und Anhängern des Führers, entwickelt eine lebhafte Korrespondenz und sitzt im Jahre 1897 als Vertreter der galizischen Zionisten in Basel. Der Träumer Stand wird zum aktiven jüdischen Politiker. Er kommt zu allen Gruppentagungen, Landeskonferenzen, Kongressen, er wird der beste, hinreißendste Redner, der eifrigste Agitator, der packendste, gedankenreiche Essayist, redigiert den „Wschöd“ (Osten), „Rocznik zydowski“ (Jüdisches Jahrbuch), „Tagblatt“, sein Name prangt überall. Jedes kleinste Nest in Galizien und der Bukowina hört ihn sprechen, er kommt zu den breitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung, diese kommen zu ihm. Die „jüdische Gasse“ lebt auf, sie fühlt und denkt, braust und stürmt, lodert und flammt — wie Stand! Er gibt ihr jüdischen Inhalt, Ehrgefühl und Würde, Stolz und Kraft wieder. Das polnische Assimilantentum sah sich in seinen Grundfesten erschüttert. Die jüdischen Massen wollten jüdisch bleiben, sie wurden stark in ihrem Wollen, leidenschaftlich in ihrem Lieben und Hassen. Die Bedrückungen der Polen werden systematisch, jüdische Geschäfte werden geschlossen, Juden verlieren ihre schwer erworbenen „Parnusys“. Aber etwa 30 000 jüdische Stimmen wählen im Jahre 1907 ihre Kandidaten. Adolf Stand wird Abgeordneter der Haskalahstadt Brody. Der polnische Assimilant fiel und die Polen müssen nun mit Stand rechnen. In Wien entwickelt er eine fieberhafte Tätigkeit, das österreichische Parlament bekommt seinen „Jüdischen Klub“ und hört zum erstenmal Worte über die Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Das Wiener Parlament gewinnt durch Stands Reden im Ausland mehr Interesse, Stand erzwingt sich auch bei den polnischen Gegnern durch seinen lauteren Charakter Achtung und Sympathie. Das heute aktuelle Minoritätsproblem und nationale Selbstbestimmungsrecht wird aufgerollt. Die Polen werden aber immer judenfeindlicher, die Ukrainer stellen ihre nationalen Forderungen