Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 52 (24.12.1919)
- Date
- 1919-12-24
- Page
- Seite 630 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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630 Das Jüdische Echo Nr. 52 Bauernscharen Pogrome veranstalteten, heftigsten Unwillen bekundeten, daß man sie für solche Zwecke „mißbrauche“. An mehreren Stellen nahmen solche Truppenteile an den Pogromen selbst teil. In solchen Fällen bestraften die Militärbehörden jedoch die Verbrecher, Zivilisten wie Soldaten, mit sofortiger Erschießung. Im Gegensatz zu der Ukraine, wo ganze Rote-Armee-Regimenter sich der blutigsten Judenexcesse schuldig gemacht haben, sind in Sowjet-Rußland solche Fälle so gut wie gar nicht zu verzeichnen gewesen. Vereinzelte Ausnahmefälle nahmen keinen großen Umfang an. Ganz unhaltbar ist die ökonomische Lage der Juden in Sowjet-Rußland. Abgesehen von den zahlreichen Verboten, Privathandel zu treiben, sind es die großen Verkehrsschwierigkeiten, die eine Betätigung auf dem Gebiete des Handels und der Industrie fast unmöglich machen. Die Lage der jüdischen Handwerker und Arbeiter wäre erträglich, wenn nicht der Mangel an Rohstoffen und Arbeitsmaterial eine ungeheure Arbeitslosigkeit hervorgerufen hätte. Um so bewunderungswürdiger ist die starke Betätigung des russischen Judentums auf geistigen Gebieten. Der Kampf um die Erhaltung des jüdisch-nationalen Lebens, der religiösen Einrichtungen, der Schulen, der hebräischen Sprache und insbesondere der sozial-philanthropischen Institutionen, wird ein Ruhmesblatt in der Geschichte des russischen Judentums bleiben. II. Der Kampf gegen die Zionistische Organisation. Die Lorbeeren, die die „Jüdischen Kommissare“ in der Ukraine, Raffes und Cheifetz, im Kampfe gegen den Zionismus geerntet haben, haben ihre Kollegen in Moskau und Petrograd nicht ruhen lassen. Diese Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Die Exekutive der Moskauer Sowjetregierung hat am 21. Juli 1919 auf Grund der Beschwerden der zionistischen Vertreter gegen die Verfolgungen folgende Resolution gefaßt: „In Anbetracht dessen, daß die Zionistische Organisation durch kein einziges Dekret der Sowjetregierung als konterrevolutionär erklärt worden ist, ersucht das Präsidium der Exekutive sämtliche Sowjetorganisationen, der genannten Partei, soweit ihre kulturell-aufklärerische Tätigkeit den Beschlüssen der Sowjetmacht nicht widerspricht, keine Hindernisse in den Weg zu legen.“ Diese Niederlage hat die „Jüdischen Kommissare“ keineswegs entmutigt. Man schlug sofort eine andere Taktik ein und begann, die hebräische Sprache als eine „konterrevolutionäre“ zu erklären, als ein Machwerk der jüdischen Reaktion, vermittels welcher sie die jüdischen Massen „verdunkeln“ wolle. Es begann ein förmlicher Sturm auf das Bildungskommissariat, an dessen Spitze der bekannte russische Schriftsteller L u - natscharski steht., Letzterer, der ein großer Verehrer des Hebräischen sein soll, hatte lange widerstrebt, diesem Ansinnen nachzukommen, mußte schließlich aber doch gewisse „Konzessionen“ machen. Es folgte, ein Verbot des Hebräischen, allerdings mit gewissen Einschränkungen. Der Kampf gegen die hebräische Sprache hat unter den Juden tiefste Erbitterung hervorgerufen. In Moskau hat ein Protestmeeting stattgefunden. Wenn man bedenkt, welchen Gefahren man sich im jetzigen Rußland aussetzt, wenn man öffentliche Protestkundgebungen gegen die von der Regierung geplanten Maßnahmen organisiert, so wird man die Bedeutung dieses Schrittes besonders zu werten wissen. Einstimmig wurde unter großem Enthusiasmus eine Resolution angenommen, die gegen den Kampf gegen die hebräische Sprache als eine unerhörte Vergewaltigung, eines nationalen Rechtes, die sich ausschließlich gegen die Juden richtet, aufs schärfste protestiert. Nach dem Erfolge, der durch das Dekret des Bildungskommissars erzielt worden war, schöpfte der jüdische Kommissar in Moskau, Herr Dimantstein, von neuem Mut, auch den Kampf gegen die Zionistische Organisation wieder aufzunehmen. Dieser zur traurigen Berühmtheit gelangte Herr S. Dimantstein veröffentlichte in der offiziellen Regierungszeitung „Prawda“ vom 12. Septb. einen Hetzartikel mit der Überschrift „Die jüdischen Imperialisten“, der den Zionismus als . eine kapitalistisch-imperialistische, der Entente verbündete Bewegung denunzierte. Die Befürchtungen der Zionisten, daß dieser Artikel nur die Einleitung zu einer großen Zionistenverfolgung darstelle, haben sich leider sehr bald als begründet erwiesen. Zwei Tage nach dem Erscheinen des Artikels wurden sämtliche in Petrograd anwesenden Mitglieder des Zionistischen Zentralkomitees verhaftet, um von der „Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution“ verhört und abgeurteilt zu werden. Glücklicherweise gelang es jedoch rechtzeitig, bei der Moskauer Regierung Schritte zu unternehmen, die zur Freilassung der Verhafteten führten. III. Die Tätigkeit der Zionistischen Organisation (umfaßt die Berichtsperiode Mai-September 1919) Trotz aller Schwierigkeiten wird die zionistische Arbeit in den beiden Hauptstädten nach Möglichkeit fortgesetzt. Die in Petrograd durchgeführte Schekelwoche ergab einen außergewöhnlichen Erfolg. Unter den Scheckelabnehmern befindet sich eine große Anzahl von Personen, die bis vor kurzem noch als ausgesprochene Gegner des Zionismus bekannt waren. Über den Verlauf der Schekelwoche im übrigen Lande liegen folgende Berichte vor: „Die Resultate der Woche des „Schekel-Hageulah“ haben die kühnsten Erwartungen übertroffen. Berichte über den günstigen Verlauf der Schekelkampagne treffen fortlaufend ein. Für den großen Erfolg der Woche des Schekel- Hageulsah sprechen folgende Zahlen und Angaben: Hornel: Ungeachtet der Pogromstimmung wurden 1500 Schekolim abgesetzt, die den Betrag von 8500 Rubel ergaben. Ivenetz: Der größte. Teil der jüdischen Bevölkerung kaufte den Schekel. Snow: Von 300 jüdischen Einwohnern zahlten 100' den Schekel. Sluzk: Trotz des hier herrschenden Belagerungszustandes haben wir 1000 Schekel abgesetzt. Uwarowitschi (Gouv. Mohilew): Die mit großem Erfolg eingeleitete Schekeliwoche ist durch den ausgebrochenen Pogrom, der 35 jüdische Familien völlig ruiniert hat, unterbrochen worden. Von 150 hier lebenden jüdischen Familien haben 130 den Schekel gekauft. Nowoborissow: 300 Schekolim, die den Betrag von 1500 Rubel ergaben. Pogost-Sluzk: Sämtliche 175 jüdischen Familien haben den Schekel gekauft. Urietschie: 90W der jüdischen Bevölkerung haben den Schekel gekauft. Rudensk: Von 105 jüdischen Einwohnern haben 100 den Schekel gekauft. Reinertrag: 600 Rubel. Smilowitschi: Die Schekelwoche konnte nicht mit Erfolg durchgeführt werden, weil die Propaganda in jüdischer Sprache verboten wurde. Auch in russischer Sprache konnten wir nur unter strenger.