Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 51 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- Seite 615 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Das Jüdische Echo 615 rechtzeitige und dauernde Bearbeitung der öffentlichen Meinung, die bei uns Schule, Synagoge und Vereine bedeutet, fehlte. Und das ist ein Grund mit, warum die Beteiligung an den Kursen unserer Meinung nach ungenügend ist. Auf den anderen wichtigeren kommen wir noch zu sprechen. Man könnte nämllich glauben, die Kurse wären schlecht und befriedigten die Hörer nicht. Abgesehen -davon, daß so viele (der Am hoorez) gar nicht hiinkommen und daß die Hörerzahl noch zuzunehmen scheint, die Kurse sind nämlich wirklich gut. Urteile wie: „Das interessiert mich nicht“, der Nichtkommenden spielen für dies Prädikat keine Rolle, sondern nur die Meinung der Beteiligten. Es ist selbstverständlich, daß bei einem so verschieden vorgebildeten und verschieden interessierten Hörerkreis, wie dem der Lehrkurse, dem einen zu viel dem andern viel zu wenig geboten wird. Die Kurse sind auch nicht gleichwertig, mehr infolge des Stoffs als der Dozenten. Aber für jeden Kurs hat sich ein ganz bestimmter Kreis gefunden, der zufrieden ist — ein anderes Urteil ist mir nicht bekannt geworden. Wer klug ist, merkt, wie eingeschränkt das Urteil „gut“ ist. Es ist nur subjektiv zu verstehen. Ein objektives Urteil über die Kurse läßt sich nämlich nicht fällen, von uns nicht und; jedenfalls nicht eher, alis bis ein größerer Abschnitt beendet ist und eine wissenschaftliche Kritik (die übrigens jederzeit innerhalb der Kurse möglich sein sollte) ermöglicht. Und unsere subjektive Kritik gilt eben jenem subjektiven Urteil des Publikums der Vorträge. Ja, „Publikum“ von „Vorträgen“, so ist es, und nicht „Hörer“ von „Kursen“, wie es sein sollte. Und wenn auch wir infolge der ganzen äußeren Form, infolge Saal und Menschen, und zum Teil infolge der Lehrweise, die rein vertragsmäßig ist, uns nicht ein bißchenan den Lehrsaal der Universität erinnert fühlen und Bleistift und Kollegheft resigniert bei Seite legten, so bemerken wir doch, daß unsere „Kommilitonen“ von vorneherein mit gar keiner anderen Absicht gekommen zu sein scheinen, als wie man zu einem beliebigen Vortrag geht, als interessiertes Publikum. Das gilt für jeden Kurs, und in jedem ist ein Spezialpublikum, in der „Palästinakunde“ just nur Zionisten, in der „Einführung in den Talmud“ nur „alte Leute“ (Verzeihung! man versteht uns schon). Und wenn in der „Jüdischen Ethik“, dem besuchtesten Kurs, eine Ausnahme von der Regel zu bestehen scheint, so ließe sich wohl leicht beweisen, daß dies scheinbar > gemischte Publikum doch in einer Beziehung einheitlich ist, nämlich in seiner besonderen Beziehung zum Dozenten. Wir halfen es für eine Unmöglichkeit, mit diesen Hörern eine Diskussion oder ein Seminar zu schaffen, wie wir es nach gewisser Zeit in einem richtigen Lehrbetrieb für notwendig halten. Was Herr Dr. Feuchtwanger vor Jahren in einer Tafelrunde leicht durchführen konnte, das wurde, als er über „Die Juden und den Kapitalismus“ gesprochen hatte und nun den Versuch machte, eine Dis1? kussion anzuregen, fast zur Peinlichkeit. Und die diktierten Zusammenfassungen von Herrn Rabbiner Dr. Bärwald sind von nicht gar zu vielen mitgeschrieben worden. Und Herr Avigdor sei — so hörten wir — viel zu wissenschaftlich und ins Einzelne gehend. Wir sehen Menschen, die in jüdischer Beziehung mit belanglosen Allgemeinheiten eines belanglosen Religionsunterrichts groß wurden und selbst die beste nationaljüdische Jugend lebt bei allem Eifer und Willen meist nur in nationaler Phraseologie und kommt kaum über das. „Interesse“ für die Dinge hinaus. Ein Beweis dafür sind diese Lehrkurse, vielmehr die Art, wie unsere Menschen an ihnen teilnehmen. Ist das nicht das beste Zeichen dafür, wie notwendig sie sind? Denn wir hoffen, daß sie, die wir mit wärmster Anteilnahme begleiten, unsere Menschen wahrhaft belehren, das heißt sie lern- und aufnahmefähig machen und zum eigenen Arbeiten bringen werden. Alfred Berliner. Noch einmal der Israelit Wir achten Geschicklichkeit auch beim politischen Gegner. Aber die Geschicklichkeit des „Israelit“ ist beinahe zu groß, seine Fähigkeit, die Tatsachen seinen Wünschen „anzupassen“ gar zu entwickelt. Erscheint da ein Leitartikel „Kinder und Orthodoxe haben kein Wahlrecht“. Wie, will die zionistische Organisation die Orthodoxie in Erez Israel mundtot machen? Stehen wir an der Schwelle einer grausamen Judenentrechtung im jüdischen Lande? Man vermutet allerlei höchst Bedenkliches, höchst Undemokratisches. Was ist in Wahrheit geschehen? Der sehr temperamentvolle Parteimann Jabotinski, der auch der zionistischen Leitung manchmal recht unbequem zu werden weiß, hat in übrigens berechtigtem Zorne ein paar scharfe Worte gegen gewisse Teile des alten Jischuw gesagt und verlangt, daß man die Stimmen bei den Wahlen nicht nur zählen sondern auch wägen solle. Hält der „Israelit“ die Chalukkah für eine auch im neuen Palästina der Arbeit schätzenswerte Einrichung und kann er es nicht verstehen, daß man — auch wenn man an keine Entrechtung denkt, den abgegebenen Chalukkahzetteln ein wenig mißtrauisch gegenüber steht? Sei dem, wie es sei. All diese Dinge sind dem „Israelit“ ja doch nur ein Vorwand, um seine ihm augenblicklich wichigste Aufgabe der Bekämpfung und Diskreditierung der zionist. Palästinaarbeit fortsetzen zu können, wie ihm denn jede Beschäftigung mit Erez Israel immer nur Mittel zu den Zwecken seiner Goluspolitik ist. Der oben zitierte Leitartikel beginnt mit der Feststellung, daß die zionistische Presse zu neuem Angriff gegen die Orthodoxie rüste und daß wir das „Kesseltreiben“ begonnen hätten. Zunächst kann es sich natürlich nicht um einen Angriff gegen die Orthodoxie, sondern höchstens gegen den nicht gerade wertvollsten Teil der Orthodoxie handeln, in dessen Namen der „Israelit“ allenfalls schreiben darf. Dann aber muß, um keine falsche Darstellung aufkommen zu lassen, festgestellt werden, daß unser Vorgehen lediglich in der Abwehr der dauernden Attaken des „Israelit“ geschah, seiner Hetze gegen die nationale Richtung im Judentum, seiner bedenkenlosen Bekämpfung der mächtig anwachsenden Misrachibewegung, seiner Verdrehung zionistischer Forderungen, seiner wohlberechneten Verkleinerungsversuche zionistischer Erfolge. Es ist ziemlich unverfroren, wenn der „Israelit“ immer wieder den Versuch macht — diesmal zur Abwechslung unter Zitierung einiger Sätze aus dem „Jewish Chronicle“ — zu behaupten, das eigentliche zionistische Ziel, der Judenstaat, sei nicht erreicht worden und damit die zionistische Arbeit gescheitert. Wann und wo hat die zionistische Organisation, hat ihre verantwortliche Leitung den Judenstaat verlangt? Unseres Wissens besteht noch immer das Basler Programm zu Recht. Das aber fordert „eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. Fast wortwörtlich gewährt’s. die