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Das jüdische Echo · 1919-12-19 · 51 (19.12.1919) · p. Seite 614

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 614 (sequence 6)
Language
German
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614 Das Jüdische Echo Nr. 51 nirgends ruht und seine Grenzen nicht einmal in dem Frieden der Familie findet. Denn es ist unverkennbar, daß es sich hier nicht nur um die Auseinandersetzung jüdischer Anschauungen handelt, sondern um die große Abrechnung zweier Generationen und ihrer Weltanschauungen, der Juden von gestern, die eben noch die Macht in Händen haben, und derjenigen, die sich anschicken die Gegenwart zu erobern und denen die Zukunft gehört. Wer wollte als unbefangener Beobachter leugnen, daß in diesem Ringen, das wie Fieber den kranken Körper des deutschen Judentums schüttelt, schon etwas wie der Anfang der Genesung ist? Daß man es so ernst nimmt mit jüdischen Dingen, daß man um jüdische Dinge so zu kämpfen, so zu leiden bereit ist, wie es bei den Besten auf beiden Seiten geschieht, beweist, daß die verderbliche Stagnation der langen Jahre seit der Emanzipation frischerem Leben zu weichen beginnt. Wer heut jüdische Jugend kennt, wird allenthalben Vertreter des neuen Geistes in ihr finden; wer die nationaljüdische Jugend, ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Feste beobachtet, wird nur mit stolzer Freude von ihrem begeisterten Willen, ihrem zielstrebigen Idealismus reden können. Denn es ist ein wahrer „ver sacrum“, der sich anschickt auszuziehen, um seinem Volke die Heimat erringen zu helfen — wer wollte da um Formen, Anschauungen, Ziele rechten? — Vor 50, vor 20 Jahren hätte wahrlich niemand annehmen dürfen, daß der dürre Baum der deutschen Judenheit so edles Reis schlagen würde. Gewiß ist diese gegen sich selbst höchst rücksichtslose Jugend auch sonst nicht gerade rücksichtsvoll, gewiß wird sie dort sehr unbequem werden, wo man in jüdischen Dingen nichts sehnlicher wünscht als Ruhe und sei es auch die Ruhe geistigen Todes. — Der gerecht und menschlich Empfindende aber wird, mag er sonst denken und vertreten was er will, seine helle Freude haben an dieser jüdischen Kraft, an dieser jungen Männlichkeit. Und wird ihr Achtung und Sympathie auch dann, oder vielmehr erst recht bewahren, wenn er erkannt hat, daß es eben jene Jugend ist, die jedes Kompromiß verachtet und in allen Dingen zur Unbedingtheit, zur Entscheidung drängt Denn es ist klar, daß sie, deren stärkster Zug ihre Liebe zum jüdischen Menschen ist, nicht aufhören wird mit brennendem Eifer und schmerzlichem Zorn um die Seele der jüdischen Menschen zu ringen, wie sie nicht aufhören wird mit Leib und Seele nach Erez Israel zu drängen. — Aber gerade weil das so ist, und weil man fühlt, daß, ehe die Entscheidung in diesem Kampfe und damit über das Schicksal der deutschen Judenheit: fallen wird, noch viele schmerzliche Wunden geschlagen und empfangen werden müssen — gerade deshalb wird auf beiden Seiten der Wille, stark, mit den Gegnern, die der Achtung würdig sind, nicht zu einer Verständigung, wohl aber zu einem „Verstehen“ zu kommen. Mit Worten wird das freilich nicht getan. Sie verklingen, bleiben erfolglos oder führen zu neuen Konflikten. Aber ein Besinnen auf Gemeinsames, ein Schaffen an gleichem Werk kann das Wunder wirken. Sind wir nicht alle Juden, mögen wir unser Judentum definieren wie wir wollen? Ist nicht uns allen Zion heiliges Land, die jüdische Gemeinschaft die Verbundenheit von Brüdern, deren Schicksal einem jeden von uns an der Seele liegt? Warum sollen wir das vergessen? Und wer, von jüdischer Mutter Geborene, wollte an jüdischer Zukunft nicht tätig Anteil nehmen? Man sollte es nicht glauben; es gibt auch solche — Israeliten. In Laupheim treibt man dem Komitee für das Hilfsw'erk in Palästina die Säle ab, indem man die Wirte mit Boykott bedroht, in Stuttgart schmäht in jüdischer Versammlung ein jüdischer Landgerichtsrat die Ostjuden wie ein Antisemit vom reinsten Wasser, in Stargard in Pommern bringt es ein Rabbiner fertig, auf der Kanzel Zionisten und Antisemiten in einem Atem zu nennen. Das freilich sind Fälle von solcher Widerwärtigkeit, daß es mit den dafür Verantwortlichen und Menschen ihres Schlages für keinen jüdisch Fühlenden irgendeine Zusammenarbeit geben kann. Es lohnt sich nicht davon viel Worte zu machen; — der jüdische Abfall scheidet aus dieser Betrachtung aus. Aber das ist ja, Gottlob, nicht die Mehrheit. Wenn es in Nürnberg gelungen ist, alle jüdischen Richtungen für das große Werk des planmäßigen Palästina-Aufbaus zu gewinnen, so dürfen wir das auch dann als einen wichtigen Fortschritt buchen, wenn wir wissen, daß die menschlichen und geistigen Voraussetzungen für die Zusammenarbeit sehr verschieden sind, ja daß die Alliierten von heute die Gegner von morgen sein werden und selbst heut die Gegnerschaft nicht ruht. Trotzdem: es gibt doch eines, was sie eint, eine Sache, die ihnen allen wert und heilig ist, ein Werk, das jedem von ihnen die Möglichkeit gewährt, durch Leistung der anderen Achtung zu erringen. Zion sollte und könnte, bei Juden guten Willens, die^ Tat sein, die von allen getan werden muß, das Werk, das keinen Streit, das nur einen Wettstreit entfesselt. Zion, der Wiederaufbau Palästinas, könnte im Wirbel grundsätzlicher Kämpfe ein Ort heiligen Friedens, von Haß und Hader unentwegter Arbeit werden; das Zeichen, in dem sich — mögen sie sonst in feindlichen Lagern stehen, alle guten Juden erkennen werden. — Wenn das jüdische Heer zur Schlacht ging, sonderten Herolde die Bedenklichen und Feigen aus. Auch wir verzichten auf Bedenklichkeit, Feigheit und Niedertracht. Des großen Zionswerkes ist nur würdig, ist aber auch jeder würdig, in dessen Brust ein jüdisches Herz schlägt. Wir sind in der Chanukkahwoche. Im Gefolge der Makkabäer vereinigten sich die Angehörigen aller jüdischen Parteien, wenn diese Parteien nur — jüdisch waren. Das Losungswort der Makkabäer heißt heute wie stets: Zion! G—. Jüdische Lehrkurse in München Eine Kritik des Publikums. Wir haben uns jederzeit für jüdische Lernmöglichkeiten in München eingesetzt und ganz besonders das Bestreben unterstützt, hier eine Volkshochschule ins Leben zu rufen. In seltener Einmütigkeit aller jüdischen Organisationen und Richtungen sind al!s ein erster Versuch dazu die „Jüdischen Lehrkurse“ entstanden. Als Lernende und in der jüdischen Jugend Wirkende glauben wir uns zur Kritik an ihnen berechtigt, zu einer Kritik, die helfen will mitaufzubauen und das Interesse an den Kursen in weitere Kreise zu tragen. Denn sagen wir es gleich, die Propaganda genügte nicht. Gedruckte Mitteilungen zwar mit einer praktischen Übersicht gingen an Gemeindemitglieder und manche andere Beteiligte, aber eine

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