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Das jüdische Echo · 1919-12-19 · 51 (19.12.1919) · p. Seite 613

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 613 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 51 Das Jüdische Echo 613 schreitungen und Gesetzwidrigkeit. Das meiste aber erwarten wir von der Entwicklung der Dinge selbst. Und diese unsere wissenschaftliche Einsicht behütet uns auch vor solch erschütternden Enttäuschungen, wie sie Max Spaeth erlebte. Wer jenes einsieht, und sei er welcher jüdischen Richtung immer, kann nicht so tief unglücklich sein über den Verlust deutscher Freunde und deutscher Geselligkeit, die Versagung deutscher Amtsstellungen oder gar über die Ausschließung aus der mittelalterlichen Zunft der „Satisfaktionsfähigen“. Daß deutsche Menschen das Bedürfnis haben, Geselligkeit untereinander zu pflegen und andere davon fernzuhalten, die die Bindung an nichtdeutsche Gemeinschaften nicht völlig aufgeben, — dies nehmen wir als Tatsache hin, Haben denn wir Juden — aller Richtungen! — nicht auch ein derartiges Bedürfnis? Der Jude, der sich nicht taufen läßt, beweist gerade damit, daß er es hat. Mit diesem Zugeständnis soll keineswegs die hetzerische, geflissentlich kränkende, ja rohe Behandlung verteidigt werden, die Spaeth widerfahren ist seitens „deutscher Kulturträger“ und soll erst recht nicht verzichtet werden auf irgend welche bürgerliche Rechte, und soll ganz gewiß nicht irgend eine innere Beziehung zum Deutschtum aufgegeben werden. Das deutsche Volk ist uns mehr als eine Summe von Antisemiten. Deutsche Kultur ist uns nicht identisch mit deutscher Geselligkeit, studentischen oder militärischen Ehrbegriffen und deutschen Staatsposten. Wir kennen so manchen deutschen Juden, der eine tiefere und echtere Beziehung zu seinem — jawohl zu seinem — Kant, Goethe und Schiller, zu Deutschlands Wäldern und Deutschlands Bergen hat, als mancher reinblütig deutsche, oder sich dies dünkende Frohgardist, Korpsier und Reserveleutnant. Die wahren und wertvollsten deutschen Güter kann uns kein Judenhaß rauben. Hat Max Spaeth dies vergessen, als er glaubte, den ihm widerfahrenen Verlust äußerer Güter nicht überleben zu können, oder war auch e r ein Opfer der weitverbreiteten in Äußerlichkeiten, Erfolgsanbetung und Ehrgeiz sich erschöpfenden Lebensauffassung. Hier fällt vielleicht sogar ein Schatten auf die ethische Persönlichkeit des sich opfernden Helden. Es ist nicht gleichgültig, um welcher Verluste willen einem das Leben entwertet erscheint. — So sind wir wissenschaftlich, menschlich und als Deutsche nicht rein befriedigt vom Opfertod des Jünglings. Aber wir sind es auch nicht als Juden und hier am allerwenigsten. Wir danken ihm, daß er für uns gestorben ist, aber wir wären ihm dankbarer, wenn er für uns gelebt hätte. Und wir sind schmerzlich berührt, in diesem Leben und Lebensabschied so wenig Jüdisches zu finden. Dies ist keine Anklage gegen den Toten. Max Spaeth trifft kein Verschulden. Schuld trägt die verhängnisvolle weite Kreise der deutschen Judenheit beherrschende Weltanschauung, der alles liegt an jüdischen Rechten und so wenig an jüdischen Werten. Max Spaeth hat sich leiblich getötet, weil jene Lebensauffassung ihn, wie ganze jüdische Generationen zugleich und zuvor, seelisch getötet hatte. So gründlich war er aller jüdischen Lebenswerte entleert, daß er an Inhaltslosigkeit seines Daseins, aus Trostlosigkeit ob des Unwerts seines verpfuschten Lebens sterben mußte, als ihm als Deutschen unausbleibliche Enttäuschungen widerfuhren. Ihr Träger der gleichen jüdischen Weltanschauung: Erkennt endlich die furchtbare Tragik der Assimilation! Fast ganz dem Deutschtum hingegeben, erleben die ihr Verfallenen doch mehr oder weniger bewußt in Körper und Geist eine letzte Bindung, und sei sie noch so schwach, an ihr jüdisches Volkstum — eine Bindung, die sie verhindert konsequent zu sein und den Weg zum Taufbecken zu gehen. Aber diese ihre letzte schwache Bindung an die jüdische Gemeinschaft hindert auch die Deutschen, ihnen die volle Aufnahme in ihre Gemeinschaft zu gewähren. So sind jene Assimilierten das tragische Opfer einer nur negativ wirkenden jüdischen Potenz, die Werte vernichtend und lebensfeindlich ist. Sie sind die „Nichtgetauften“, haben keinerlei positiv jüdischen Inhalte und können doch nicht volle Deutsche werden. Die logische Folgerung für jeden so jüdisch Gebundenen aus solcher Erkenntnis kann nur sein: Die positive Ausfüllung und Ausrichtung jener Potenz. Was so zäh lebt, muß auch lebenswürdig sein. Wirkt jene Kraft tatsächlich und seid ihr nicht imstand sie auszumerzen, so macht sie, die sonst lebensgefährlich ist, wertvoll, lebensfördernd! Besinnt Euch auf Euer in Euch schlummerdes Volkstum! Die Stellung des Juden im deutschen Volke wird darum nicht problematischer, daß er auch bewußter Jude ist und seine jüdische Art pflegt. Und hole auch der und jener Hetzer antisemitische Argumente aus der Tatsache des jüdischen Nationalgefühls: wir wissen wohl zu unterscheiden zwischen dem Wesen des Antisemitismus und seinen Argumenten. Und der bewußte Jude besteht den Kampf gegen Haß, gegen Ausschließung und gegen Entrechtung schon deshalb leichter, weil er seinen jüdischen Bereich hat, wohin kein Haß dringt. Ihm kann in Wahrheit nichts geschehen. Er ist der Glücklichere. Er weiß, wofür er zu leben hat, was immer ihm genommen wird. Jüdische Eltern und Erzieher, lernt dies aus Maximilian Spaeths Opfertod! Dann ist er nicht umsonst gestorben. Dr. S,F. Tatgemeinschaft Die großen geistigen Auseinandersetzungen im Judentum werden sobald keine Milderung erfahren. Sie sollen es auch nicht: um der Zukunft unseres Volkes willen muß der Kampf kompromißlos durchgefochten werden. Der nationale Gedanke duldet kein „wenn“ und kein „aber“, er bestimmt restlos Weltanschauung und Lebensrichtung. Aber auch die Assimilation kennt nur am Anfang und auch nur scheinbar Halbheiten und Zugeständnisse. Es gibt eben kein Drittes: entweder gehört man dazu, fühlt man sich als Glied der lebendigen Nation, entweder richtet man all sein Denken und Fühlen auf das Volk und seine 'Zukunft — oder man trennt sich und sein Geschlecht willentlich oder zwangsläufig von der Gemeinschaft, verzichtet bewußt oder unbewußt auf die Gewähr des Fortlebens in Menschen gleichen Blutes und gleicher Art. Es ist klar, daß derartige Gegensätze sich nie und nimmer ausgleichen lassen, wie Nord und Süd und Schwarz und Weiß nie Zusammenkommen können. Hier gibt und darf es keinen Verständigungsfrieden geben, wie es keinen Verständigungsfrieden zwischen Makkabäern und Hellenisten ^eben konnte. Und umso erbitterter ist dieser Kampf zwischen jüdischen Menschen um die Richtung jüdischen Menschentums, als er nie und

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