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Das jüdische Echo · 1919-12-19 · 51 (19.12.1919) · p. Seite 612

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 612 (sequence 4)
Language
German
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612 Das Jüdische Echo Nr. 51 dienste um den Verein Ehrenmitglied, erbittet das Wort, um seinen Standpunkt darzulegen. Aber die „Frohe Garde“ will keine politischen Debatten, man gibt der Kapelle das Zeichen; Musik erstickt sein Wort, er stürzt hinaus und erschießt sich.... Der erste Eindruck, als man dies las. war stark peinlich. Nicht im Hinblick auf die Gesellschaft „Frohe Garde“. Habeant sibi! Aber man hätte es als^ würdiger empfunden, auch als deutscher, wenn Max Spaeth den Herrschaften als Antwort auf den Ausschließungsbeschluß jene bekannte Aufforderung des deutschen Ritters Goetz zugerufen und dann die Tür hinter sich zugeknallthätte. Befreiender hätte das geklungen als der Pistolenschuß. Dann wäre uns auch das widerwärtige Satyrspiel der Tragödie erspart geblieben: der von der Garde dem lieben treuen Mitglied gewidmete Nachruf. Was nachher bekannt wurde, hat den ersten peinlichen Eindruck zum Teil beseitigt. Diese Selbstentleibung geschah nicht aus jähem Unmut über jene Auschließung; sie war die vorbereitete und überlegte Tat eines von Enttäuschungen zermürbten Menschen, der bewußte Opfertod eines deutschen Juden, der hoffte, damit dem im wüsten Antisemitismus mehr und mehr versinkenden deutschen Volke ein Zeichen der Umkehr und Einkehr zu geben. Max Spaeth, Kriegsfreiwilliger, Inhaber von Kriegsauszeichnungen, die er sich als Gemeiner an der Front erkämpft hatte, tapferer Offizier eines Freikorps, einer der Ersten, der am 1. Mai unter Lebensgefahr in das von den Rotgardisten besetzte München eingedrungen war, mit allen Fasern seines Lebens sich mit dem Deutschtum verwachsen fühlend, erlebt mit innerster Erschütterung, wie er und so viele seiner Glaubensgenossen von der deutschen Gesellschaft, ihren Kriegskameraden, von den besten Freunden als Fremde, von Offizieren und Studenten als ehrlos zurückgestoßen werden; selbst das Recht, seine Ehre mit der Waffe zu verteidigen, wird ihm versagt. Er kämpft gegen all dies, doch heillos ist die Verblendung und er zerbricht ... Er hinterläßt ein Testament an das deutsche Volk, in dem er mit erschütternden Worten diese seine Erfahrungen schildert; er selbst verzweifelt, jemals noch eine Besserung dieses trostlosen Zustandes zu erleben und beschließt zu sterben; aber er spricht die Hoffnung aus, seine Worte würden wie Fanfarentöne in die Ohren des Volkes klingen, die Schlafenden erwecken. Ein Mensch löscht sein Kostbarstes, sein Leben aus um dererwillen, die weiterleben. Wir müssen in Achtung uns beugen vor solchem Opfertod, zumal in einer Zeit des Materialismus und der Korruption, des Egoismus und der Genußsucht, in der alles feil ist, Ehre, Treue, Überzeugung, Amtspflicht und Eid. Einen wertvollen Menschen, einen wahrhaft Treuen und Sittlichen stieß hier das deutsche Volk zurück, als hätte es Überfluß an solchen Männern. Dies ist die ethische Beurteilung der Tat, die unabhängig ist von der Ansicht über Wert und Unwert der geistigen Inhalte, um deretwillen jener den. Tod erlitt. Anders die, p o 1 i t i s c h e. Es ist kein Unrecht an dem Toden, sondern eine Pflicht gegenüber uns selbst und auch gegen ihn, wenn wir seine Tat solcher Kritik unterwerfen. Denn seine Tat war keine private Tat, sondern eine bewußt politische, auf Ürteil der Überlebenden und auf Wirkung auf diese berechnet. Darum dürfen, darum müssen wir uns über ihren Zweck Mnd Wert Rechenschaft geben. Wir fürchten, Max Spaeth wird mit seinem Opfertod den gewollten Zweck nicht erreichen. Wir haben eine andere Auffassung über das Wesen des Antisemitismus. Dieser ist nicht nur böser Wille und mangelnde Aufklärung. Freilich nat er auch seine Mitläufer, Solchen wird Max Spaeths Tod wohl Anlaß sein nachzudenken und sich die Fragen vorzulegen: Haben wirklich die Juden den Krieg gemacht und die Revolution, sind wirklich nur Juden Drückeberger und Kriegswucherer usw.? Aber dieser nicht sehr große Erfolg wäre auch mit anderen Mitteln erreichbar gewesen, dazu bedurfte es nicht des Einsatzes eines jungen wertvollen Lebens. Und unabhängig von sittlicher und intellektueller Aufklärung der Menschen, ja dieser unzugänglich bleibt die soziologische Tatsache des Zusammenlebens von Menschen verschiedener Art und die hierauf beruhende Problematik des deutsch-jüdischen Daseins bestehen. Solange die Juden sich nicht als solche völlig aufgeben und in der Majorität aufgehen, teilen sie das unabänderliche allgemeine Minoritätenschicksal, werden sie Anfeindungen von Seiten der Majorität begegnen müssen.*) Das Verhältnis zwischen den Juden und den Wirtsvölkern, unter denen sie wohnen, ist labil. Die Verquickungspolitik ist inhaltlich verschieden bei den verschiedenen Völkern und wieder bei dem einzelnen Volk nach seinem jeweiligen Zustand. Der gegenwärtige pathologische Zustand des deutschen Volkes beeinflußt notwendig das deutsch-jüdische Verhältnis. Das heute gedemütigste Volk der Erde braucht jemanden, den es selbst demütigen kann, es will irgend jemandem seine Macht zeigen. Es hat Angst vor der eigenen Verantwortung, hat das Bedürfnis nach einem Sündenbock. Diese wissenschaftliche Einsicht in das Wesen der Judenfrage hat, wie den meisten Deutschen — jüdischen und nichtjüdischen — Max Spaeth gefehlt. Für ihn ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden eine Angelegenheit zwischen Individuen. Er sieht sein eigenes gut deutsches Gefühl, seinen edlen Willen, seine reine Absicht, sieht auf der anderen Seite bösen Willen und mangelnde Einsicht deutscher Individuen. Wir wissen, wie viel und wie wenig wir in der Bekämpfung des Antisemitismus ausrichten können. Wir nehmen nicht apathisch hin, was mit Uns geschieht, wir klären auf, wo wir einzelne oder die öffentliche Meinung für zugänglich halten; im wesentlichen bekämpfen wir Aus- *) Prof. Dr. Artur Cohen hat diesen Ideenkomplex in einer Abhandlung „Die Judenfrage ein soziologisches Problem“ (Schmollers Jahrbuch Band 42, Heft 2) einleuchtend und ausführlicher als hier möglich dargelegt. Leider ist diese vorzügliche Abhandlung lange nicht so bekannt und verbreitet, als sie es verdiente. Der Zentralverein würde sich ein Verdienst erwerben, wenn er diesen Mangel behöbe. Die eine Abhandlung wiegt hunderte von Artikeln auf, die er und der Verein zur Abwehr des Antisemitismus sonst bei Christen und Juden verbreitet. Es ist freilich bequemer, sensationell aufgemachte Hetzartikel, bezw. pathetische Apologetik zu lesen. Aber auch die. Schande sei hier an den Pranger gestellt: vieler Juden, ja ganzer jüd. Familien einzige Lektüre über Jüdisches sind der „Münchener Beobachter“ und ähnliche Literatur. Eine traurige Spielart unwürdigsten Masochismus und noch dazu eine finanzielle Unterstützung der gehässigsten Feinde.

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