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Das jüdische Echo · 1919-12-12 · 50 (12.12.1919) · p. Seite 600

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
50 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 600 (sequence 4)
Language
German
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600 Das Jüdische Echo Nr. 50 chen. Denn durch sie wird es gelingen, den größten Teil der ausländischen Juden in Württemberg vollends zu entrechten. Diese ausländischen Juden, denen man zwar das Recht, Steuern zu zahlen, restlos zubilligt, die aber den bestehenden Bestimmungen unterworfen bleiben sollen, nach denen ihnen das aktive und passive Wahlrecht erst nach fünfjährigem Aufenthalt in Württemberg, nicht etwa in Deutschland zusteht, könnten nämlich das fürchtet man wohl, das jüdische Leben entkirchlichen und jüdischer machen wollen! Oder — wir wollen niemanden beleidigen —, sollte es einflußreiche Männer geben, die aus Angst vor dem Antisemitismus sich möglichst von ihren jüdischen Brüdern. soweit sie zufällig nicht in Deutschland geboren sind, trennen, die sich durch Opferung der Ausländer von der Bedrohung durch den Antisemitismus loskaufen wollen? Man könnte es fast glauben. Denn der Vorsitzende des liberalen Vereins in Stuttgart, Herr Landgerichtsdirektor Stern, durfte es wagen, in einer jüdischen Versammlung eine weitere Verschärfung des Entwurfes zu beantragen, dergestalt. daß Ausländern das passive Wahlrecht erst nach zehnjährigem Aufenthalt in Württemberg zustehen sollte, weil —■ das durfte ein Jude sagen — die ausländischen Juden nicht nur Verbreiter des Bolschewismus, sondern auch Schieber und Wucherer seien! Für jeden anständigen und bewußten Juden ist der vorliegende Entwurf natürlich unannehmbar, auch ohne die zahlreichen Schönheitsfehler, die ihm ohnedies noch anhaften. Er bedroht unid beleidigt Orthodoxe. Zionisten, Ausländer, ja jeden aufrechten, bewußten Juden gleicherweise. Es ist zu hoffen, daß sich alle Jüdisch-Empfindenden zusammenschließen werden, um eine Änderung im jüdischen und demokratischen Sinne zu erringen, -um den Weg freizumachen für den geistigen Kampf um die großen Gegenstände des Judentums, um das Bewußtsein zu wecken für den erhabenen Gedanken der Solidarität aber Juden. Die „Jüdischdemokratische Gemeindepartei“, deren Bildung angestrebt wird und die in diesem Sinne wirken muß. wird sich, wenn sie für die Ausländer und ihr Recht eintritt, auf eines der schönsten Worte der Bibel berufen können, das da befiehlt: „Ein Recht sei Euch, den Einheimischen wie den Fremden.“ Wir erwarten, daß die bewußte Judenheit Württembergs. mag es auch in ihr zahlreiche Strömungen geben, geschlossen und entschlossen ihre Pflicht tun wird, um endlich das unjüdische israelitische Landeskirchentum in Württemberg zu beseitigen und an seine Stelle eine Verfassung jüdischen Geistes zu setzen. G. Stuttgarter Brief Das jüdische Leben in Stuttgart hat in letzter Zeit an Intensität zugenommen. Die Umformung der israelitischen Landeskirchenverfassung beschäftigt die Gemüter — soweit man an den Angelegenheiten der israelitischen Landeskirche überhaupt Interesse nimmt. Weit größer ist die Anteilnahme an der Palästina-Aufbauaktion, die jetzt auch in Stuttgart eingesetzt hat. Am Sonntag, den 30. November, sprach Herr Davis Trietsch-Berlin im vollbesuchten Oberen Museumssaal über das Thema: „Der Aufbau des jüdischen Palästina“. Besonders interessant waren die zahlreichen Lichtbilder, die Herr Trietsch vorführen konnte, und die sehr eindrucksvoll die Leistungen der jüdischen Arbeit aufwiesen. Das Publikum dankte dem Redner durch lebhaften Beifall. Am Abend vorher hatte in einer außerordentlich besuchten Versammlung der zionistischen Ortsgruppe Herr Glaser über „Die Lage des Zionismus in Palästina“, Herr Trietsch über „Möglichkeiten des Aufbaus“ gesprochen. All diese Veranstaltungen haben das Interesse für jüdische Dinge in Stuttgart stark gesteigert. — Inzwischen hat bereits die Sammeltätigkeit für den Palästina-Aufbaufonds eingesetzt und schon namhafte Beträge gezeitigt. Man darf nach alledem gespannt sein, ob die Stagnation des jüdischen Lebens, die überall in Württemberg herrscht, endlich überwunden werden oder ob das württembergische Judentum, wie bisher, in Untätigkeit fefrn von den geistigen Kämpfen der jüdischen Gegenwart verharren wird. Vielleicht tut der steigende Antisemitismus das Seine, den jüdischen Stolz, die Verantwortungs¬ und Arbeitsfreude zu stärken. Traurig genug, daß der Anstoß von außen und auf so widerwärtige Weise kommen muß. K. P. Ein offenes Wort zur Judenfrage So nennt sich ein Artikel in dem Pfälzer Blatt „Landauer Anzeiger“ vom 24. November d. J., der über einen Vortrag berichtet, den der Vorsitzende der Demokratischen Partei in Kaiserslautern, Dr. Kehr, in einer öffentlichen Versammlung des „Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ über „Das Gebot der Stunde“ hielt. Dr. Kehr, ein hervorragendes Mitglied des Zentralvereins, hielt sich im ersten Teil seiner Rede streng an Tatsachen und betonte was wir schon öfter in Reden zur Abwehr des Antisemitismus hörten. Gegen Schluß seiner Rede sagte Dr. Kehr — und wir berichten hier wörtlich was im Berichte der oben genannten Zeitung zu lesen ist —: „W ir wollen es nicht machent wie die Zionisten und unserm zerschlagenen Vaterland treulos den Rücken kehre n.“ Was soll man dazu sagen, wenn in einer Zeit der wüstesten Hetze gegen alle Juden ohne Unterschied der Parteien, ein Jude und noch dazu der berufene Vertreter einer jüdischen Organisation, zu einer solch ungewöhnlichen Denunziation ausholt. Seit dei im Januar 1914 veröffentlichten Erklärung eines antizionistischen Komitees deutscher Juden hat niemand mehr derartiges geleistet! Es sei deshalb die Anfrage an die Zentralleitung des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gerichtet, wie sie sich zu den unerhörten Aussprüchen eines hervorragenden Mitgliedes ihres Vereins stellt. J. F. Nachrichten aus Polen (Von unserem Krakauer Berichterstatter.) Der polnische Staat wurde wohl in Paris geschaffen, doch lange nicht in Polen. Posen ist gegenwärtig eher französisch und deutsch, als polnisch,. Mittel- und Westgalizien siecht unter dem Einflüsse der alten österreichisch-polnischen Wirtschaft, die ukrainische Majorität in Ostgalizien läßt sich trotz „offizieller Beschlüsse“- von der polnischen Minorität nicht beherrschen, in Kongreß-Polen hält die russisch-bolschewistische Bewegung ihren Einzug, im Osten tobt der Kampf mit den Ukrainern und Bolschewiken, das neuerwachte Tschechien ist nicht abgeneigt, mit den Polen das Glück auf den Schlachtfeldern zu suchen, England verhält sich mit seinen geheimnisvollen Plänen reserviert und Frankreich

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