Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 49 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 589 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 589 Die Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens der deutschen Juden nach der Emanzipation ist mit der Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert aufs engste verknüpft. Deutschland war damals vorzugsweise ein Agrarstaat mit geringer Industrie und ohne Großstädte. Die Juden saßen überwiegend auf dem flachen Lande und waren als Händler selbständige Existenzen, nicht Angestellte, wie es heute der Fall ist. Sehr häufig war der Privatbankier, der damals kein reines Geldgeschäft betrieb, auch Warenkommissionär für Holz, Zucker, Wolle, Getreide und alle übrigen landwirtschaftlichen Produkte. Die Masse der Kaufleute arbeitete ohne Kapital, aber mit eisernem Fleiß und unbeugsamer Energie. Die Kinder wurden früh dem Erwerb zugeführt und mußten sich mit zäher Arbeit ihre Stellung im Leben schaffen. Aber die Juden waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts keineswegs nur Händler, ihre geistige Oberschicht war vielmehr in allerstärkstem Maße an der wirtschaftlichen Stärkung Deutschlands beteiligt, die sie durch Energie und Kapitalskräfte förderten, sodaß man die Umwandlung Deutschlands zum Industriestaat zum Teil als ihr Werk ansprechen darf. Als Illustration für diese Behauptung darf Rothschilds Verdienst um die Entwicklung der deutschen Eisenbahnen angeführt werden, der die erste Bahnlinie finanzierte, dann Strousberg, der Bahnen und Industrien aus der Erde stampfte, von denen zwar viel zusammenbrach, der aber trotzdem als wichtigster Anreger und Förderer der deutschen Industrie dieser Zeit anzusprechen ist. Die Schaffung der ersten Aktienbanken, welche erst die Entwicklung der Industrie* ermöglichten, ist ebenfalls ein jüdisches Verdienst. Es liegt eine gewisse Tragik darin, daß diese von Juden begründeten Aktien-Großbanken die jüdischen Privatbankiers aufsaugten und so zahlreiche jüdische Existenzen vernichteten. Auch in der deutschen Industrie — sowohl in der Schwerindustrie wie in der chemischen und der Textilindustrie — sind Juden bahnbrechend gewesen und haben den Aufschwung Deutschlands vorbereitet. In der Zeitspanne von der Emanzipation bis zur Reichsgründung bestanden also viele selbständige Existenzen. Heute zeigt die soziale Struktur des deutschen Judentums ein ganz anderes, düstereres Bild. Das ist die Folge teils außerwirtschaftlicher, teils wirtschaftlicher Ursachen. Als außerwirtschaftliche Ursache ist der Antisemitismus zu bezeichnen, der seit 1870 überall systematisch das jüdische Element zurückzudrängen versucht. Die geeignetste Angriffsfläche gab die Entwicklung der Aktiengesellschaften, in denen nichtjüdische Persönlichkeiten die Leitung erhielten. Diese Entwicklung sieht man sowohl an der Börse als an den Großbanken, die nach Möglichkeit nichtjüdische Angestellte heraussteilen und Juden wohl noch für besondere Aufgaben gebrauchen, aber auch diese nach Möglichkeit durch Nichtjuden ersetzen. Die wirtschaftliche Ursache des Sinkens des wirtschaftlichen Niveaus der deutschen Juden ist die große Konzentrationsbewegung oder Vertrustung, die in allen Industriezweigen als Vereinigung der Rohstoffgewinnung mit der Veredelung und dem Vertrieb der Ware in Erscheinung tritt. Durch diese Entwicklung sind die mittleren und kleineren Betriebe zum Anschluß oder Aufgehen in den Großbetrieben genötigt. Hierdurch sind die deutschen Juden am schwersten betroffen worden. Zahllose Existenzen sind zerstört worden, ebenso wie im Bankgewerbe, wo an Stelle des jüdischen Privatbankiers der christliche Depositenkassenvorsteher trat. Auch in der chemischen und elektrischen Industrie, zu deren Begründern und Führern Juden gehören, bietet sich dasselbe Bild. Von verhängnisvollem Einfluß war auch die genossenschaftliche Organisation der Bauern, die zum katastrophalen Zusammenbruch der Judenheit in der Provinz, besonders im Osten, führte, wo Polen und Deutsche ihre besonderen Genossenschaften schufen, zwischen denen die Juden zerrieben wurden, sodaß von den 70 000 Juden der Provinz Posen mehr als zwei Drittel in die Großstädte abwandern mußten. Diese beiden Faktoren, der Antisemitismus und die wirtschaftliche Konzentration, haben die Position des deutschen Juden im wirtschaftlichen Leben Deutschlands untergraben. Der Arbeitsmarkt für jüdische Angestellte ist viel enger als der für Nichtjuden, da die chemische Industrie, die Schwerindustrie, die Banken und viele anderen Berufszweige die Juden ausgeschaltet haben. Das ist ein außerordentlich bedrohliches Symptom. Wir erleben den Prozeß der beginnenden Proletarisierung der jüdischen Angestelltenmassen deren Väter noch selbständige Existenzen waren. Dadurch ist der soziale Abstieg des Judentums in Deutschland klar bewiesen. Durch den Krieg sind die Verhältnisse noch schlimmer geworden. Viele jüdische Existenzen sind zerstört, besonders viele selbständige Erwerbstreibende in ihren Berufen zurückgekommen und dadurch gezwungen, als Angestellte ihr Auskommen zu suchen. Hier erwächst eine neue Gefahr. Die Neuregelung aller Arbeitsverhältnisse hat das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter und Angestellten gebracht. Dieses Recht involviert für die jüdischen Angestellten insofern eine große Gefahr, als bisher die jüdischen Chefs es in der Hand hatten, die außerordentlich ungünstigen Arbeitsmarktverhältnisse der jüdischen Angestellten dadurch etwas auszugleichen, daß sie sie bei gleichen Leistungen in erster Linie berücksichtigt haben, nicht etwa weil sie christliche Bewerber zurücksetzen wollten, sondern weil zahlreiche Aktiengesellschaften und christliche Privatfirmen grundsätzlich keine Juden anstellen. In Zukunft aber ist der Chef nicht mehr der allein maßgebende Faktor bei Anstellungen und Entlassungen. Es muß befürchtet werden, daß, zumal bei der straffen Organisation des radikalantisemitischen deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes und der immer stärker sich bemerkbar machenden antisemitischen Propaganda' auch unter der übrigen Angestelltenschaft ein planmäßiger Boykott jüdischer Stellungsuchender angestrebt wird, der ihre Situation verzweifelt gestalten könnte. Hier erwächst der deutschen Judenheit eine neue Aufgabe. Es ist eine der dringendsten Pflichten der großen jüdischen Organisationen Deutschlands, jetzt endlich den unerläßlich notwendigen Zusammenschluß zu einer wirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaft zu vollziehen, die alle diese Fragen zu studieren und sich mit der Arbeitsmarktkontrolle im Interesse der in ihrer Existenz gefährdeten jüdischen Angestellten zu befassen hat. Im Rahmen einer volkswirtschaftlichen Untersuchung kann hier kein umfassendes wirtschaftspolitisches oder innerjüdisches politisches Pro-