Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 49 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 588 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Das Jüdische Echo Nr. 40! nur Scheinrechte verleihen, in Wirklichkeit aber sie zur Einflußlosigkeit verdammen, sie würde auch nicht zur Entfaltung einer jüdischen Kultur in Deutschland führen, weil aus dem deutschen Judentum in seiner heutigen Verfassung keine selbständige jüdische Kultur erwachsen kann. Aus diesem Grunde müssen die Nationaljuden in Deutschland den Versuch, ihnen nationale Autonomie aufzunötigen und damit in das deutsche Judentum, das an seiner Einheit festhält, eine Spaltung hineinzutragen, als eine Vergewaltigung betrachten. Wenn das deutsche Judentum die nationale Autonomie brauchen sollte, wird es sie schon verlangen. Wie sie ihm aber heute von der gewiß nicht zur eigenmächtigen Lösung der deutschen Judenfrage berufenen Hamburger Studentenschaft dargeboten wird, weist es sie mit aller Entschiedenheit als verhängnisvolle Gabe zurück. Timeo Danaos et dona ferentes! Die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens aber werden sich zuraunen: „Dahin bringt uns der Zionismus. Den Antisemiten liefert er die schärfsten Waffen im Kampfe gegen unsere Gleichberechtigung. Der Beschluß der Hamburger Studenten ist nur eine Folgerung aus den zionistischen Lehren.“ Den klar Denkenden kann solches Reden nicht beirren. Wir haben bereits dargetan, daß die Theorie vom Nationaljudentum der Mehrheitsnation nicht die Befugnis gibt, uns in eine rechtliche Sonderstellung hineinzuzwingen. Nur aus der bewußten oder unbewußten Verkennung und Überspannung der nationaljüdischen Idee kann man eine derartige Befugnis hierleiten. Mißverstandene und übertriebene Ideen aber, aus denen dem Antisemitismus scharfe Waffen erstehen, liefert nicht nur die geistige Rüstkammer des Nationaljudentums. Noch viel gefährlicher wird — auf die Spitze getrieben — für das Judentum die gegenteilige Idee, daß das Judentum lediglich eine religiöse Angelegenheit sei, die auf die Ausübung der staatsbürgerlichen Rechte keinen Einfluß haben dürfe. Ich brauche nur die beiden Namen Cohn und S i n z h e i - m e r zu nennen. Die beiden Abgeordneten, auf welche der durchschnittliche deutsche Jude so schlecht zu sprechen ist, haben doch in Wirklichkeit nur die Konsequenzen aus dem Gedanken des deutschen Staatsbürgertums jüdischen Glaubens gezogen. Warum sollte sie der Unterschied in der Konfession verhindern, über Hindenburg und Ludendorff zu Gericht zu sitzen? Auf diese Frage kann der Zentralvereins-Jude keine befriedigende Antwort finden. Der Nationaljude aber weiß, daß den deutschen Juden vom Nichtjuden nicht nur die Religion, sondern auch die nationale Eigenart trennt, daß die nationale Verschiedenheit dem Juden die Notwendigkeit auferlegt, von seiner Gleichberechtigung im deutschen Volke nur mit Takt Getrennt, daß die nationale Verschiedenheit dem Juden verbieten muß. die ersten zu sein, welche die einstigen Heroen des nationalen Deutschtums in den Staub stürzen. Nicht durch gesetzliche Beschränkung, nur durch taktvolle Selbstbeschränkung auf Seiten der Juden und Achtung vor fremder Eigenart auf Seiten der Nichtiuden läßt sich ein reibungsloser Zusammenschluß ermöglichen. Denn unsere Eigenart wollen wir ungestört pflegen, auch wenn wir in Deutschland keine nationale Autonomie in Anspruch nehmen und keine selbständige Kultur hier entwickeln können. Wir wollen diese Eigenart dadurch bewahren, daß wir an der Renaissance des jüdischen Gesamtvolkes lebendigen Anteil nehmen, daß wir die geistigen Werte, die in den jüdischen Zentren geschaffen werden, uns zu eigen machen und sie durch jüdische Schulen unseren Kindern vermitteln — wir wollen vor allen Dingen an dem großartigen Werke der Errichtungeiner jüdischen Heimstätte in Palästina, soweit es in unserer Kraft steht, mitarbeiten. Die Errichtung jüdischer Schulen im Galuth und der Aufbau Palästinas, das sind heute unsere Hauptaufgaben. Es ist erfreulich, daß auch immer mehr Nichtzionisten dies erkennen. Männer der verschiedensten Richtungen haben sich zu einem jüdischen Schulverein zusammengeschlossen, der sich mit einem warmherzigen Aufruf an die Öffentlichkeit wendet. Wie Bruno Kirschner in der Jüd. Rundschau (24. Jahrg. Nr. 80) mit Recht bemerkt bürgen die Namen des Arbeitsausschusses, in dem sich u. a. Rabb. Prof. Dr. Baneth, Ch. Krwpnik. Prof. Dr. Karl Levin, Rabb. Dr. Liebermann, Heinr. Löwe.. Dr. Smoira. Rabb. Dr. Warschauer u. a. befinden, für die Ernsthaftigkeit der Sache. — Für den A u fbau Palästinas sind an den verschiedensten Orten (wir nennen nur München) ebenfalls hervorragende Nichtzionisten in engem Zusammenarbeiten mit Zionisten eingetreten. Es ist zu hoffen, daß diese Beispiele überall Nachahmung finden, wo für den Palästina-Aufbau-Fonds geworben wird. Man sollte das umsomehr annehmen, als es sich deutlich erweist, daß die politischen Erfolge des Zionismus durchaus von Dauer sind. Der Nachfolger Balfours im englischen Ministerium des Auswärtigen, Lord Curzon, hat zum Jahrestag der Balfourschen Deklaration an die englische Judenheit ein Schreiben gerichtet, in dem er nochmals ausdrücklich versichert, daß in der Politik der englischen Regierung bezüglich der Errichtung einer jüdischnationalen Heimstätte in Palästina keine Veränderung eingetreten ist. Und — was ganz besonders erfreulich ist, — nach einer Mitteilung der Tageszeitungen hat Herb. Samuel erklärt, daß die schon lange geplante JüdischeUniversitätin Jerusalem nunmehr zur Wirklichkeit wird. Dr. N. Wirtschaftliche Wandlungen im Leben der deutschen Juden im 19. Jahrhundert. Bei der Eröffnungsfeier der Freien jüdischen Volkshochschule in Berlin hielt Herr Hans Goslar, Referent im preussischen Finanzministerium, das folgende interessante Referat, das wir nach dem Bericht des Hamburger Israelitischen Familienblattes im Auszug wiedergeben: Der Redner entrollte ein sehr ernstes Bild von der wirtschaftlichen Stellung der deutschen Judenheit, die durch eine anscheinend unaufhaltsame Entwicklung immer mehr zu Ungunsten der Juden verschoben wird. Er begann seine Ausführungen mit einem Hinweis auf das von der antisemitischen Presse mit unermüdlicher Beharrlichkeit ausposaunte unsinnige Märchen von der Weltherrschaft des jüdischen Kapitals. Jedes Kapital, sei es jüdisch, deutsch oder englisch, wird nur durch ein einziges Gesetz geleitet: die Suche nach der höchsten Rentabilität, niemals aber nach nationalen oder religiösen Gesichtspunkten. Wie unsinnig diese Behauptung ist, erhellt die Tatsache, daß ein ehemals jüdisches Bankhaus der zaristischen Pogromregierung die finanziellen Mittel zu weiteren Judenmetzeleien lieferte und daß die jüdischen Großfinanziers unserer Gemeinschaft häufig den Rücken kehren, weil das Judentum mit seiner ganz anderen Struktur ihnen nichts Äußerliches bietet.