Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 48 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- Seite 576 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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576 Das Jüdische Echo Nr. 48 Es ist selbstverständlich, daß man bei einer derartigen Auffassung keine Organisation als Gesamtvertretung der deutschen Judenheit anerkennen kann, die nicht wirklich ein deutsches Judenparlament, die demokratische Vertretung der Juden Deutschlands darstellt. Es ist daher berechtigt, wenn das Zentralkomitee beschloß, „den geschäftsführenden Ausschuß zu beauftragen, dem Verband der deutschen Juden mitzuteilen, daß die Zionist. Vereinigung für Deutschland sich an dem Verband der Deutschen Juden nicht weiter beteiligen kann, wenn nicht Garantien dafür gegeben werden, daß vom nächsten Verbandstage ein demokratisches Wahlsystem für sämtliche in Deutschland wohnenden Juden angenommen wird.“ Der Kampf um die Umgestaltung des Gemeindelebens in Deutschland, um die Politisierung der deutschen Judenheit, um ihre Festigung durch - eine vom Willen der Gesamtheit getragene Vertretung hat begonnen. Sein Ausgang ist nicht zweifelhaft. Wer da wünscht, daß die notwendige Entscheidung kommt, ehe der heutige Zustand der Stagnation noch mehr Schaden als bisher anrichten kann, wer den großen Aufgaben auf geistigem, sozialem, wirtschaftlichem, pädagogischem, politischem Gebiete, die der deutschen Judenheit gestellt sind, Erfüllung sichern, wer freiem Wort und vorurteilsloser Betrachtung jüdischer Dinge die Plattform schaffen will, der wird sich, mag er Zionist oder Nichtzionist sein, der Entschließungen des zionistischen Zentralkomitees freuen dürfen. * * * Politik? Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da. Sophokles, Antigone. Tatbestand. Die antisemitische Hetze in München ist einer Steigerung kaum noch fähig, ohne daß die aufgepeitschten Massen zu Gewalttätigkeiten übergehen. Die zionistische Ortsgruppe, der Gesamtauschuß der Ostjuden erkennen die Notwendigkeit, endlich Wirksames zu unternehmen und schaffen die Möglichkeit dazu. Als alles getan ist, bittet man den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens um seine Mitwirkung — wohl verstanden, man verlangt weder Geld noch Arbeit von ihm, könnte auch ohne ihn vorgehen und den politischen Nutzen getrost allein einstreichen — man macht Mitteilung lediglich aus Solidaritätsgefühl dem gemeinsamen Feinde gegenüber, wünscht das Zusammengehen, weil man aus diesem Kampf keinen Vorteil zu Ungunsten anderer jüdischer Organisationen einheimsen, weil man den jüdischen Verein, der sich für berufen hält, den Kampf gegen den Antisemitismus für die deutsche Judenheit zu führen, trotz aller Bedenken gegen die wenig wirksame Art, wie er ihn führt, von diesem wichtigen Vorgehen nicht ausschließen will. Der Zentralverein bestreitet keineswegs die Möglichkeit, daß die vorgeschlagenen Maßnahmen wirksam sein könnten, berät, einmal, zweimal — und erklärt nach einigem Hin und Her, nicht wie man meinen könnte, er mache mit, oder er weigere sich, weil er nicht an Wirksamkeit oder Tunlichkeit dieser speziellen Aktion glaube — nein er verweigert jedes Zusammenwirken, das gegen den gemeinsamen Feind so bitter not täte,, überhaupt und grundsätzlich. Drei Tage später verprügelt ein Haufen deutscher Studenten einen wehrlosen Juden auf offener Straße, weil er Jude ist. . . . Aussprache. Auf der vom „Jüdischen Echo“ einberufenen Versammlung über das Thema: „Die neue Welle des Antisemitismus“ treffen sich die Parteien. Hie Zionisten und Ostjuden — hie Zentralverein. Man bringt die Sache vor, Herr Dr. Straus, Vorsitzender der Münchener zionistischen Ortsgruppe, und Herr Jakob Reich, Vertreter des Gesamtausschusses der Ostjuden, sprechen, beide sachlich — Herr Dr. Straus ohne Schärfe, Herr Reich, der die Verhandlungen geführt hatte, in begreiflicher Erregung und nicht ganz liebenswürdig. Herr Rechtsanwalt Levinger, Mitglied des Vorstandes der Münchener Ortsgruppe des Zentralvereins, kommt nach jedem der beiden Redner zu Wort. Seine Antwort läßt durchblicken, daß er persönlich Zusammenarbeit gewünscht hätte, daß die Meinungen im Vorstande geteilt waren, aber.es ist im deutschen Judentum immer dieselbe Geschichte: einige sehr verdiente, sehr illustre Persönlichkeiten sind irgendwie früher angegriffen, beleidigt, verärgert worden und wollen deshalb nicht mittun, auch wenn sich’s um die bittersten Notwendigkeiten für die jüdische Gesamtheit handelt. Man nennt so etwas Politik und diejenigen, die mächtig genug sind, diese Politik durchzusetzen, halten sich für jüdische Politiker. Herr Rechtsanwalt Levinger, der die undankbare Aufgabe hatte, diese von ihm nicht gebilligte „Politik“ zu verteidigen, errang einen Achtungserfolg für seine Persönlichkeit. Dem Zentralverein konnte er einen solchen nicht erringen. Betrachtungen. Der Vorstand des Zentralvereins tagt unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Er kann deshalb nicht verlangen, daß man Interesse daran haben soll, ob man und wer in seiner Mitte für Zusammenarbeit der gesamten Judenheit eingetreten ist. Die odiose Antwort ist nun einmal gegeben worden — so mag der Zentralverein dafür einstehen, wenn er kann. Es ist sogar gleichgültig für die politische Einschätzung der einzelnen Vorstandsmitglieder, ob sie den Beschluß billigten oder nicht. Warum zogen nicht die Vertreter des jüdischen Standpunktes die Konsequenzen aus der Ablehnung? Politik! Mag’s so nennen, wer will. Die Zentralinstanz des Zentralvereins legt freilich Wert auf Zusammenarbeit der gesamten Judenheit Deutschlands im Kampfe gegen den Antisemitismus. — Ein paar Münchener Notabfeln sind anderer Meinung. Die Zentralinstanz wird ihnen gegenüber wohl machtlos sein. Es rächt sich wieder einmal der Grundfehler der ganzen Judenpolitik in Deutschland. Einige angesehene Organisationen, einige aus irgendwelchen Gründen mächtige Persönlichkeiten lenken das Schicksal der jüdischen Öffentlichkeit. Diese wird nicht gefragt. Dafür ist man Demokrat und nennt sich auf jüdischem und nichtjüdischem Gebiete: liberal. Herr Rechtsanwalt Levinger erklärte: Politik ist kein Geschäft des offenen Marktes. Auch uns erscheint Kleon der Gerber in all seinen Abarten, auch uns erscheint Demagogie in jeder Form wenig erfreulich — beinahe so unerfreulich wie die Wichtiktuerei und Geheimniskrämerei einiger Pseudodiplomaten. Propheten, Volksführer, Staatsmänner von Rang verstanden es stets, das Volk mitzureißen, es zum gewaltigen Vollstrecker des eigenen Willens zu machen. Der Antisemitis-