Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 48 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 48 28. November 1919 6. Jahrgang Jüdische Volkspolitik in Deutschland Die Sitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland vom 2. XI. 19 hat die Grundlagen der zionistischen Politik in Deutschland bis zum nächsten zionistischen Delegiertentag Ostern 1920 festgelegt. Das war umso notwendiger, als die großen Umwälzungen der verflossenen Jahre nicht nur das Antlitz der Welt sondern merkwürdigerweise auch das der rückständigsten jüdischen Kultusgemeinden Deutschlands umgestaltet haben. Ist es doch unbestreitbar, daß die künftige Zusammensetzung der deutschen Judenheit keineswegs der vor dem Kriege gleichen wird. Der Verlust von Posen, Westpreußen, Elsaß-Lothringen, die drohende Abtretung großer Teile Oberschlesiens hat die Zahl der schon seit zwei oder mehr Generationen deutschen Juden beträchtlich vermindert. Zugleich sind durch Einwanderung aus dem jüdischen Osten den Gemeinden neue Mitglieder zugeführt worden, deren Interesse an jüdischen Fragen .im allgemeinen das der Eingesessenen erreichen, in vielen Fällen übertreffen dürfte. Es wird niemanden geben, mag er denken wie er wolle, der glauben könnte, daß sich auf die Dauer eine Grenze zwischen Juden und Juden aufrichten ließe, daß es auch in der Folge gelingen wird, die Abgeschlossenheit der „Eingeborenen“, wie sie besonders in Süd- Deutschland besteht, aufrecht zu erhalten. Es ist klar, daß dieser in der Folge unabwendbare Verschmelzungsprozeß dazu führen muß, daß die deutsche Judenheit in dem Augenblick, da sie ihren beherrschenden Einfluß auf das Gesamtjudentum verliert, dem jüdischen Volke in seiner Masse näher rückt, als es wenigstens in den letzten 60 bis 70 Jahren der Fall war. Es wird nicht mehr möglich sein, so schroff wie bisher den deutschen Standpunkt zu betonen und alles jenseits der Grenze abzulehnen, wenn diese Grenze gleich hinter. Frankfurt a. 0. verläuft und wenn in absehbarer Zeit ein bedeutender Bruchteil der deutschen Juden nicht nur jenseits dieser Grenze sondern sehr viel weiter östlich geboren sein wird. Dazu kommt die Tatsache, daß gerade die Besten unter den eingewanderten Ostjuden nicht daran denken werden ihre Eigenart bedingungslos aufzugeben, ihren Anteil an dem Werden der jüdischen Gesamtheit, ihren Willen zu einer jüdischen Zukunft gegen die müde Resignation des untergangsnahen deutschen Judentums einzutauschen. Das Eindringen dieser vergleichsweise eminent „jüdischen“ Menschen in das entjudete deutsche Judentum muß und wird zu einer völligen Veränderung seiner geistigen und politischen Struktur führen. Der nationale Gedanke, bis vor kurzem im wesentlichen Akademikern, jüngeren Kaufleuten, begeisterten Schülern vertraut, wird überall hindringen, wohin die Einwanderer ihre Schritte lenken. Die bisher geistigen und politischen Kämpfe so fernen Landgemeinden werden von der Auseinandersetzung mit den großen Gegenständen des jüdischen Volkstums ebenso wenig verschont bleiben, wie die stolzen Großgemeinden, deren festeste Bollwerke bereits klaffende Breschen aufweisen, die der neue Geist . geschlagen. Schon jetzt läßt sich voraussehen, daß die Zeit kommen wird, da „die deutsche Judenheit es nicht mehr ruhig mitansehen wird und kann, daß ihre Führung auch künftig einer kleinen, durch eine falsche Opportunitätspolitik auf Irrwege geratene Schicht verbleibt“, die aus der überlieferten jüdischen Gemeinde, die mit ihren religiösen, sozialen, wirtschaftlichen Einrichtungen, Gesetzen, Regelungen das ganze jüdische Leben umspannte, eine rein konfessionelle Anstalt, die Diözöse einer nie und nirgends bestehenden „jüdischen Kirche“ machte. Die deutsche Judenheit der Zukunft, die jetzt in Bildung begriffen ist, wird sich die Bagatellisierung der Gemeinden, die sie schon heute zu kaum mehr als Vereinen stempelt, denen man nach Belieben angehört oder nicht, auf die Dauer nicht bieten lassen können. Wollen die jüdischen Gemeinden überhaupt nocfr irgendwelchen Einfluß auf wesentliche Teile des jüdischen Lebens bewahren, so müssen sie ihre Pforten den geistigen Strömungen weit auftun, die das heutige Judentum erschüttern und beleben, so müssen sie, gewiß unter getreuer Wahrung des ihnen anvertrauten religiösen Gutes Gemeinden des jüdischen Volkes, „jüdische Volksgemeinden“ werden. „Denn nur dann“, sagt Simonsohn in seiner Broschüre, ,Die jüdische Volksgemeinde4, „wird ihnen alles Zuströmen, was den Keim der Zukunft in sich trägt, werden ihnen die folgen, deren Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft nicht von augenblicklich günstiger Konstellation der Umstände, von der Existenz der Zwangsgemeinden, von der schamhaften Furcht vor der öffentlichen Bekanntgabe der Abtrünnigkeit abhängt, sondern die durch sittliche Ideale, durch Überzeugungstreue und innerlich unlösliche Bande mit dem jüdischen Volke verknüpft bleiben. Daraus resultiert die Forderung, daß die jüdischen Volksgemeinden sich nicht auf rein konfessioneller Grundlage aufbauen können, sondern die Vertretungsorgane einer nationalen Minderheit sind, die ihre kulturellen Angelegenheiten, welche aus ihrer geistigen Individualität resultieren, autonom regelt.“ Aus diesen ja bereits seit längerer Zeit vertretenen Anschauungen zog das zionistische Zentralkomitee auf seiner Sitzung vom 2. XI. die praktischen Folgerungen. Der Gedanke der Demokratie, der unlöslich verknüpft ist mit dem Begriff der Volksgemeinde selbst, war es vor allem, der den Standpunkt der zionistischen Bewegung den Organisationen des deutschen Judentums gegenüber bestimmte. Das ist der Sinn der bereits von uns veröffentlichten Entschließung, die besagt, daß es die Pflicht eines jeden deutschen Zionisten sei, sich an den Aufgaben der jüdischen Gemeinden in Deutschland zu beteiligen und überall für die Demokratisierung der Gemeinden einzutreten, damit auf dieser Grundlage eine gesunde jüdische Volkspolitik in Deutschland ermöglicht wird.