Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 47 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 531 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 567 endlich Trägerin der wundervollen Messiasidee ist. Schmach all denen, die unser Lager feige verlassen, um der Assimilation oder dem Zionismus anheimzufallen! Äusserer Druck bewirkt innere Judennot; diese treibt jetzt unsere Jugend ins zionistische Lager. Nicht die Orthodoxie, nicht die streng religiös-liberalen Juden, sondern die indifferente Judenschaft stellt der zionistischen Bewegung den größten Teil ihrer Anhänger. — Was müssen wir tun, um den Fortbestand unseres wahrhaft liberal-religiösen Judentums zu sichern? Die erste Pflicht ist die Jugend zu erfassen und sie in unserem Sinne zu erziehen; auch die weibliche Jugend! Die jüdische Frau — von jeher Priesterin am Altar des Judentums — muß wieder die Flamme nähren. Ein liberales, noch so liberales Judentum ist lebensfähig, aber stark muß unser Geschlecht sein, nicht seicht und philisterhaft. Und wenn die Jugend für uns ist, so brauchen wir keine Angst zu haben; dann wird das liberale Judentum als köstliche Perle am Diadem Gottes seine allbeglückenden Triumphe unter der Menschheit feiern! Die Ausführungen des Herrn Dr. Stern bedeuteten denen des Herrn Rabbiners Dr. Seligmann gegenüber eine Abschwächung und Verflachung. So sollte nicht einmal über Organisationsfragen gesprochen werden, selbst wenn zugegeben werden muß, daß die Angelegenheiten der Vereinigung für die Interessen des liberalen Judentums nicht geeignet sind, die Anteilnahme weiterer Kreise zu wecken. Aber man war nun einmal da und hatte Anspruch darauf, nicht nur eine Wiederholung der Gedanken des Vorredners, sondern wirklich etwas über die Organisation des jüdischen Liberalismus in Deutschland zu hören. — Freilich ist wohl davon nicht viel mitzuteilen. Alles, was der Redner sagte, kam auf das Eingeständnis völligen Fiaskos der Orthodoxie und dem Zionismus gegenüber hinaus. Welches Armutszeugnis, Herr Generalsekretär, daß selbst in Berlin führende Juden nichts von der Existenz der liberalen Vereinigung wissen, (obwohl ja seit Geiger schon einige Zeit verflossen sein dürfte). Wir wollen es Ihnen vlauben. daß Ihre Organisation, wo auch immer sie zu arbeiten begann, versagt hat. — Auf eines freilich müssen wir aufmerksam machen. Dies Versagen ist kein Zufall; es liegt im Wesen des jüdischen Liberalismus. Er baut sich wie jede Assimilation auf einer inneren Unwahrheit auf, auf der Konstruktion verschiedener Judentümer. Er geht an des Judentumes großen Gegenständen vorbei und lebt eigentlich nur von Konzessionen, die er der „neuen Zeit“, der „veränderten Religiosität“, dem Antisemitismus macht. Auch was er Positives will, seine „Aufbautätigkeit“ ist nichts als eine Verschleierung des Abbaues. Formen des Gottesdienstes, liberale Ethik. Messiasidee ohne Zionsgehalt — der Weg von hier bis zum liberalen Protestantismus ist nicht weit. Er führt über die Reformgemeinde zur Indifferenz, zur Freireligiosität oder zur Taufe. Daran kann auch die gewiß schöne Theorie der „Menschheitsbeglückung“ nichts ändern. Die Völker wollen nun mal am eigenen, nicht an irgend einem Wesen „genesen“. Am wenigsten an Ideen, die so wenig Eigenes besitzen so Gemeingut Aller, ja fast banal geworden sind wie die des jüdischen Liberalismus. Um am Werke der Menschheit mitarbeiten, gar führen zu können, muß man erst „man selbst“, eigen und stark geworden sein. Man muß etwas bieten können, will man etwas durchsetzen. Nicht die seichte Kulturlosigkeit des jüdischen Liberalismus, sondern in jüdischer Eigenart und Überlieferung verwurzelte Kultur bahnt den Weg zu den Menschheitsaufgaben, die wie jedes Volk die Judenheit und hoffentlich in besonderem Maße hat. Jüdische Kultur aber wird nie einzelnen „Judentümern“ eigen, sondern nur der großen jüdischen Nation. Und nur von Zion, nicht von Frankfurt oder Berlin, nicht vom liberalen Generalsekretariat wird die Lehre ausgehen. ... H. F. Vor vierzig Jahren Der Zufall ließ mir dieser Tage ein Büchlein in die Hände fallen, das mir in der Zeit der antisemitischen Bewegung unserer Tage doppelt interessant erscheint; es ist dies die „Geschichte der Juden in Nürnberg und Fürth“ (von ältester Zeit bis 1878), erschienen 1878 und herausgegeben vom damaligen Magistratsrat und späteren fortschrittlichen Reichstagsabgeordneten Hugo Barbeck zu Nürnberg. Ich hatte Gelegenheit, B. zur Zeit, als er sich mit der Herausgabe seiner Schrift beschäftigte, öfter zu sprechen, und je mehr er sich mit den Einzelheiten befaßte, desto schroffer äußerte er sich über die Schikanen und Verfolgungen, welche die Juden in alten Zeiten zu erdulden hatten. Ich kann es mir nicht versagen, Barbecks Worte, welche er am Schlüsse seines Werkes anfügte, hier wieder zu geben. Er schreibt: „Was die sociale Stellung der Israeliten in Nürnberg betrifft, so dürfte noch einige Zeit hingehen, bis hierüber ausschließlich Günstiges zu berichten wäre. Einen wesentlichen Einfluß in der Beurteilung israelitischer Verhältnisse bildet der Reichtum der Gemeinde, eine Eigenschaft, die man auf alle einzelnen Mitglieder derselben überträgt und worüber man gänzlich vergißt, daß auch ein zahlreicher Mittelstand existiert und daß die Ausgaben zu Armenzwecken außerdem auf eine nicht kleine Anzahl Unterstützungsbedürftiger hinweisen. Eine kleine, angeerbte, gewissermaßen historische Abneigung läßt sich nicht ableugnen. Diese würde wohl nicht eher verschwinden, als bis sich der Grundsatz etwas mehr Geltung verschafft, daß eine Korporation irgend einer Art und deren Individuen nur dann richtig beurteilt werden können, wenn die Geschichte des Ganzen zuvor ins Auge gefaßt und kritisch untersucht ist. Statt dessen beurteilt man oft — allerdings ein rascheres und leichteres Verfahren — nach einem meist sich ungünstig abhebenden Einzelnen das Ganze und gewinnt dabei ein vollkommen unrichtiges Bild. Unter dieser gerade in der Neuzeit wieder stark hervortretenden Beurteilungsweise leiden konfessionelle und humanitäre, politische, kommerzielle und gesellschaftliche Vereinigungen mehr oder minder, leiden selbst ganze Stämme und Nationen. Man kann dies mit vollem Rechte der herrschenden, namentlich Zeitungs-Vielschreiberei zuschreiben, die eigener Denktätigkeit zu sehr vorgreift, ohne qualitativ dazu berechtigt zu erscheinen und es wird eine Emancipation von der Tagesliteratur sicherlich das Urteil und die Kritik in bessere Bahnen lenken, als die sind, in denen man momentan fährt.“ Diese Sätze sind auch in der jetzigen Zeitlage so sehr am Platze, daß ihre Lektüre allen Volkskreisen besonders zu empfehlen wäre.