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Das jüdische Echo · 1919-11-14 · 46 (14.11.1919) · p. Seite 352

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
46 (14.11.1919)
Date
1919-11-14
Page
Seite 352 (sequence 4)
Language
German
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552 Das Jüdische Echo Nr. 46 bare jüdische Zustimmung geradezu ermuntert, ihre Opposition fortzusetzen. Wir nehmen es den Anhängern der Agudas Jisroel nicht übel, wenn sie erklären, „der jüdischen Nation wird der Kampf gegen ihren gefährlichsten Feind, den Zionismus nicht erspart bleiben“. Wir lächeln, wenn sie, zwischen Herzl und Papst Pius X. vergleichend, höhnisch feststellen: „War Pius X. nicht ein besserer Jude als Theodor I.?“ Wir begreifen sogar, wenn die Sorge vor dem ständigen Anwachsen des Misrachi die Agudas-Presse zu ständigen Angriffen und Verdrehungen nötigt. Die Konstruktion des „gott-losen“ Misrachi ist ebenso komisch, wie der Versuch des „Israelit“ die Misrachisten vor die „bange Wahl Zionismus oder Gottestreue“ zu stellen; in der ein gesetzestreuer Jude „für den alten Gott der Väter optieren“ müsse. Die Gleichstellung „Gott“ und „Zionismus“, die der „Israelit“ hier vornimmt, ist seine Sache, der Versuch, den Misrachi auf diese Weise zu diskreditieren, wird wohl erfolglos bleiben. Wir nehmen ein geringes Interesse an dem Streit, den die Agudas Jisroel gegen Zionismus und Misrachi führt. Sie selbst hofft nicht den Zionismus auf die Knie zwingen, den Misrachi beseitigen zu können. Aber wenn sie die Aussichten der Gesamtjudenheit zu schädigen wagt, wie sie aus Parteiegoismus die des polnischer)/ Judentums geschädigt hat, so gebührt ihr dfe Zurückweisung aller bewußten Juden. Freilich ist ihr Wille zu schaden größer als ihre Macht. Die „Jüdischen Monatshefte“ müssen in ihrem September-Oktober-Heft selbst zugeben: „Der Jahreswechsel trifft Agudas Jisroel immer noch als ein Torso an.“ Während der Misrachi trotz aller Reibungen und Schwierigkeiten seine Organisation ausbaut, ja zur Bewegung wird, die das gesetzestreue Judentum immer stärker zu ergreifen und zur Tat mitzureißen scheint, verzettelt Agudas Jisroel ihre Kraft in einem traurigen und aussichtslosen Kampf gegen das jüdische Palästina. . . . Ich war am Vorabend des Szimchas-Thaurofestes in der Synagoge des Herrn Dr. Breuer in Frankfurt a. M. Sie ist eine der schönsten, zum mindesten eine der prächtigsten in Deutschand. Man könnte vielleicht tadeln, daß sie zu sehr einer Kirche gleicht, und daß ihre jüdische Bestimmung in ihrer Architektur kaum zum Ausdruck kommt. Da aber der Synagogenbau sich nirgends in der Welt seinen eigenen Stil geschaffen, sich vielmehr stets der profanen oder sacralen Bauart der einzelnen Länder angepaßt hat, wird man sich des Frankfurter Gotteshauses aufrichtig freuen dürfen. Die Gemeinde des Herrn Dr. Brewer entspricht ihrer Synagoge. Sie besteht im wesentlichen aus wohlsituierten Familien von Kinderstube und europäischer Zivilisation. Man ist seit Generationen in Frankfurt ansässig und erfüllt seine religiösen Pflichten^ mit jener behäbigen Gewissenhaftigkeit, die einem eine unbedrohte und behagliche Existenz gestattet. Der Tanz mit den Thorarollen war für den Geist, der dort herrscht, bezeichnend. Es war alles sehr würdig und feierlich und die befrackten Herrn, die in wohl einstudierten, gemessenen Bewegungen einer temperierten Freude Ausdruck gaben, schienen mir symbolisch zu sein für die in der Agudas Jisroel maßgebenden Kreise Frankfurts. Ganz anders war das Simchas Thaurofest in der Chassidimschul. Da war alles Lärm, Händeklatschen und Stampfen. Ein gewaltiger Rhythmus beherrschte den Raum. Gottesdienst und Leben waren eins.... Es gibt Kreise in Agudas Jisroel, die auch heute noch stark und lebendig zu sein scheinen. Auch heute besteht eine Agüdiasj ugen d, die nicht saturiert ist und deren Zionssehnsucht echt zu sein scheint. Und im Osten steht die Masse der jüdischen Orthodoxie, palästinabegeistert, lebenskräftig und in ihren besten Teilen der Schwierigkeiten froh, die ihnen der Aufbau Erez Jisroels zu überwinden gibt. Wir glauben nicht, daß die Alten, die in Wahrheit wohl von Zion reden, nicht aber für Zion kämpfen, arbeiten, leiden wollen, das lebendige Volk dauernd werden leiten können. Ob Misrachi oder Agudas Jisroel — Zion ist heut die Macht, die Denken und Handeln der bewußten Judenheit beherrscht. Wohin geht der Weg? Die Frage gilfe. nur für Agudas Jisroel. Für das jüdische Volk’ ist sie längst entschieden. G—. Nur ein Beispiel Von den zahlreichen Kampfartikeln der Agudaspresse bringen wir die untenstehende Auslassung des Israelit, die freilich in Form und Inhalt besonders bezeichnend ist. Man braucht nicht Zionist oder Misrachist zu sein, um eine Kampfesweise zu mißbilligen, wie sie in diesem Aufsatz zum Ausdruck kommt. Der ungenannte Verfasser hat es freilich nötig, sich dagegen zu verwahren, daß er die Gegensätze in der Orthodoxie verschärfen will — ob man ihm glauben wird, ist eine andere Sache. Misrachistische Jugend. Wir vermeiden es seit Monaten grundsätzlich, zu den häufig recht bedauerlichen Äußerungen des neuen misrachistischen Zentralorgans in Berlin Stellung zu nehmen, weil uns eine Verschärfung der Gegensätze unerwünscht ist. Wir ertragen es daher lieber, daß in dem Blatte unausgesetzt die Tendenz verfolgt wird, die Gesamtheit der nicht-misrachistischen Orthodoxie durch mehr oder minder abfällige und lieblose Kritiken zu verkleinern und damit den areligiösen und antireligiösen Gegnern des gesetzestreuen Judentums in die Hände zu arbeiten. Was aber in der letzten Nummer des Blattes ein offenbar ganz auf der Höhe der modernen misrachistischen Entwicklung stehender Studiosus ohne Widerspruch der Redaktion sich leistet, übersteigt doch die Grenzen des Erträglichen. Der junge Herr führt zunächst — ganz in Übereinstimmung mit unserer eigenen Auffassung — aus, daß der Zionismus nicht eine politische Organisation, sondern eine geistige Bewegung sei Er fordert, da es nicht Aufgabe des Misrachi sein könne, das jüdische Gesetz zu erhalten, sondern „an der jüdischen Renaissance in altjüdisch-religiösem Sinne mitzuarbeiten“, entschlossene geistige Emanzipation von den Gedankengängen der „Trennungsorthodoxie“ und stellt endlich fest, daß der „Zionismus ein Ideal sei, das als solches kein zweites neben sich duldet.“ Statt nun aber aus dieser letzteren, richtig erkannten Tatsache den Schluß zu ziehen, daß ein gesetzestreuer Jude, vor die bange Wahl, Zionismus oder Gottestreue gestellt, nur für den alten Gott der Väter optieren dürfe, der nun einmal nichts Gegensätzliches neben sich duldet, erklärt der junge Misrachist frisch-fröh-

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