Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 46 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 46 14. November 1919 6. Jahrgang Wohin geht der Weg? Die Züricher Konferenz der Agudas Jisroel- Weltorganisation hatte beschlossen, „unter Wahrung der Selbständigkeit der Orthodoxie mit der zionistischen Organisation behufs Herbeiführung eines gemeinsamen Vorgehens gegenüber den Großmächten in Fühlung zu treten,“ Man durfte glauben, daß der nationale Sturm und Drang der Agudas-Jisroel-Jugend, wie er hier und da auf der Würzburger Tagung, hier und da in Lokalorganisationeirin Erscheinung trat, den Sieg über Macht und Mittel der Ewig-Alten davongetragen habe. Man durfte annehmen, daß verheissungsvolle Anzeichen nationalen Denkens und Handelns, wie sie die Breuerbroschüre, wie sie die Aufsätze von Wohl'gemuth im Jeschurun dar stellten, auch praktisch in die Erscheinung treten würden. Es gab einige Monate, in denen man täglich begeisterte junge Menschen mit Agudasabzeichen sprechen konnte, die mit wahrem Feuer von der nationalen Erhebung des Volkes, von dem kommenden Palästina, ja von den Mitteln es aufzubauen, von Berufsumschichtung und sozialer Erneuerung sprachen. Das war die Zeit, wo politisch Unerfahrene glauben konnten, Erez Jisrael würde uns ohne Hindernisse als Geschenk der Mächte in den Schoß fallen, man brauche nur hinüberzugehen, mit der Arbeit zu beginnen, brauche, auf die papierene Erklärung irgendwelcher Regierungen pochend, nur die Grenzen abzustecken und Araberfrage, Immigrationsnöte, landwirtschaftliche, industrielle und sonstige wirtschaftliche Schwierigkeiten wären erledigt; „all right“, sagt der fixe Amerikaner. Die Zionisten haben sich gewiß ehrlich über das Errungene gefreut, sie haben, wie alle Nachrichten zeigen, mit Recht den verheißenen Charter als einen gewaltigen Schritt vorwärts betrachtet, aber sie haben in ihm nur einen, den ersten und freilich den schwierigsten Schritt gesehen. Agudas Jisroel, die nichts getan hatte, um die zionistischen Verhandlungen zu fördern, ja deren Polenpolitik unseligen Angedenkens nicht nur die polnischen Juden, sondern auch das Verhältnis der Juden zu den rpaßgebenden Mächten aufs schlimmste zu gefährden geeignet war, scheint freilich zu denen gehört zu haben, die mit der Balfourschen Erklärung die Saat für reif zur mühelosen Ernte hielten. Die zionistische Organisation begann fast zugleich mit ihren politischen Erfolgen die Ausarbeitung genauer Pläne für die Immigration, und alle zionistischen Richtungen sind sich, mögen auch über das Tempo der Einwanderung verschiedene Meinungen bestehen, darüber einig, daß die Möglichkeit besteht, „Millionen in Palästina anzusiedeln“, daß also Palästina, soweit das überhaupt denkbar ist, wirklich die Lösung der Judenfrage bedeutet. Agudas Jisroel, die selbst nie etwas Nachhaltiges für Palästina getan, die aber gern den Ruhm der nicht von ihr errungenen Erfolge mit in Anspruch genommen hat, Agudas Jisroel tut jetzt so, als seien seitens der Zionisten unerfüllbare Hoffnungen erweckt worden, als habe man mindestens den Ostjuden die Möglichkeit eines Judenstaates, die den entwurzelten Massen sofort Aufnahme bieten könne, vorgespiegelt. Es mag Leute gegeben haben, die volkswirtschaftlich und politisch unreif genug waren, so etwas zu glauben; die befanden sich aber gewiß nicht unter den zionistischen Sachverständigen sondern unter den Agudas Jisroel-Unsachverständigen. In lobenswertem Überschwang hat die Agudasjugend ohne den wahren Verhältnissen Rechnung zu tragen, den Alten, die weit lieber in der ruhigen Behaglichkeit des Galuth ihre Tage verbringen wollen, nationale Bekenntnisse, ja Handlungen abgerungen. Es ist kein Wunder, daß jetzt, da die phantastischen Hoffnungen der ersten Wochen sich natürlich nicht erfüllen und, Gott sei Dank, pflichttreue Arbeit schaffen muß, was so mancher sich, wir glauben zum Schaden der Judenheit, gern hätte in den bchoß fallen lassen, jene Richtung der Orthodoxie thriumphiert, die am liebsten jede nicht nur theoretische Beziehung zu Erez Jisroel beseitigen möchte. Schlimm ist nur, wie sie ihren Triumph ausnutzt. Daß man die Züricher Beschlüsse heute nicht ungern der Vergessenheit überliefern möchte, ist verständlich. Daß man aber in ziemlich — unangebrachter Weise zionistische Behauptungen und Forderungen fingiert, die nie aufgestellt worden sind, nur um sie widerlegen zu können, ist schon schlimmer. Wenn schließlich die Jüdischen Monatshefte der Herren Dr. Breuer und Dr. Pinchas Kohn behaupten, der Zionismus „habe die östlichen Massen vielfach dem Golus seelisch entwurzelt, indem er vorschnell die Fata Morgana eines alle Juden, zum mindsten alle Ostjuden aufnehmenden Judenstaates den Juden vorführte, so findet man schwer die Worte, um ein solches Verfahren zu kennzeichnen. Zum mindesten Herr Dr. Pinchas Kohn müßte doch mit polnischen Verhältnissen vertraut genug sein, um zu wissen, daß es nicht erst der zionistischen „Fata Morgana“ bedurfte, um diese bedrohten Menschen zu entwurzeln. Zum mindesten er mußte sich doch sagen, daß eine ihm gut bekannte Kriegspolitik den Juden Polens den Boden geradezu unter den Füßen fortgezogen hat. Weiß er nichts mehr von der unseligen Agudas Haorthodoxim und ihrem politischen Auftreten, das einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung in den Augen der Polen direkt zu Landesverrätern stempeln mußte? Wir wollen der polnischen Schuld an der Judenhetze nicht ein Quentchen fortnehmen; wenn aber von jüdischer Schuld an den jetzigen Zuständen gesprochen werden kann, so darf die Agudas Jisroel ein gerüttelt Maß auf ihr Konto setzen. Wohin geht der Weg der nicht misrachistisch organisierten Orthodoxie? Fast sieht es so aus. als wolle man möglichst die Aussichten auf Palästina, die der zionistischen Arbeit zu danken sind, zu Schanden machen oder, da dies doch nicht möglich ist, wenigstens so weit denkbar, stören. Mit Behagen werden alle gegnerischen Preßstimmen gesammelt, werden die Araber durch schein-