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Das jüdische Echo · 1919-11-07 · 45 (7.11.1919) · p. Seite 543

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
45 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
Seite 543 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 543 Gegensatz zwischen den verschiedenen innerpolnischen Energien. Gerade den Weg solcher Neutralität hat man — eben abgesehen von der erwähnten Cleinowischen Förderung der nationalistischen jüdischen Presse — nicht eingeschlagen. Erst kam die Schulverordnung (April 1915) des Oberbefehlshabers Ost, die die Germanisierungstendenz der deutschen Politik unverblümt offenbarte, und dann kam die Politik des Herrn von M u t i u s mit dem gerade entgegengesetzten Ziel und einer Auffassung, die alles eher als realistisch und nüchtern war. In der Judenfrage ist sie am prägnantesten gekennzeichnet durch die Tatsache, daß den stärksten Einfluß auf den Gang der Dinge Herr Rabbiner Dr. Pinchas K o h n aus Ansbach gewann. Er und der gleichfalls von der Verwaltung zur Wirksamkeit im Generalgouvernement zugelassene, aber unvergleichlich unbedeutendere und nichts weniger als geschickte Dr. Carleb a c h aus Köln wollten, wie Stein es formuliert, „mit Hilfe einer großzügigen Organisation der polnischen orthodoxen Masse die entnationalisierenden Theorien der deutschen assimilierten Orthodoxen ihrer Färbung einpflanzen.“ Das damals noch in der Hauptmasse unpolitische orthodoxe polnische Judentum sollte darin bestärkt werden, daß das wirklich fromme Judentum etwas rein Religiöses sei, das mit dem völkischen Empfinden nicht gemischt sein dürfe. Im Kampfe gegen die national orientierten jüdischen Parteigruppen sollten sie als Nur-Religiöse politisch mit den Polen Hand in Hand gehen. So kam es zur Gründung der Agudas Haorthodoxim, die freilich etwas anderes war als eine Assimilatoren-Vereinigung und von den „Polen mosaischen Glaubens“, als die sich die eigentlichen A'ssimilanten zu bezeichnen liebten, durch ihre ehrliche Orthodoxie differenziert, aber praktisch im Rahmen der jüdischen Bewegung nur eine Verstärkung der Assimilation bedeutete. Herr von Mutius, der erfüllt war von dem Glauben, daß der Nationalismus nach dem Kriege eine abgetane Sache sein werde, und in diesem Geist auch Politik machte, in der Überzeugung, daß die Polen in wenigen Monaten ihre innere Feindseligkeit gegen das Deutschtum in eitel Lieb’ und Freundschaft gewandelt haben würden, war begreiflicherweise überaus einverstanden mit der Aktion des Herrn Dr. Kohn. Aber die Agudas Haorthodoxim konnte dadurch doch keine Festigung gewinnen, die sie gegenüber den Stürmen gesichert hätte, mit denen ja auch die deutsche Verwaltung aus Polen weggefegt wurde. Die Bewegung mußte zusammenbrechen und um so sicherer, je mehr sie als1 deutsche Gründung von der deutschen Verwaltung direkt und indirekt gefördert wurde, „Indirekt“ durch den Kampf, den die Verwaltung immer offener gegen alles, was dem jüdischen Volksgedanken nahestand, führte. Das gilt besonders vom Zionismus. Wer sich für dieses überaus interessante Kapitel der Geschichte des polnischen Judentums interessiert, lese den Steinischen Abschnitt in dem eingangs genannten Buche. Es hat in der Tat weit mehr als territoriale Bedeutung, daß durch die weitgehende Begünstigung des Anti-J'Jationalismus der nationale Gedanke und damit hier allerdings auch der Zionismus trotz seines Gegensatzes zum Nationalismus im engeren Sinne nur gekräftigt wurde. Es hat aber natürlich auch für die deutsche Judenschaft keine geringe Bedeutung, daß eine Bewegung, die in ihren Reihen einen so starken Anhang gewinnen konnte, innerhalb des numerisch so viel wichtigeren Ostjudentums so völlig versagen konnte. Ich räume ohne weiteres ein, daß für die Idee der Entnationalisierung der Ostjuden manche Argumente geltend gemacht werden können, aber es sind nur rationalistische Stuben-Theorien, di'e gegenüber der Wucht des Nationalismus der anderen, der Nichtjuden, in der freien Luft, in der sich der politische Kampf, der Kampf um die Herrschaft — immer noch „über die“ nicht „der“ Massen abspielt, nicht standhalten. Wer den Willen zur jüdischen Volksgemeinschaft nicht sehen will, dem ist eben so wenig zu helfen, wie den Männern der deutschen Verwaltung, die die Entnationalisierung des Judentums in Polen mit all ihrer Macht erreichen zu können glaubten und die nicht glauben wollten, daß es auf den Willen allein ankommt in der Gestaltung der Nationalitäten. Die Demission Baliours Die Demission des englischen Ministers für auswärtige Angelegenheiten, der bekanntlich Afne bedeutsame Rolle in dem Zustandekommen aer englischen Deklaration für eine jüdische Heimstätte in Palästina spielte, ist nicht als ein Anzeichen der Änderung der auswärtigen Politik des britischen Reiches zu deuten. Die Demission findet ihre Begründung ausschließlich in persönlichen Motiven und in dem hohen Alter Balfours. Der neue Minister, Lord Curzon, wird, wie das Jüdische Korrespondenzbureau in London berichtet, die Politik Balfours im allgemeinen fortsetzen. Was den Zionismus betrifft, ist die Anschauung gerechtfertigt, daß die jüdischen Bestrebungen in dem neuen Leiter der englischen auswärtigen Politik loyale Förderung finden werden. Beisetzung von Urnen auf den jüdischen Friedhöfen in Bayern Unter Bezugnahme auf den in Nummer 43 unseres Blattes behandelten Aschaffenburger Fall, in welchem es sich darum gehandelt hatte, ob ein Gemeindemitglied berechtigt ist, gegen den Widerspruch des Rabbiners Urnen von feuerbestatteten Verwandten auf dem Friedhof einer israelitischen Kultusgemeinde in Bayern beisetzen zu lassen, sind wir jetzt auch in der Lage, die am 17. Oktober vom Verwaltungsgerichtshof erlassene Entscheidung mitzuteilen. Dieselbe geht dahin, daß dem Kaufmann L. T. kein Rechtsanspruch zusteht, die Urnen seiner feuerbestatteten Eltern auf dem israelitschen Friedhof beisetzen zu lassen. Auch wurden die sämtlichen Kosten beider Instanzen dem. L. T. überbürdet. Aus der jüdischen Welt - Palästina. Der Handel mit Palästina. Der „Internationale Nachrichtendienst“ meldet aus Stockholm: Der schwedsiche Generalkonsul in Jerusalem, G. Dalman, legt in einer Zuschrift an das schwedische Handelsamt die Verhältnisse dar, welche gegenwärtig in kommerzieller Hinsicht in Palästina herrschen. Der Krieg hat fast den ganzen Verkehr nach und von Palästina lahmgelegt. Nun belebt er sich wieder und verschiedene Nationen senden bereits ihre Schiffe an die syrische Küste. Der ganze frühere Handel wird aber durch den zukünftigen Handel in den Schatten gestellt werden, da die Juden Palästina zu einem Kulturland

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